Mittelstand

Das 300-Millionen-Problem

Gewerbehöfen droht die Insolvenz: 1600 Berliner Firmen der Gesellschaft GSG mit 15.000 Mitarbeitern sind betroffen

Raymund Hammer ist ein umsichtiger Mann. Der Geschäftsführer der Lichtmesstechnik Berlin GmbH (LMT) mit Sitz in den ehemaligen Osram-Höfen an der Charlottenburger Helmholtzstraße entwickelt mit seinen 38 Mitarbeitern Labore zur Messung von Licht und Farbe, die auf der ganzen Welt gefragt sind. Seit 1978 ist die Firma Mieter in den Höfen, die zur Orco-GSG Gewerbesiedlungs-Gesellschaft gehören. Letzteres allerdings ist ein Umstand, der ihm derzeit sehr viel Kopfzerbrechen bereitet. "Ich lese regelmäßig den Wirtschaftsteil der Zeitung und mache mir über die finanzielle Situation bei dem Unternehmen keine Illusionen", sagt Hammer. Die Nachricht, dass dem größten Berliner Gewerbeflächenanbieter die Insolvenz droht, weil die Royal Bank of Scotland (RBS) die vollständige Rückzahlung ihres Kredits über rund 300 Millionen Euro zum 16. April fordert, komme für ihn zwar nicht überraschend. "Bedrohlich ist sie aber dennoch", sagt der Unternehmer.

In Umbauten investiert

Wie viele der insgesamt 1600 kleinen und mittelständischen Gewerbemieter der Orco-GSG hat auch Raymund Hammer viel Kapital in den Aus- und Umbau der angemieteten Räume gesteckt. "Noch kurz vor dem GSG-Verkauf an die Orco-Gruppe haben wir für eine halbe Million Euro ein 600 Quadratmeter großes Dachgeschoss ausgebaut", sagt der LMT-Chef. Insgesamt hat sein Unternehmen 2000 Quadratmeter angemietet. Der Einbau von sogenannten Dunkelräumen, extra großen Türen, speziellen Klimaanlagen und Datenleitungen habe ebenfalls ein paar Hundert Euro pro Quadratmeter gekostet. "Für einen Großteil der angemieteten Fläche haben wir deshalb auch eine langfristige Mietoption bis 2024", sagt Hammer. Das Risiko, so viel Geld in angemietete Räume zu investieren, hielt der Firmeninhaber damals für vertretbar: "Schließlich handelte es sich ja um ein landeseigenes Unternehmen", sagt er. Doch durch den Verkauf der Höfe an die Orco-Gruppe muss er sich nun um die einstmals so sicher geglaubte Investition sorgen.

Dass diese Sorge berechtigt ist, bestätigt ein erfahrener Berliner Insolvenzverwalter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: "Es könnte ja sein, dass das Verfahren in Kürze bei mir auf dem Tisch landet." Im Falle eines Insolvenzverfahrens, so der Jurist, gelten die gesetzlichen Kündigungsfristen: "Und das sind im Normalfall drei Monate." An langfristige Mietverträge und andere Sonderabsprachen sei der Insolvenzverwalter beim Verkauf aus der Insolvenz nicht gebunden.

Ob die Royal Bank of Scotland allerdings die Insolvenz der Orco-GSG anstrebt, ist völlig offen. Auskünfte zu ihren am 16. April fälligen Kreditforderungen gab es am Mittwoch trotz schriftlicher Anfrage nicht. Bei Immobilienexperten gilt die Insolvenz jedoch als probates Mittel, um sich eines nicht mehr erwünschten Gesellschafters zu entledigen. Mit diesem taktischen Schachzug könne der Hauptgläubiger seine Vorstellungen dann ohne Störungen umsetzen. Zu einer Zwangsversteigerung, da sind sich die Experten jedoch einig, werde es wohl nicht kommen. Die Bank habe ein Interesse daran, den Geschäftbetrieb aufrechtzuerhalten, so die übereinstimmende Meinung. Insofern werde sich für die Mieter in den Gewerbehöfen zumindest zeitnah nichts ändern.

Angst um den Arbeitsplatz

Für den Betriebsrat des Unternehmens mit derzeit 63 Mitarbeitern ist das nur ein schwacher Trost. "Nicht nur unsere Mitarbeiter sehen ihren Arbeitsplatz gefährdet", so Henning Jürgens vom Orco-GSG Betriebsrat. Auch die Zukunft von den mehr als 15.000 Mitarbeitern in den 1600 Firmen stünde auf dem Spiel, sollte die GSG nicht mehr als verlässlicher Partner zur Verfügung stehen, ist er überzeugt. Denn gerade Gewerbemieter bräuchten langfristige Perspektiven für ihre Investitionen am Standort. Der Rundbrief der Orco-GSG Geschäftsführung an die Mitarbeiter sei deshalb auch alles andere als beruhigend. In dem Schreiben räumt die Unternehmensführung ein, "dass wir bis Mitte April die Refinanzierung nicht abgeschlossen haben werden". Man sei jedoch mit der Royal Bank of Scotland im ständigen Austausch, könne "jedoch bis zum heutigen Tag nicht einschätzen, wie sich die Bank entscheiden wird". Um die Mitarbeiter über den aktuellen Stand im Unternehmen zu informieren, hat der GSG-Betriebsrat die Mitarbeiter deshalb zur Betriebsratsversammlung eingeladen. "Die Versammlung findet am 17. April statt", sagt Henning Jürgens. Nach dem bekannten Katastrophenfilm werde dieser Tag unter den Mitarbeitern mit dem Mut der Verzweiflung als " The Day After" gehandelt. "An dem Tag wissen wir immerhin, woran wir sind", sagt der 48-Jährige, der seit dem Jahr 2002 bei der GSG beschäftigt ist.