Einsätze

Berliner rufen Feuerwehr so oft wie seit Jahren nicht

Die Zahl der Einsätze nimmt 2011 auf 357.000 weiter zu. Rettungskräfte häufig verspätet am Ort

Drei Bewohner des Hauses, darunter auch ein Kleinkind, konnten sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die Polizei ermittelt wegen fahrlässiger Brandstiftung. Der Brand in Bohnsdorf ist nur ein Einsatz von mehreren Tausend, zu denen die Berliner Feuerwehr jedes Jahr gerufen wird. Wie die offizielle Jahresbilanz zeigt, wird die Arbeit für die Feuerwehr nicht einfacher. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr sind die Einsatzzahlen erneut gestiegen. Besondere Probleme bereitet dabei die Zunahme der Rettungsdiensteinsätze.

Wie Landesbranddirektor Wilfried Gräfling am Freitag bei der Vorstellung der Jahresbilanz mitteilte, musste die Feuerwehr 2011 knapp 4000 Mal häufiger ausrücken als im Jahr zuvor. Insgesamt registrierten die Beamten 357.594 Einsätze. Mit 81 Prozent entfällt ein Großteil davon auf den Rettungsdienst. 287.506 Mal wurde ein Krankenwagen oder Notarzt gerufen, im Vergleich zu 2010 ein Plus von knapp 8000 Einsätzen oder 2,8 Prozent. In nur zwei Prozent der Fälle, insgesamt 8316 Mal, wurden die Mitarbeiter zu Bränden gerufen - eine Zunahme von 2,6 Prozent. Dabei starben insgesamt 30 Menschen (2010: 27).

Die Gesamtzahl der Einsätze ist damit seit 2009 zum dritten Mal in Folge gestiegen. Noch im Jahr 2004 lag die Zahl der Einsätze gerade einmal bei knapp 280.000. Die Zunahme im Rettungsdienst kommentierte Gräfling so: "Das ist offensichtlich der demografischen Entwicklung und den Veränderungen im Gesundheitswesen zuzuschreiben." Die Feuerwehr erkenne einen Trend, dass die Menschen immer seltener zum Arzt gingen. Erst wenn eine Krankheit oder Verletzung akut wird, werde gehandelt und dann gleich der Notruf gewählt. Die Entwicklung sei keine Überraschung. "Das prognostizieren wir seit Jahren." In den vergangenen zehn Jahren seien die Krankenwagen-Einsätze um 30 Prozent gestiegen. Die Einsatzzahlen für den Notarzt sogar um dramatische 70 Prozent. "Dem Rettungsdienst gilt daher unser Hauptaugenmerk", so der Feuerwehrchef.

Innensenator Frank Henkel (CDU), der zum ersten Mal bei der Vorstellung der Jahresbilanz der Feuerwehr dabei war, lobte die Mitarbeiter für ihren Einsatz. "Die Feuerwehr steht zwar nicht so wie die Polizei im öffentlichen Fokus, gerade deshalb verdient sie jedoch besondere Anerkennung", sagte Henkel. Hinsichtlich der Einsatzzahlen kündigte der Senator an, den Personalbestand zu erhöhen.

Wegen der angespannten Haushaltslage seien derzeit jedoch nur 14 zusätzliche Stellen geplant. Dass diese Ankündigung eher "ein Tropfen auf den heißen Stein" (Henkel) ist, war auch dem Innensenator bewusst. "Das sollte man jedoch in diesen Zeiten nicht zu gering schätzen", so Henkel weiter. Er sei sich des Problems bewusst. Die neuen Stellen seien bereits "enorme Kraftanstrengung", sagte der Senator. Die Berliner Feuerwehr beschäftigt insgesamt 3494 Beamte und Angestellte im feuerwehrtechnischen Dienst.

Problem Außenbezirke

Ein viel größeres Problem für die Feuerwehr sind die sogenannten Schutzziele bei den Rettungseinsätzen. Sie legen fest, dass die Einsatzkräfte zu einer bestimmten Zeit am Einsatzort eintreffen müssen. Im Rettungsdienst müssen die Einsatzkräfte in 75 Prozent der Fälle innerhalb von acht Minuten vor Ort sein. Dies gelang in der Innenstadt lediglich in 44 Prozent der Fälle. In den Außenbezirken schafft die Feuerwehr es gerade bei jeder fünften Alarmierung, innerhalb der Vorgaben vor Ort zu sein. Vorgegeben ist jedoch, in 50 Prozent der Fälle innerhalb von acht Minuten einzutreffen. "Das tut uns weh", kommentierte Gräfling die Entwicklung. Bei den Löscheinsätzen sieht es besser aus. Hier erfüllt die Feuerwehr die Vorgabe, innerhalb von 15 Minuten am Einsatzort zu sein. In der Theorie vergehen nach Feuerwehrangaben drei Minuten, bis der Notruf angenommen und an die entsprechende Stelle weitergeleitet ist. Weitere 60 Sekunden benötigen die Kräfte zum Ausrücken. Für die Anfahrt werden zwischen vier und fünf Minuten veranschlagt.

Um insbesondere den Rettungsdienst zu entlasten, plant die Feuerwehr, Einsätze an andere Dienstleister abzugeben. "Wir müssen mehr Hilfsorganisationen oder private Unternehmen bei den Rettungsdiensten mit einbeziehen", sagte Gräfling. Zwar seien bereits 10.000 Einsätze an die Kassenärztliche Vereinigung abgegeben worden, dennoch bestehe noch Bedarf zu weiterer Entlastung. Eine andere Überlegung sei es, das Personal aufzustocken, "auch wenn das dem Grundgedanken des Personalabbaus im öffentlichen Dienst widerspricht". Angesichts der Haushaltskonsolidierung hält Gräfling selbst es jedoch für unwahrscheinlich. Fest steht hingegen, dass bis 2015 drei bis vier neue Stützpunkte eingerichtet werden, um die Anfahrtswege zu verkürzen. Geplant ist unter anderem eine Wache im Gebiet der Lichtenberger Nöldnerstraße. Ein weiterer Stützpunkt sei im Bereich des Bendlerblocks in Tiergarten ins Auge gefasst worden, so Gräfling.

Entlastungen gibt es hingegen bei den technischen Hilfeleistungen wie etwa bei Rohrbrüchen, Sturmschäden oder Verkehrsunfällen. Hier gingen die Einsätze um 24 Prozent auf 19.935 zurück. Der Winter 2011 sei relativ mild gewesen, so Gräfling. Daher habe es weniger Fälle von Rohrbrüchen oder gefährlichen Eiszapfen gegeben, die von der Feuerwehr hätten entfernt werden müssen. Immerhin konnte Gräfling vermelden, dass es im vergangenen Jahr den finanziellen Spielraum gegeben hatte, die Feuerwehrleute mit neuer Schutzkleidung auszustatten.

Insgesamt wurden rund 5500 Garnituren für die Mitarbeiter der Feuerwehr sowie die Ehrenamtlichen der freiwilligen Feuerwehr angeschafft. Zusätzlich erhielt auch der Rettungsdienst neue Jacken und Hosen.