Hochschul-Außenstellen

Berlins weltweites Netz des Wissens

Die Welt ist ein Netzwerk, vor allem die Welt der Wissenschaft. Das weiß Heba Aguib (27). Von Oktober an arbeitet die gebürtige Kairoerin auf dem ersten Campus, den die Technische Universität Berlin (TU) in Ägypten eröffnet, in der Stadt El Gouna am Roten Meer. Studiert hat Aguib in Berlin, sie promovierte im Fach Maschinenbau.

"In Ägypten bin ich für die Vernetzung der Außenstelle in dem Land zuständig", sagt die junge Frau, die künftig als stellvertretende Geschäftsführerin an der neuen Zweigstelle der TU arbeitet. Das Projekt der 27-jährigen Ägypterin ist nur eines von vielen: Berliner Hochschulen und Universitäten expandieren an Standorte weltweit, sie knüpfen ein internationales Netz des Wissens.

"Wir wollen unsere Studierenden optimal auf die globalen Herausforderungen vorbereiten - fachlich, sprachlich und kulturell", sagt Professor Andreas Zaby, Vizepräsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR). Das ist der Kurs vieler Hochschulen. Sie haben Außenstellen etabliert, vereinzelt sogar eigenständige deutsche Hochschulen, vor allem aber haben sie unzählige Kooperationsprojekte vereinbart. Berliner Hochschulen exportieren sogar ihre Studiengänge, die an ausländischen Universitäten dann nach ihrem Vorbild neu aufgelegt werden.

Die Programme sind normalerweise auf den speziellen Bedarf der Region zugeschnitten. Im trockenen Ägypten zum Beispiel werden die Studenten im Wasseringenieurwesen ausgebildet. "Ich denke, dass beide Kulturen sehr von solchen Projekten profitieren", sagt die Maschinenbauerin Heba Aguib. Denn: Deutsche Wissenschaftler seien sehr praxisorientiert. "In Ägypten ist das Studium hingegen theoretischer", meint Aguib.

Dass die Zusammenarbeit über den Erdball hinweg die Wissenschaft vorantreibt, meint auch Shigeyoshi Inoue. Der Japaner hat zunächst in der Nähe von Tokio Chemie studiert und leitet nun seine eigene Forschungsgruppe an der TU Berlin, die neuartige Siliziumverbindungen untersucht. Auch die Verbindung von japanischer und deutscher Forscherkultur sei spannend, sagt der 31 Jahre alte Chemiker. "Die japanische Arbeitsphilosophie schreibt es ja vor, sehr viel zu arbeiten. Für mich war es erst einmal gewöhnungsbedürftig, dass die deutschen Forscher relativ viel Urlaub machen." In Japan sei das unvorstellbar. An den Deutschen schätze er daher - entgegen gängiger Klischees - vor allem deren Gelassenheit. In Ägypten, sagt Heba Aguib, ist es eher umgekehrt: Da lernten wiederum die Deutschen von der Gelassenheit der Ägypter. So profitieren Berliner Forscher von anderen Ländern und geben ihr Wissen gleichzeitig weiter. Rund um den Globus sind Projekte geplant oder bestehen bereits. Eine Auswahl:

Ägypten: Im Oktober eröffnet dort der Campus, für den Heba Aguib arbeiten wird. Das sogenannte Zentralinstitut El Gouna liegt in einem Ferienresort am Roten Meer, das von einem Absolventen der TU Berlin gebaut wurde. Rund 180 Studierende sollen in drei Master-Studiengängen ausgebildet werden: Energietechnik, Stadtentwicklung und Wasseringenieurwesen. Die Ausbildung (Semestergebühr: 5000 Euro) richtet sich vor allem an ägyptische Studierende, die vom deutschen Know-how profitieren sollen. "Wir wollen, dass unsere Absolventen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Region beitragen", sagt Geschäftsführer Kester von Kuczkowski (38).

China: Das Chinesisch-Deutsche Hochschulkolleg (CDHK) an der Tongji-Universität in Shanghai will ein praxisorientiertes Studium nach deutschem Vorbild bieten. 340 Studenten absolvieren die zweisprachigen Master-Studiengänge Elektrotechnik, Maschinenbau, Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsrecht. Der Master-Kurs kostet 500 Euro im Jahr. Kooperationspartner sind sowohl die Humboldt-Universität als auch die TU Berlin. Die Seminare werden auf Chinesisch gehalten - ausschließlich von Dozenten aus Deutschland.

Ebenfalls in China vertreten ist die Universität der Künste (UdK). An der China Academy in Hangzhou lernen 46 Studierende im weiterbildenden Master-Studiengang bildende Kunst und Gestaltung. Professoren der UdK unterrichten junge Chinesen. "Das Projekt ist nicht nur für die bildende Kunst und die Gestaltung - die angebotenen Disziplinen - wichtig, sondern auch für die interkulturelle Kompetenz der jungen Chinesen und deutschen Partner", sagt der Präsident der UdK, Professor Martin Rennert.

Türkei: Rund 5000 Studenten sollen in Zukunft an der Deutsch-Türkischen Universität (DTU) in Istanbul studieren: Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Wirtschafts-, Verwaltungswissenschaften, Rechtswissenschaften, Kultur- und Sozialwissenschaften - diese Fakultäten soll das prestigeträchtige Projekt, an dem unter anderem die Freie Universität (FU) und die TU Berlin beteiligt sind, einmal umfassen. Nach vielen Verzögerungen beteuerten die Koordinatoren zuletzt, dass die ersten Studiengänge voraussichtlich im Herbst starten werden.

Russland: Noch später starten soll der Betrieb in der Forschungsstadt "Skolkovo", die bis 2015 bei Moskau entstehen soll. Dort sollen Lehre, Forschung, Wirtschaft und technische Ausbildung zusammengeführt werden. Bis zu 30.000 Wissenschaftler und Ingenieure sollen dort künftig Hightech-Produkte entwickeln - auch viele von den Berliner Hochschulen.

Frankreich: Im Frühjahr 2013 soll es an den Start gehen: das "Centre Paris-Berlin for Public Health", das aus einem deutsch-französischen Forschungsfonds von 27 Millionen Euro finanziert wird. In der Forschung soll es zum Beispiel um chronische Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems gehen. "Wir wollen gesundheitspolitische Fragen von gemeinsamem Interesse auch gemeinsam erforschen", sagt Professor Detlev Ganten von der Charité.

Vietnam: Erst im Herbst vergangenen Jahres unterzeichnete die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) den Kooperationsvertrag mit Universitäten in Hanoi und Saigon. Jeweils 50 Studenten belegen fortan dort "Financial and Managerial Accounting", unterrichtet werden sie überwiegend von deutschen Professoren. Auch die Hochschule für Technik und Wirtschaft hat eine Außenstelle in Vietnam: das Zentrum für Deutsches Recht (ZDR) an der Law University Hanoi. "Unser Ziel ist der rechtswissenschaftliche Austausch zwischen der Bundesrepublik und Vietnam", sagt Professor Jürgen Kessler, der das Projekt koordiniert. Zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung werden zum Beispiel Forschungsaufenthalte von vietnamesischen Rechtswissenschaftlern in Berlin gefördert.

Kasachstan: Die Deutsch-Kasachische Universität (DKU) in Almaty führt der einstige Rektor der Freien Universität, Johann Wilhelm Gerlach. Die Uni, die mit der FU Berlin kooperiert, bietet ihren 500 Studierenden derzeit neun Bachelor- und zehn Master-Studiengänge an.

Südafrika: Für Juristen bietet die Humboldt-Uni den Studiengang "Transnational Criminal Justice and Crime Prevention" an der University of the Western Cape in Kapstadt an. Ein Modul befasst sich dabei speziell mit der Aufarbeitung von Systemunrecht, ein anderes mit der Bekämpfung von Geldwäsche und Korruption. Berliner Wissenschaftler unterrichten regelmäßig an der Partnerhochschule.