Berliner Schulen

Individuelle Förderung? Mangelhaft

Die Schul-Inspektionen sorgen für viele Diskussionen, seit die Berichte im Internet veröffentlicht werden. In einer ersten Runde wurden bereits alle 700 öffentlichen Schulen überprüft, jetzt erfolgt die zweite Runde. Bereits 22 Inspektionsberichte stehen im Internet. Dabei werden neben den Stärken auch die Schwächen der Einrichtungen deutlich benannt.

Noch nicht veröffentlicht und trotzdem schon für viel Wirbel gesorgt hat die neue Inspektion am Andreas-Gymnasium in Friedrichshain. Der Schulleiter Andreas Steiner hatte kritisiert, dass bestimmte Kriterien Bereiche untersuchen, für die äußere Faktoren verantwortlich sind. Der Schulhof beispielsweise müsse dringend umgestaltet werden, aber dafür habe es bisher kein Geld gegeben.

Am Montag hat die Bildungsverwaltung eine Auswertung der nicht öffentlichen ersten Inspektionsrunde vorgelegt. Insgesamt haben die Inspektoren 30.000 Unterrichtsstunden beobachtet. Auf Grundlage der Beobachtungen und der Interviews und Fragebögen zu den verschiedenen Qualitätskriterien haben sie ihre Bewertung abgegeben.

Selbstvertrauen kommt zu kurz

"Entwicklungsbedarf" gibt es an den Schulen demnach vor allem bei der inneren Differenzierung im Unterricht. Dabei wird beurteilt, inwiefern die Schüler unterschiedliche Aufgaben je nach Fähigkeiten erhalten. Diese Binnendifferenzierung ist Voraussetzung für das jahrgangsübergreifende Lernen in den Grundschulen und auch für die neuen integrierten Sekundarschulen, in denen Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten gemeinsam lernen sollen. Doch nur in jeder dritten Unterrichtsstunde konnten die Inspektoren Ansätze der individuellen Förderung erkennen. In 40 Prozent der Stunden habe es Ansätze des kooperativen Lernens gegeben, sagt Axel Friede, Leiter der Abteilung Schulinspektion. Die Förderung von Selbstvertrauen komme in mehr als 30 Prozent der Stunden zu kurz.

Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses, macht dafür auch die Bildungsverwaltung verantwortlich. "Die Vorbereitung der Lehrer auf das binnendifferenzierte Lernen ist vor den Schulreformen viel zu kurz gekommen", sagt Peiritsch. Zudem seien die Schulen für diese Aufgabe nicht ausreichend mit Lehrern ausgestattet. Bei vielen der neuen Sekundarschulen habe das zur Folge, dass sie wieder getrennte Klassen von Schülern mit Realschul- und Hauptschulniveau einrichten, so Peiritsch. Viele Grundschulen rückten vom jahrgangsübergreifenden Lernen wieder ab.

Gut schneiden die Schulen in den Inspektionen bei der Nutzung der Lehr- und Lernzeit ab, bei den Lernbedingungen und beim Verhalten der Schüler im Unterricht. Ordnung, Pünktlichkeit und Disziplin sind den Berichten zufolge in der Regel im Unterricht ausreichend.

Bei den Kriterien, die die gesamte Schulorganisation betreffen, zeigen sich die Schwachstellen vor allem beim Personalmanagement. Die zielgerichtete Personalentwicklung sowie der zielgerichtete Einsatz der Lehrer lässt in mehr als der Hälfte der Schulen zu wünschen übrig. Besonders positiv wird die Schulzufriedenheit bewertet. In 97 Prozent der besuchten Einrichtungen äußerten sich die Schüler und Lehrer überwiegend zufrieden damit, an dieser Schule zu sein. Dabei spielten allerdings vor allem soziale Bindungen eine große Rolle, erklärt Fried. Etwa 30 der insgesamt 700 überprüften Schulen hatten einen so großen Entwicklungsbedarf, dass die sogenannte schnelle Einsatzgruppe Pro School oder Coaches zur Unterstützung in die Einrichtung geschickt wurden. Die betroffenen Schulen sollen nach zwei Jahren erneut inspiziert werden.

30 Schulen mit großen Problemen

Gründe dafür, warum ein solches Unterstützungsprogramm nötig wird, können ein auffallend schlechtes Schulmanagement sein oder auch durchweg schlechte Ergebnisse in den Unterrichtsbeobachtungen. "Pro School" kam auch zum Einsatz, wenn die Leistungen der Schüler in Prüfungen weit unter dem Durchschnitt lagen, ohne dass die Schule erkennbar darauf reagierte. Bei den Nachinspektionen haben diese Problemschulen alle einen großen Sprung im Schulmanagement gemacht. Beim zielgerichteten Personaleinsatz sowie bei der Arbeitskultur im Kollegium lagen sie sogar deutlich über dem Berliner Durchschnitt. In der zweiten Inspektionsrunde wurden die verpflichtenden Qualitätskriterien von 19 auf 15 reduziert. Dafür können die Schulen aus neun Zusatzkriterien freiwillig wählen. "Damit können die Schulen ihre Stärken besser zeigen", sagt Friede. Ab jetzt werden alle Inspektionen in Kurzform veröffentlicht. Bereits 22 solcher Kurzberichte von acht Seiten sind schon im Schulverzeichnis der Bildungsverwaltung unter der Rubrik "Schulporträt" im Internet zu lesen.

So zeigt sich, dass die Reform-Schule Charlottenburg beim differenzierten Lernen trotz schwieriger baulicher Bedingungen deutlich besser abschneidet als der Berliner Durchschnitt. Mit einem eher negativen Inspektionsbericht im Netz muss beispielsweise die Thüringen-Gemeinschaftsschule in Marzahn leben. Die D-Note und damit die schwächste Bewertung gibt es für die Schülerleistungen und in allen Kriterien für das individualisierte Lernen. Es sei fraglich, ob das Pilotprojekt Gemeinschaftsschule hier zum nächsten Schuljahr fortgesetzt werde, heißt es im Bericht.