Naturkundemuseum

Der Altelefant und sein mächtiges Kariesproblem

Das Naturkundemuseum eröffnet die Sonderausstellung "Elefantenreich"

Nicht vor 200.000 Jahren. Heute exotische Tierarten streiften damals durch Mitteldeutschland. Eine Warmzeit unterbrach die vorherrschende Eiszeit und bot den Lebewesen beste Lebensbedingungen. Und so liegt nördlich von Naumburg in Sachsen-Anhalt die weltweit bedeutendste Fundstelle von Knochen des Eurasischen Altelefanten. Das Naturkundemuseum in Berlin widmet den Ausgrabungen aus Neumark-Nord nun eine große Sonderaustellung. Zuvor war sie bereits in Halle und Bonn zu sehen, Braunschweig wird nach Berlin die letzte Station sein.

Höhepunkt der Schau, die am heutigen Freitag offiziell eröffnet wird und bis Ende August den Besuchern offen steht, ist eine detailgetreue Rekonstruktion eines Altelefanten. Im eleganten Treppenhaus des Naturkundemuseums erhebt sich der Dickhäuter eindrucksvoll mehrere Meter in die Luft. Grau und faltig steht er da, Schlamm bedeckt den massigen Körper, ein feiner Haarflaum den Rücken. Die Schulterhöhe von mehr als vier Metern lässt den Betrachter staunend zurück, mit erhobenem Rüssel ist der Elefant fast sechs Meter groß. "Wir sind begeistert von der Rekonstruktion", sagt Uwe Moldrzyk, der Ausstellungskurator des Museums. Normalerweise verzichte sein Haus auf Repliken von Tieren, das wolle man kommerziellen Anbietern überlassen. Bei diesem detailgetreuen Exemplar habe man aber eine Ausnahme machen müssen. "Wir waren wirklich geplättet, als wir ihn gesehen haben", sagt Moldrzyk. Das Naturkundemuseum ist maßgeblicher Leihgeber der Ausstellung und stolz darauf, den Besuchern eine kleine Zeitreise bieten zu können.

Fundort im Braunkohletagebau

Als Melanie und André den Ausstellungsraum betreten, bleiben sie zunächst mit großen Augen und offenem Mund stehen. Ohne sich ducken zu müssen, können die beiden unter dem Bauch des Elefanten hindurchgehen. Mit ihren Eltern machen die beiden neun- und sechsjährigen Kinder aus Scheeßel in Niedersachen Osterurlaub in Berlin. "Die Haut fühlt sich ziemlich echt an", meint André. Sie besteht aus einer Gummimischung, die über den hohlen Glasfaserkörper gespannt und am Rücken mit feinen Haaren bestückt wurde.

Der Fundort all der Knochen, die im weiteren Verlauf der Ausstellung präsentiert werden, ist ein ehemaliger Braunkohletagebau in der Nähe von Halle (Saale). Zwischen 1985 und 1996 fand die Bergung parallel zum Tagebau statt. Dabei habe es oft ein regelrechtes Wettrennen mit den Baggern gegeben, sagt der Paläontologe Gottfried Böhme. Natürlich stünden bei der Industrie die wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund. Als Wissenschaftler habe man es immer schwer, die Unternehmen zu einem Abbau-Stop zu bringen, um wertvolle Knochen ausgraben zu können. "Deswegen ist ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Baggerführern sehr wichtig", sagt Böhme. In Neumark-Nord habe das gut funktioniert, weswegen im Lauf der Zeit immer öfter der Anruf der Arbeiter kam: "Hier ist Neumark, es hat wieder geknirscht." Bevor die seltenen Elefantenknochen in den Schaufelrädern verschwanden, konnten sie so gerettet werden. "Entscheidend ist, dass die Baggerführer ein Gefühl dafür haben, was ihr Schaufelrad gerade nach oben trägt."

Neben den massiven Schädelknochen und ganzen Skeletten sind in den Ausstellungsräumen auch deutlich kleinere Funde zu sehen. Dank eines Lupensystems kommen damit auch der Mageninhalt einer Elefantenkuh, die Exkremente oder der Eckzahn eines Bullen zur Geltung. "Der Elefant, dessen Zahn wir hier gefunden haben, hatte wohl Karies", sagt Moldrzyk. In dem kleinen Loch fanden die Forscher noch Essensreste und konnten so auf den Speiseplan vor 200.000 Jahren schließen.

Die eiszeitlichen Sedimentschichten haben im Biotop der Fundstelle rund um einen früheren See die Knochen konserviert. Unter der Leitung des Jenaer Archäologen Dietrich Mania kamen so im Lauf der Jahre die Überreste von 70 Elefanten zu Tage, darunter zehn fast vollständig erhaltene Skelette. Eine nachgestellte Fundsituation zeigt das Ausmaß und die Anordnung der fossilen Knochen. Heute ist die Fundstelle in Neumark-Nord wieder überflutet, der Tagebau ist Geschichte. An jener Stelle, wo vor 200.000 Jahren schon ein See war und Elefanten und Löwen lebten, ist nun wieder Wasser. Nur die Bewohner rund um den See haben sich verändert.