Achim Achilles

Die sieben Leben des Läufers

Das Dasein eines jeden von uns Ausdauersportlern lässt sich in identische Phasen aufteilen, mit den gleichen Sorgen, aber auch den gleichen Erfolgserlebnissen: Jeder trägt sie in sich, die sieben Leben des Läufers.

1. Unser Leben als ewige Anfänger. Ob Weltmeister oder Erstläufer, wir stehen jeden Tag vor neuen Chancen und Herausforderungen, müssen uns immer wieder aufraffen und wissen dennoch nicht, wie es ausgeht. So ganz zufrieden sind wir nie. Aber morgen fangen wir ja wieder an.

2. Unser Leben mit Gewichtsproblemen. Wer läuft, hat ein Gewichtsproblem. Wer viel zu schwer ist, ruiniert seine Gelenke, wer zu mager ist, hat wenig zuzusetzen in harten Zeiten. Fünf Kilogramm Übergewicht können darüber entscheiden, ob das Ziel des Halbmarathons im Glückstaumel, mit Krämpfen oder gar nicht erreicht wurde. Wer anfängt zu laufen, will oder muss fast immer auch sein Gewicht in den Griff bekommen.

3. Unser Leben in der Motivationskrise. Wenn es darum geht, eine Ausrede zu finden, warum ausgerechnet heute das Läufchen mal ausfällt, vollbringt das menschliche Gehirn nobelpreisverdächtige Denkleistungen. Das ist an sich kein Problem. Wenn es am Tag darauf allerdings wieder geschieht und die ganzen nächsten vier Wochen auch - dann sollte man von einer ernsten Motivationskrise ausgehen. Die befällt allerdings nicht nur Anfänger, sondern auch und vor allem Profis. Der Trost: Es geht allen so.

4. Unser Leben mit der Laufsucht. Ob Unlust, Verletzung, berufliche Belastung oder ein Baby - Gründe gibt es immer, das Laufen für eine Weile zu unterbrechen. Doch immer nagt dieses Gefühl an der Psyche, dass man dringend mal wieder laufen müsste. Die Sucht hat den Läufer gepackt. Der Laufsüchtige weiß, dass er schneller, länger, schöner laufen kann, wenn er nur konzentriert darauf hintrainiert. Und davon träumen alle.

5. Unser Leben mit Verletzungen. Läufer sind eigentlich immer verletzt. Abgesehen von chronischen Schäden, sind es meist Überlastungssymptome, die den Läufer peinigen - Anfänger wie Top-Athleten. Und manchmal sind wir ja auch ganz schön stolz auf unser Humpeln, aus dem sich wunderbare Dialoge mit Nichtläufern entwickeln. Die entscheidende Frage, die sich jedem Läufer stellt, lautet: Wo ist die Grenze, wann hört man besser auf?

6. Unser Leben für den optimalen Wettkampf. Wer Wettläufe kennt, weiß: Den idealen Lauf gibt es nicht. Mal spielen die Nerven verrückt, mal war es zu wenig Vorbereitung, mal zu viel. Der Traum vom optimalen Lauf gegen die Uhr beseelt jeden Läufer, sogar den Anfänger. Es soll Spaß machen und erfolgreich sein. Und nicht für ewig ein Traum bleiben.

7. Unser Leben als Zen-Läufer. Laufen ist Stress, wie wir gelernt haben. Man muss an so vieles denken, hat so viele Ängste und dann noch dieses Rumpeln im Bauch. Einmal Laufen, ganz ohne Schmerzen, Leistungsdruck und Partnergequengel, Dahingleiten im Rausch der Endorphine, die Uhr vergessen, eins sein mit dem Universum. Geht das? Natürlich nicht. Der Zen-Lauf ist eine Fiktion. Aber dennoch träumen wir alle davon.

Jeder kann an einem Tag alle sieben Leben durchlaufen, aber auch monatelang in einem gefangen bleiben. Alle Läufer bewegen sich in diesen Gefühlswelten, nur jeder woanders. Wo der eine bangt und zweifelt, schmiedet der andere kühne Pläne. Und am nächsten Sonntag ist es umgekehrt.