Berliner Wirtschaft

Berlin - die Hauptstadt der Gründer

Berlin ist die Hauptstadt der Firmengründer. Das geht aus einer Studie der Berliner Bürgschaftsbank (BBB) hervor, die das Institut am Montag vorstellte. In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres wurden in Berlin 20.707 neue Firmen gegründet. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist die Hauptstadt damit bundesweit Spitzenreiter.

"Das Gründungsklima in Berlin ist so gut wie seit Langem nicht", sagte die Geschäftsführerin der Bürgschaftsbank, Waltraud Wolf. Im vergangenen Jahr konnte Berlin seine Führungsposition gegenüber dem Bundesdurchschnitt sogar noch ausbauen. In Berlin werden der Untersuchung zufolge 50 Prozent mehr Firmen gegründet als in anderen Bundesländern. Im ersten Halbjahr 2011 wurden in der Stadt statistisch 116,3 Gründungen auf 10.000 Erwerbstätige gezählt. Damit habe der Gründerindex den zweithöchsten Halbjahreswert seit 1997 erreicht, sagte BBB-Geschäftsführerin Wolf.

Die Gründe dafür liegen nach Angaben der Bürgschaftsbank im "überdurchschnittlich guten Gründungsklima" Berlins, wie es in der Untersuchung heißt. Hierzu zählen unter anderem vergleichsweise immer noch günstige Gewerbeflächen- und Wohnungsmieten sowie gut ausgebildete Fachkräfte.

Dabei spielt offenbar auch die hohe Arbeitslosenquote eine Rolle. Viele Berliner entscheiden sich aus der Arbeitslosigkeit heraus dazu, ein Unternehmen zu gründen. Vor allem in den Branchen Bau, Einzelhandel und Dienstleistungen entstehen in Berlin Unternehmen. Auch das verarbeitende Gewerbe habe zugelegt, sagte Wolf.

In den vergangenen Jahren hat sich die Gründungslandschaft zudem von West nach Ost verlagert. Die meisten Firmengründungen fanden in Mitte statt (7500). Gegenüber dem Jahr 2003 hat sich die Zahl der Gründungen in dem City-Ost-Bezirk damit fast verdoppelt. Starke Steigerungsquoten in diesem Zeitraum verzeichneten auch Neukölln (plus 78,3 Prozent), Friedrichshain-Kreuzberg (69,2), Spandau (37,5) und Charlottenburg-Wilmersdorf (31,7).

Treptow-Köpenick ist der einzige Bezirk, der der Studie zufolge an Gründern verloren hat. 2400 Gründungen im Jahr 2003 standen nur noch 2300 im vergangenen Jahr gegenüber.

Der Berliner Unternehmerverband UVB begrüßt die Entwicklung. "Das spiegelt grundsätzlich die positive Entwicklung der vergangenen Jahre wider", sagte UVB-Sprecher Frank Hufnagel. "Vor allem in den Innenstadtbezirken verzeichnen wir eine hohe Bestandsdichte an Unternehmen und Neugründungen." Jeder zweite Gründer hat sich nach den Ergebnissen der Studie in einem der vier Innenstadtbezirke angesiedelt.

Auch die Handwerkskammer bestätigt den Trend. "Wir verzeichnen seit mehreren Jahren einen Anstieg der Betriebe", sagte der Hauptgeschäftsführer der Kammer, Jürgen Wittge. Erstmals seit neun Jahren stieg die Zahl der Handwerksbetriebe in der Stadt auf mehr als 31.000. "Das ist ein erstaunliches Signal, der Bau ist die Lokomotive des Handwerks", sagte Wittge. Nach Umfragen der Handwerkskammer ist die Stimmung in den Betrieben gut, das Geschäftsklima sei seit 20 Jahren von den Handwerksbetrieben nicht mehr so gut beurteilt worden. "Den Handwerksbetrieben hilft ihre Kleinteiligkeit und die Unabhängigkeit von den Finanzmärkten", sagte Wittge. Als Wachstumsmarkt zeige sich zunehmend die energetische Sanierung von Gebäuden. Offenbar führten die gegenwärtig niedrigen Zinsen zu einer verstärkten Investition in die Gebäude. "Die Eigentümer sehen, dass sich die Investition rechnet", sagte Wittge.

Umso drängender sei das Problem der Facharbeiter zu lösen. "Das erweist sich zunehmend als wachstumshemmend", so Wittge weiter. Handwerker müssten Aufträge ablehnen, weil sie nicht über das nötige Personal verfügen. "Diese Sorge wird uns noch länger beschäftigen", so der Hauptgeschäftsführer.

Schließungen

Auch bei der Zahl der Betriebsschließungen liegt Mitte mit der geringsten Zahl vorn. Den 7500 neuen Betrieben stehen 4200 Schließungen gegenüber. Das bedeutet einen Rückgang der Unternehmensaufgaben um elf Prozent. In den anderen Bezirken sind die Schließungen ebenfalls rückläufig - mit erneuter Ausnahme von Treptow-Köpenick, wo sie leicht zunahmen. Charlottenburg-Wilmersdorf liegt auch in dieser Statistik an zweiter Stelle (3150), es folgen Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow. Vor allem Unternehmen des Kleingewerbes haben nach der BBB-Studie 2011 die Tore geschlossen. In keinem Bezirk liegt der Anteil der Schließungen allerdings über dem der Neugründungen. "Die Gründer heute stehen substanziell besser da", sagt Wittge. "Die Konzepte sind tragfähiger und nicht aus der Not heraus geboren." Viele Existenzgründer im Handwerk berichten von Wachstumschancen, sodass die Branche von stabilen Aussichten ausgeht.

Als größten Zukunftsmarkt für die Berliner Wirtschaft sehen Experten die Eröffnung des neuen Großflughafens BER in Schönefeld. Mehr als 5000 Arbeitsplätze sind allein im vergangenen Jahr in seiner Region entstanden. Die ansässigen Fördergesellschaften Berlin Partner und die ZukunftsAgentur Brandenburg haben dort 118 Firmen bei der Niederlassung unterstützt. Dies ist im Vergleich zu 2010 ein deutlicher Zuwachs. Bereits im Vorjahr kamen 4117 neue Stellen dazu. Die beiden Förderagenturen sehen nicht zuletzt durch weltweit agierende Konzerne die Wirtschaftsstruktur Berlins gestärkt.