Bauprojekt

Der Kurfürstendamm ändert sein Gesicht

Der Bauboom in der City West ist ungebrochen. Jetzt soll auch das Haus Kurfürstendamm 170 einem Neubau weichen. Das Bauamt hat bereits grünes Licht für das Vorhaben signalisiert. Was den Bauherren freut, ist für den ältesten Familienbetrieb am Kurfürstendamm ein Fiasko.

Das Fotostudio Urbschat will auf jeden Fall an Berlins Flaniermeile bleiben, ist aber bereits in seinen jetzigen Räumen vom Vermieter gekündigt worden.

Der Bauherr möchte den Bau aus dem Jahr 1964 sowie das Parkdeck im Hof komplett abreißen und das Grundstück mit einem Haus bebauen, das sich in die Gründerzeitbebauung einreiht. "Damit wird die Reihe der typischen Kudammpalais' komplettiert", sagt Architekt Tobias Nöfer, der die Pläne entworfen hat. 25 Millionen Euro will der Eigentümer, die Holler-Stiftung, investieren. Das neue Gebäude, bei dem viele erst auf den zweiten Blick erkennen werden, dass es sich nicht um einen Altbau handelt, soll auch deutlich mehr Platz bieten. Mit 6800 Quadratmetern entsteht in dem künftigen Büro- und Geschäftshaus "Palais Holler" etwa das Doppelte an Nutzfläche. Der Hof, auf dem sich hauptsächlich Parkplätze befinden, eröffnet diese Möglichkeit.

Die ersten Mieter sind ausgezogen

Die Holler-Stiftung möchte mit dem Abriss 2013, möglicherweise bereits Ende dieses Jahres beginnen. Das Haus wird deshalb bereits leergezogen. Alle elf Mieter haben die Kündigung erhalten, die ersten sind bereits ausgezogen. Der letzte Mieter, das Teppich-Geschäft, ist zum 31. Dezember 2012 gekündigt. Das Fotostudio Urbschat soll seine Räume zum 30. Juni dieses Jahres aufgeben. Das verlangt jedenfalls der Hauseigentümer.

Doch da könnte es Probleme geben. "Wo sollen wir denn hin, wir gehören auf den Kudamm", sagt Daniela Urbschat (55) auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Mit ihrer Schwester Nicole (45) führt sie das Unternehmen. Die beiden wollen rechtlich gegen die Kündigung vorgehen - immerhin liefen ihre Mietverträge bis 2019. Aus den Medien hätten sie erfahren müssen, dass das Haus abgerissen werden soll. Niemand habe mit ihnen geredet. Dabei seien 1500 Quadratmeter Mietfläche am Kurfürstendamm sicherlich nicht so leicht wiederzufinden.

Betroffen von den Neubauplänen sind bei Urbschat 55 Schüler, die zum Photo-Artist, einer Kombination aus Fotograf und Mediengestalter, ausgebildet werden, 30 Dozenten (teils Honorarkräfte, teils feste Mitarbeiter) sowie 20 Beschäftigte im Fotostudio. Der Betrieb "ernährt" mittlerweile schon vier Generationen der Familie Urbschat. Die beiden Töchter zahlen ihrem Vater Horst Urbschat (83) eine Leibrente. Er hatte das ursprünglich 1886 in Hamburg gegründete Familien-Unternehmen Dürkoop 1969 erworben. "Als Industrie- und Werbefotograf brauchte er ein gut funktionierendes Labor. Da er die Arbeit des Berliner Tochterunternehmens von Dürkoop gut kannte, kaufte er es, als es zum Verkauf stand", sagt Nicole Urbschat. Inzwischen seien sie der älteste Handwerks- und Familienbetrieb, den es am Kurfürstendamm überhaupt noch gebe. Sie und ihre Schwester erlernten den Fotografenberuf im väterlichen Betrieb und bauten ihn trotz ihrer fünf Kinder nach und nach aus.

Stiftung fördert SOS-Kinderdörfer

Der Eigentümer des Gebäudes ist die gemeinnützige Holler-Stiftung aus München. Mit den beiden Firmen ACH Wertschutz und AKV Immobilien Management GmbH verwaltet und vermehrt sie das Vermögen der Stiftung, die noch zu Lebzeiten von Christian Holler (1900-1969) gegründet wurde. Mit den Erträgen fördert die Stiftung weltweit die SOS-Kinderdörfer, außerdem das Internationale Kunstmuseum in Wolfsburg (Hollerplatz 1), ein Hospiz in Basel sowie einen Lehrstuhl für Parapsychologie in Freiburg. 100 Prozent der Erträge der beiden Firmen Wertschutz und AKV gehen nach Auskunft des Geschäftsführers Wolfgang Lüssenheide in die Stiftung. Es ist testamentarisch und in der Stiftungssatzung festgelegt, wer gefördert wird.

Holler verdiente sein Geld in der Versicherungswirtschaft. Das von ihm einst mitgegründete Unternehmen Gradmann & Holler gehörte zu den größten Versicherungsmaklerunternehmen in Deutschland. Darüber hinaus gehörte Holler auch der VVD Volkswagenversicherungsdienst, mit dem weltweit Kfz-Versicherungen verkauft wurden. Nach dem Tod von Hollers Ehefrau Asta (1904-1989) wurde das gesamte Vermögenin die gemeinnützige Stiftung eingelegt. 1999 verkaufte die Holler-Stiftung den Volkswagenversicherungsdienst an die Volkswagen AG.

"Wir haben den Vertrag mit Urbschat ordentlich zum 30. Juni gekündigt", sagte Geschäftsführer Lüssenheide. Auch wenn das Haus saniert werden würde, müssten die Mieter ausziehen, gab er zu bedenken. Da die Gebäudesanierung schätzungsweise zehn Millionen Euro kosten würde, werde neu gebaut. Aber nicht nur deshalb: "Wir haben ein Grundwasserproblem. Das Grundstück ist komplett mit Parkplätzen unterbaut. Wasser zieht in den Wänden hoch, sickert aber auch von oben ein. Wir haben bereits Parkplätze wegen Feuchtigkeit sperren müssen", so Lüssenheide weiter. In den von Urbschat genutzten Arbeitsräumen im Keller sei sogar Schimmel. Insgesamt seien die Flächen im Haus inzwischen schwer vermietbar, es gebe Leerstand.

Nach Auskunft von Nicole Urbschat hat sie die Mieträume vor sieben Jahren mit einem langfristigen Mietvertrag und einem relativ günstigen Mietzins erhalten. "Dafür haben wir aber auch die komplette Sanierung unserer Flächen übernommen. Wir mussten alles machen. Ohne eine lange Mietsicherheit wären wir nicht umgezogen. Wir haben rund eine Million Euro in die Räume investiert und dafür unsere Altersversorgung aufgegeben." Als das Porzellangeschäft Stadermann damals auszog, seien sie von der Verwaltung der Holler-Stiftung aus ihren ehemaligen Räumen am Kudamm 173 unter diesen Bedingungen abgeworben worden. Sie will jetzt das Verfahren, das vor dem Landgericht verhandelt werden wird, abwarten.