Interview

"Der Streit in Berlin ist Teil des Projektes"

Auch wenn das BMW Guggenheim Lab in Kreuzberg nicht gewollt ist - in Berlin hat eine Welle von Sympathiebekundungen für die temporäre Ideenschmiede eingesetzt. Seit Dienstag treffen immer neue Standortvorschläge bei den Verantwortlichen ein. Dass das Lab eine breite Diskussion in der Stadt auslöst - genau das ist die Absicht der Initiatoren. Über die aktuelle Situation des Vorhabens in Berlin sprach Sabine Flatau mit Thomas Girst, Leiter Kulturengagement bei BMW.

Berliner Morgenpost: Wie sind die Reaktionen auf das Scheitern des BMW Guggenheim Lab in Kreuzberg?

Thomas Girst: Wir bekommen Dutzende Anrufe von privaten Initiativen, von Museumsdirektoren, von Bezirksämtern, von Kleingärtnern: Alle bieten ihre Grundstücke an. Das ist toll. Wir können allerdings niemandem konkrete Hoffnung machen. Aber auch andere Städte fragen an: Hamburg, Köln und München würden das Lab gern aufnehmen.

Berliner Morgenpost: Wie sind in Kreuzberg die Gespräche mit den Anwohnern gelaufen?

Thomas Girst: Im November 2011 wurde bekannt gegeben, dass sich die Kuratoren des Lab und das Lab-Team entschieden haben, den Standort zu wechseln - bereits zuvor war man in Kontakt mit Anwohnern und Initiativen in Kreuzberg.

Berliner Morgenpost: Gab es damals schon Kritik wegen einer möglichen Aufwertung?

Thomas Girst: Im Gegenteil. Es gab Sympathiebekundungen und Interesse. Es ging zunächst darum, dass Projekt zu erklären. Dass kontrovers diskutiert werden würde, dass Streitbares zur Sprache kommt - das gehört dazu. Man kann die Diskussion, die es seit Montag gibt, auch als Teil des Lab-Projektes sehen. Die Themen Mieterhöhung und Gentrifizierung stehen seit Monaten als Themenschwerpunkt für das Lab fest. Die Inhalte werden wie in New York auch bewusst flexibel gehalten, sodass Anregungen aus der Nachbarschaft einfließen können. Das Lab kann eine Bühne für jeden sein, der sich ohne Gewaltanwendung unterhalten will. Und wenn Sie sich die Mitglieder des Lab-Teams angucken - das sind Leute, von denen wichtige Impulse ausgehen und die keinerlei Interesse daran haben, dass die Mieten in Kreuzberg in die Höhe gehen.

Berliner Morgenpost: Hätten Sie sich mehr Unterstützung vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg oder vom Senat gewünscht?

Thomas Girst: Nein. Wir haben eine wunderbare Unterstützung von den Behörden bekommen. Die Standortsuche ging über Monate im engen Schulterschluss mit den Behörden.

Thomas Girst: Die Stadt hat sehr schnell und flexibel auf unsere Anfragen reagiert - das zeugt von großem Interesse am Lab.

Berliner Morgenpost: Können Sie schon etwas zu einem neuen Standort in Berlin sagen?

Thomas Girst: Nein. Jetzt wird mit den Behörden über einen neuen Platz diskutiert. Dabei geht es um logistische Fragen und den Sicherheitsaspekt. Wir haben viele Vorschläge bekommen. Was uns außerordentlich freut, weil es zeigt, wie sehr die Bürger Berlins hinter diesem Projekt stehen und sich freuen, wenn es doch noch in Berlin stattfindet. Da uns die Zeit davonläuft, ist mit einer Entscheidung bis Ende nächster Woche zu rechnen.

Berliner Morgenpost: Hat es ähnliche Diskussionen wie in Berlin schon 2011 beim BMW Guggenheim Lab in New York gegeben?

Thomas Girst: Die New Yorker sind neugierig. In New York empfängt man neue Projekte mit offenen Armen. Anwohner, Neugierige und Touristen sind ins Lab gekommen, und zum Teil stundenlang geblieben oder haben abends an den Partys teilgenommen. Es ist gelungen, die großen Themen der Städte herunterzubrechen. In drei Monaten New York an der Lower East Side gab es nicht einen einzigen Vorfall von Gewalt oder Gewaltandrohung. Es war ein Hurrikan, der das Lab kurzzeitig zum Erliegen brachte. Eine Naturgewalt. Es gab gegen Ende des Lab Diskussionen mit Occupy Wallstreet, die mit eingebunden wurden.

Berliner Morgenpost: Welchen Anteil hat BMW beim Lab?

Thomas Girst: Wir verstehen uns weniger als Sponsoren denn als Partner, als diejenigen, die etwas mit initiieren. Zum Lab-Projekt haben wir zwei Jahre lang mit Guggenheim hinter verschlossenen Türen diskutiert, haben uns an Planung und Organisation beteiligt. Wir haben Daniel Barenboim als Kuratoriumsmitglied für das Lab vermitteln können. Dabei ist die Selbstständigkeit der Kuratoren vollständig gewährleistet. Selbstverständlich engagieren wir uns finanziell, es geht aber nicht ums Sponsoring, sondern die Initiierung gemeinsamer Formate und Projekte.