Tragischer Verkehrsunfall

"Ich habe noch versucht, ihnen zu helfen"

25-jähriger Taxifahrer erfasst zwei Fußgänger beim Zurücksetzen vor Virchow-Klinikum. Senioren sterben trotz Notoperation

Irfan D. schaut ungläubig auf die Fahrbahn der Amrumer Straße in Wedding. Auf dem Teer sind noch deutlich die Markierungen der Polizei zu erkennen. Wie genau es abgelaufen ist, kann der 25-Jährige noch gar nicht sagen. "Es ging alles so schnell", sagt er. Irfan D. wirkt traumatisiert. Denn dort, vor der Charité Campus Virchow-Klinikum, erfasste er mit seinem Taxi Dieter und Renate S. Die beiden Senioren wurden so schwer verletzt, dass sie wenig später im Krankenhaus starben.

Der Unfall passiert am Montagnachmittag. Irfan D. hat gerade über Funk den Auftrag bekommen, mit seinem Großraumtaxi fünf Kunden aus dem Virchow-Klinikum abzuholen. Gegen 15.10 Uhr fährt er mit seinem Mercedes Vito auf der Amrumer Straße. Doch er verpasst die Einfahrt zum Klinikum. Irfan D. bremst abrupt, legt den Rückwärtsgang ein und gibt Gas. In genau diesem Moment treten der 79-jährige Dieter S. und seine Frau, die 74 Jahre alte Renate S., auf die Fahrbahn. Irfan D. prallt offenbar mit hoher Geschwindigkeit gegen die beiden Senioren. Sie schleudern durch die Luft auf die Straße. "Ich bin sofort aus dem Auto gestiegen und habe noch versucht, ihnen zu helfen", sagt er.

Die Hilfe kommt zu spät

Doch Renate S. ist bereits nicht mehr ansprechbar. Auch ihr Ehemann ist schwer verletzt. Das Ehepaar kommt in die Notaufnahme des Klinikums, beide werden notoperiert. Doch trotz der schnellen Hilfe ist es zu spät. Wenige Stunden später stirbt die 74-Jährige. Ihr Ehemann verliert den Kampf ums Leben am Dienstagmorgen.

Irfan D. fährt bereits seit vier Jahren mit seinem Taxi durch Berlin. Allerdings ist das nur sein Nebenberuf. Das Geld, das er als Bürokaufmann verdiene, reiche nicht aus, sagt er. Also setzt er sich meistens an den Wochenenden hinter das Steuer, um über die Runden zu kommen. Der Deutsche mit türkischen Wurzeln ist nach dem tragischen Unfall sofort in das Krankenhaus geeilt, um sich über den Gesundheitszustand der Senioren zu informieren. Auch die Nacht habe er dort verbracht, sagt er. "An Schlaf war überhaupt nicht zu denken", so der 25-Jährige. Seine Gedanken drehten sich immer um dieselbe Frage: "Warum habe ich sie nicht gesehen?" Die kleine Straße am Augustenburger Platz, die zum Virchow-Klinikum führt, ist leicht zu übersehen. Vielleicht wurde Irfan D. durch die vielen Baustellenschilder abgelenkt. Die Polizei leitete ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung ein.

Renate und Dieter S. wohnen nur wenige Hundert Meter vom Unfallort entfernt. Die Nachbarn beschreiben das Ehepaar als freundlich und aktiv. Jedes Wochenende sei das adrett gekleidete Paar ins KaDeWe an der Tauentzienstraße gefahren, um Delikatessen einzukaufen, erzählen Nachbarn.

Allein im vergangenen Jahr waren laut Statistik der Polizei rund 13.500 Personen über 64 Jahre an Verkehrsunfällen beteiligt. Knapp 1000 von ihnen wurden leicht verletzt, fast 300 schwer. 17 Senioren verunglückten tödlich. Und auch in diesem Jahr sind die Hälfte der bislang acht tödlich verunglückten Personen Senioren.

Unfallforscher warnen seit Langem, dass angesichts der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung die Zahl der Unfälle älterer Menschen ansteigen werde. Da sie heutzutage sehr viel mobiler und somit häufiger im Straßenverkehr als früher unterwegs sind, steigen die Unfallzahlen schon seit Jahren. Zum Vergleich: Im Jahr 2001 verunglückten gerade einmal 7374 Menschen über 64 Jahre im Berliner Straßenverkehr.

Hinzu kommt, dass fast ein Drittel der Taxifahrer sich nicht an die Verkehrsregeln hält. Das ergab 2011 eine Untersuchung des ADAC, bei dem Fahrer in 22 europäischen Städten unter die Lupe genommen wurden. Laut der Studie fahren sie zu schnell, missachten rote Ampeln oder telefonieren während der Fahrt ohne Freisprechanlage. Zwar schnitt Berlin in der Gesamtwertung mit "gut" ab. In Sachen Fahrstil reichte es aber nur für ein "ausreichend".

Taxiverband für strengere Regeln

Der Taxiverband Berlin Brandenburg (TVB) nennt den Unfall am Ostermontag tragisch. Er zeige jedoch auch, dass Taxifahrer besser geschult werden müssten, sagte TVB-Vorstand Detlef Platte. "Wir bieten seit Jahrzehnten Verkehrsseminare für Taxifahrer an, bei denen sie auch auf solche Situationen vorbereitet werden." Offenbar habe Irfan D. ein solches Seminar nicht absolviert, vermutet er: "Denn ein Berufskraftfahrer sollte auf einer Straße grundsätzlich nicht rückwärts fahren, sondern wenden." Platte plädiert deshalb dafür, die Taxifahrerprüfungen um ein verpflichtendes Verkehrsseminar zu ergänzen. Bislang müssen die Fahrer lediglich eine schriftliche Prüfung und zwei bis drei Praxisfahrten absolvieren.

Im Moment weiß Irfan D. noch nicht einmal, ob er sich überhaupt irgendwann noch einmal hinter das Steuer eines Taxis setzen wird. Erst einmal wolle er mit den Angehörigen von Renate und Dieter S. Kontakt aufnehmen - und um Verzeihung bitten.