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Das Maßband 2.0 ersetzt das Augenmaß

Ein Berliner Startup hat eine Software entwickelt, mit der Kleidung aus dem Internet passgenau bestellt werden kann

Es fiept und piept in der Eingangshalle der Humboldt-Universität. Mareike Geiling dreht sich zum Laptop, der ein paar Schritte vor ihr auf einem Tisch steht. "Halte die CD nur mit den Fingerspitzen, so dass sie gut zu sehen ist. Drehe dich zur Kamera", knarrt es aus einer kleinen Computerbox daneben. Mareike Geilings Turnschuhe quietschen auf dem Marmorboden. Vor ein paar Sekunden hat sie sich ein schwarzes T-Shirt übergezogen, die blonden Haare hat sie nach oben gebunden. Sie lächelt in die Kamera des Computers, die sie von Kopf bis Fuß möglichst genau zu erfassen versucht. "Die Arme bitte gerade und nicht angewinkelt halten", knarrt es wieder aus der Box.

Von dem, was auf den ersten Blick aussieht, als betreibe Mareike Geiling Morgengymnastik, könnte die 25-Jährige profitieren. Die kleine Bewegungsübung könnte dazu beitragen, dass ihr die Hosen und Shirts, die sie im Internet bestellt, in Zukunft passen wie angegossen.

So zumindest der Plan, den das Berliner Startup-Unternehmen UpCload verfolgt. Mit der Software will es garantieren, dass im Internet gekaufte Kleidung auf Anhieb passt, und so die Art, wie Menschen ihre Kleidung einkaufen, revolutioniert. "Die Software ist weltweit bisher einzigartig und funktioniert mit jedem Computer, der eine Webcam hat. Sie misst den ganzen Körper, so dass der Nutzer Werte bekommt, die genauer sind als beim Maßschneider", sagt Asaf Moses. Der 29-Jährige kniet vor dem Laptop in der Eingangshalle der Universität, um ihn herum drängen sich Studenten. Asaf drückt auf eine Taste und die Vermessung von Mareike Geiling beginnt.

Der Computer stellt einen roten Kreis dar, in dem sich die 25-jährige Studentin positioniert. "Bitte halte die CD ganz nah an den Bauch", knarzt es aus den Boxen. Asaf Moses spielt mit einer CD in den Händen, deutet auf sie und sagt: "Das ist unser sogenanntes Referenzobjekt, weil die CD überall auf der Welt elf Zentimeter lang ist. Wir setzen sie ins Verhältnis mit dem Körper und bemessen so die jeweiligen Maße", sagt der ehemalige VWL-Student, der an der Humboldt-Universität seinen Abschluss machte.

Programm funktioniert weltweit

Dass das Programm, das Benutzer seit einer Woche auf der Internetseite der Jungunternehmer frei und kostenlos direkt verwenden können, auf der ganzen Welt funktioniert, darauf haben die Macher großen Wert gelegt. Denn ob das Projekt tatsächlich ein Erfolg wird, das entscheidet letztlich, ob die großen Bekleidungshersteller mitspielen. Ein Hindernis ist, dass die Größen von Label zu Label unterschiedlich ausfallen. Ein T-Shirt in "M" vom ersten Hersteller, kann beim zweiten schon wie Größe "S" ausfallen. "Wir brauchen von den Herstellern genauere Daten, zum Beispiel die Schnittmuster der Kleidung, um den Kunden genau zu beraten", sagt Asaf Moses.

Deshalb sei es notwendig, dass die Jungunternehmer mit Internet-Shops und Textilherstellern zusammenarbeiten.

Mit dabei ist bereits der große amerikanische Hersteller für Outdoor-Bekleidung, "The North Face". Nächste Woche fliegt Asaf Moses nach Amerika, um mit "Nike" und zwei weiteren Herstellern zu verhandeln. Auch einer der drei großen Hersteller in Deutschland wolle UpCload bald integrieren, sagt Moses. Denn, das betont er, auch die Hersteller würden von der Software profitieren. "Insbesondere Deutschland ist Weltmeister im Zurückschicken von im Netz gekaufter Kleidung - 40 Prozent gehen Retour", sagt Moses. Und rechnet vor, dass den Unternehmen damit pro Jahr ein Schaden von einer Milliarden Euro entstehe. Bisher kooperieren die Berliner bereits mit dem Humboldt-Store ihrer ehemaligen Universität und zwei kleineren Shops. Zum Ende des Monats sollen noch vier weitere hinzukommen. "Auch mit den ganz großen Web-Shops sind wir im Gespräch. Zum Beispiel mit Zalando", sagt Moses. Dieses Unternehmen wolle aber noch ein paar Monaten sehen, wie sich das Projekt entwickelt und erst dann kooperieren.

Finanzierung durch Händler

Ganz uneigennützig ist das digitale Maßband natürlich nicht. "Wir werden von den Händlern, den sogenannten Retailern, bezahlt. Und zwar pro Käufer, der seine Kleidung auf Basis von unseren Werten bestellt", sagt Asaf Moses, der Wirtschaftswissenschaften studiert hat. Der Computer gibt hilfreiche Informationen: Das jenes Hemd zum Beispiel etwas zu eng an der Brust sitzt, dass das Kleid der Kundin bis zum Knöchel reicht oder auch, wie viel Zentimeter Unterschied zwischen zwei Standardgrößen liegen. Exakte Körpervermessung ohne Schneider und Maßband eben.

Wenn der Plan aufgeht, dürfte daraus für die zwei Gründer und Geschäftsführer Asaf Moses und Sebastian Schulze, 25, ein gutes Geschäft werden. Bereits 20 Mitarbeiter arbeiten für das Startup der zwei ehemaligen Studenten der Humboldt-Universität. Seit dem Jahr 2010 werden sie von der universitätseigenen Humboldt Innovation GmbH mit dem sogenannten Exist-Gründerstipendium gefördert, seitdem haben sie ihre eigenen Büroräume. Davor arbeiteten sie in dem WG-Zimmer von Moses. Das ist ihr kleiner Gründungsmythos, der an die Großen der Branche erinnert.

Asaf Moses lächelt. Er greift seine Handykamera und macht ein Foto von Mareike und den Anderen, die sein Programm ausprobieren und sich dafür begeistern. Schritt für Schritt wollen die Jungunternehmer jetzt auch die Hersteller begeistern. Mit Augenmaß, sagt Asaf Moses.