Achim Achilles

Das Schärfste, was Sport zu bieten hat

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Achim Achilles

Achim Achilles alias Hajo Schumacher ist Deutschlands bekanntester Hobbyläufer

Derzeit schleifen Horden von Sportclowns ihre Walking-Stöcke durch den Waldboden, bis es eines Tages hoffentlich heißt: Walking-Sticks zu Grillrosten. Die ganz Harten schinden sich bei Leo im Crossfit - Liegestütze bis das Sixpack platzt.

Mit dem Trendsport Skating verhält es sich anders: Das mehr oder weniger elegante Fortbewegen auf Rollen kommt in Wellen immer wieder. Jedes Kind hat schließlich seine Skating-Phase, etwa zwischen Fahrrad und Skateboard. Freunde der US-Kultur erinnern sich an die ersten Drive-In-Restaurants, wo blonde Bedienungen den Burger in Minirock und Rollschuhen servierten.

Außerdem gibt es immer wieder Innovationssprünge für die Rollen, die man sich unter die Füße flanscht. In den achtziger Jahren war technologisch weit vorn, wer auf vier Gummirollen durch die Gegend fegte. Manche konnten sogar den großen Gummipropfen als Stopper benutzen und rasten nicht in die nächste Rabatte. Wer seine Gelenke mit den Hudora-Eisenradrollschuhen seiner älteren Geschwister gequält hatte, die mit stählernen Fußschrauben an Kreppsohlen fixiert wurden, der wusste um den Luxus der gedämpften und bisweilen gebremsten Fahrt.

Die nächste Innovation war der Inline-Skate: vier Rollen, in Reihe geschaltet, mit hochwertigen Kugellagern, die auch gern in Rollkoffern verarbeitet werden. Die neuen Sportgeräte waren schick, lagen vom Tempo her deutlich vorm Schlittschuh und bedeuteten für Anfänger den sichersten Weg zum Bänderriss. Millionen trendbewusster Gelegenheitssportler stocherten für ein paar Sommer auf den wackeligen Dingern, dann verschwanden die Inliner auf Dachböden, in Kellergewölben oder erwiesen sich bei Ebay als unverkäuflich.

Aber die nächste Welle ist schon in Sicht. Auf dem Kronprinzessinnenweg, Berlins Trainingsstrecke für Verrückte aller Art, eiern diesen Frühling auffallend viele Neu-Skater umher, die Arme weit ausgebreitet, als höben sie gleich ab, umkurvt von einer kleinen Schar Unentwegter, die sich offenbar die Traditionspflege zur Aufgabe gemacht hat. Diese Unverdrossenen skaten immer schneller, immer länger, immer weiter und haben ihre Freude daran, Radfahrer, Läufer und andere Verkehrsteilnehmer wechselweise in Schrecken oder aber in erotische Schwingungen zu versetzen.

Denn pornografisch gesehen gehören Skater zum Schärfsten, was der Breitensport zu bieten hat. Die Trikots sind bestenfalls kondomdünne Gummitüten, die jedes Körperdetail präzise ausstellen. In kaum einer anderen Disziplin rücken sich praktisch unbekleidete, dafür aber offensichtlich komplett rasierte Athleten beischlafdicht auf die Pelle, und das bei 40 km/h. Manche fassen sich sogar an.

Insofern ist es ein großer Fehler, die Rollsportler beim Halbmarathon immer nur im Vorprogramm starten zu lassen. Für die Zuschauer wäre es allemal attraktiver, strammwadige Zeitgenossen in ihren Latexanzügen vorbeisausen zu sehen als die endlose Prozession von Zehntausenden keuchender Gestalten, die mit letzter Kraft über die letzten Kilometer stolpern. Action-Freunde postieren sich mit Vorliebe und mit gezückter Kamera in der Nähe von regennassen Kurven oder Straßenbahnschienen. Dort legt sich der Skater gern gleich im Rudel auf die Nase, wobei die Rennpelle großflächig aufplatzt. Und die Fans können überprüfen, ob darunter tatsächlich kein Feinripp versteckt war.