Meine Woche

Der andere Blick zurück

Christine Richter über Nostalgie, Margot Honecker und wichtige Filme

Die Sowjetunion zerfiel, die Welle der Demokratie erfasste die Ostblockstaaten, also auch die DDR. Viel ist über diese Entwicklung diskutiert worden, wir in Berlin, wir in Deutschland haben den Einigungsprozess meiner Meinung nach ganz gut bewältigt. Jetzt, Anfang April, fast 23 Jahre nach dem Ende der DDR äußert sich Margot Honecker, die Ehefrau von Erich Honecker, erstmals in ihrem chilenischen Exil über diesen Staat und die Zeit danach. 84 Jahre ist sie alt, und sie hat nichts begriffen.

Es ist fast unerträglich, was Margot Honecker in dem Fernsehinterview, das am Montag ausgestrahlt wird, behauptet. Sie, die rund 30 Jahre lang die Bildungspolitik in der DDR bestimmt hat, sagt: "Es ist eine Tragik, dass es dies Land nicht mehr gibt." Und: "Es gab keinen Schießbefehl, sondern nur Waffengebrauchsbestimmungen." Oder, schlimmer noch, über die Toten an der Mauer: "Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern, um diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen." Wie kann ein Mensch nur so über Menschen reden?

Ich habe viel Zeit zu DDR-Zeiten in der DDR verbracht. Mein Vater kommt aus Dresden, ist kurz vor dem Mauerbau nach Westdeutschland geflohen. Seine Geschwister, deren Familien, sie alle blieben in der DDR. Wir besuchten sie regelmäßig, jedes Jahr einmal, manchmal zu Ostern und in den Herbstferien, machten gemeinsam Urlaub in der damaligen Tschechoslowakei. Ich hatte Freunde, wir trafen uns in Ost-Berlin zu Ausflügen, zum gemeinsamen Rockpalast-Gucken - in Dresden, im Tal der Ahnungslosen, konnte man ja kein West-Fernsehen empfangen. Die Stasi - leicht zu erkennen an hellblauen Polyesterjacken, an billigen braunen Schuhen - war häufig in der Nähe, erst recht, als ich einen Mann aus Dresden heiraten wollte. Wir alle - die Familie, die Freunde - waren uns in diesen Jahren bis 1989 menschlich nah, doch eine entscheidende Sache trennte uns: Ich konnte immer wieder ausreisen, zurückkehren in das freie Deutschland.

Wer den DDR-Zeiten nachtrauert, den habe ich deshalb nie verstanden. Man mag in den vergangenen 23 Jahren einiges vergessen haben, die Erinnerung an die Grenzkontrollen, an die freudlosen Kaufhallen mit den vielen leeren Regalen, an die Gängelungen verblassen. Den Vergesslichen jedoch sei empfohlen, ins Kino zu gehen. Gerade läuft der großartige Film "Barbara" mit der großartigen Nina Hoss. Schauen Sie ihn sich an - es ist alles wieder da. Die dunklen Straßen, die zerfallenen Gebäude, diese schrecklichen Plastikstühle. Erinnern Sie sich? Die leeren Geschäfte, der Stasi-Offizier und die IMs, die man erkennt, ohne dass sie sich zu erkennen geben.

Ich werde am Montagabend um 21 Uhr das Interview mit Margot Honecker in der ARD ansehen. Weil ich nichts vergessen habe.

Christine Richter leitet gemeinsam mit Gilbert Schomaker die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Gilbert Schomaker über seine Woche in Berlin.