Achim Achilles

Die Gebete der Sportler

Achim Achilles alias Hajo Schumacher ist Deutschlands bekanntester Hobbyläufer

In aufwendigen Versuchsreihen hat die Sporthochschule Köln einmal festgestellt, dass Laufen und Beten viel gemeinsam haben. Auch wenn nicht jeder betet, der beim Intervalltraining an die Apokalypse denkt, hätte man zu diesem Resultat auch ohne Experiment kommen können. Ein Abend auf der Tartanbahn im Mommsenstadion hätte gereicht.

In Wirklichkeit ist Laufen nicht so ähnlich wie Beten, sondern exakt dasselbe: Laufen ist Beten, und zwar noch vor dem Aufstehen: Bitte lass den ersten Schritt des Tages nicht wieder so höllisch schmerzen wie gestern! Bitte keine Intervalle auf dem Trainingsplan! Und nicht wieder die blöde Kuh beim Training und den jugendlichen Meilenbeißer erst recht nicht! Bitte nicht schon wieder Letzter! Und schick endlich mal wieder die leckere Triathletin in die Sauna, die mich immer so interessiert anguckt, aber lass mich nicht das große Handtuch vergessen, das ich wie zufällig über meinen Bauch drapieren kann.

Gerade Läufer im besten Alter beten praktisch den ganzen Tag lang. 40 ist eben nicht nur die neue 20, sondern auch die alte 80. In der Not greift man eben zu den Rezepten von Oma. Und die ging jeden Sonntag in die Kirche. Da lauf ich in den Blätterdom des Grunewalds. Und weil beides von einer gewissen Langeweile ist, fängt man eben an, über alles Mögliche nachzudenken, was mit der Zeit ins Beten übergeht. Aber wer erlebt schon das meditative Brabbeln im Paralleluniversum der Endorphine?

Gregorianische Harmonie mag beim Laufen in der dünnen Luft Tibets vorkommen oder bei Emo-Joggerinnen, die jeden Baum umarmen, aber im Alltag praktisch nie. Da kann sich auch der zartfühlendste Kirchentagsbesucher nicht der inneren Scharia erwehren, die dem Coach, der grinsend Sprints befiehlt, eine Sofort-Steinigung wünscht. Leider fehlt die Kraft. Wie auch? Der Läufer hat keine Zeit für Kontemplation. Läuft er alleine, betet er, dass ihn keiner auf der Abkürzung erwischt. Läuft er in der Gruppe, hofft er, dass das Grummeln im Bauch nicht das ist, wofür es hält, und dass das Blätterbüschel unter den neuen teuren Schuhen nicht etwa deswegen so hartnäckig am Hacken klebt, weil irgendwo ein Hundehaufen rumlag. Läuft er seit Langem zum ersten Mal wieder, betet er, dass die arg gespannte Hose durchhält.

Fortgeschrittene Läufer unterscheiden zwischen Angst-, Stoß-, Hass- und Hoffnungsgebet. Das Angstgebet ist wohl die verbreitetste Form: Die Puste, die Waage, die Pulsuhr - aber nirgendwo wartet Erlösung. Gesteigerte Angst führt zum Stoßgebet, das mit der Atmung korrespondiert. Zu Stoßatmung und Stoßgebet kommt es gern ab Marathon-Kilometer 34, übrigens garantiert supra-religiös: Christen, Hindi, Muslime und Tantra-Yogis beten alle das Gleiche: Lass den Mist endlich vorbei sein! Auf den allerletzten Metern schlägt das Stoßgebet dann ins Hassgebet um: Wüste Flüche und Verwünschungen treffen vor allem jenen säbelbeinigen Senioren, der dich kurz vor dem Zielstrich noch überholt, auch wenn man dem Sportsfreund nachher auf die welke Schulter klopft.

"Wir möchten mit unserer Studie weder den Sport auf eine religiöse Ebene heben noch die Religion trivialisieren", erklärte übrigens der Forschungsleiter der Studie. Keine Sorge: Das machen wir Läufer schon selbst.