Bildung

Gymnasien in Bedrängnis

Es ist wenige Wochen her, dass Eltern ihre Kinder an der gewünschten Oberschule anmelden mussten. Während sie jedoch erst Ende April erfahren, ob es mit der Wunschschule oder wenigstens mit dem Zweit- oder Drittwunsch klappen wird, hat die Bildungsverwaltung bereits erhoben, dass sich in diesem Jahr 44 Prozent der Eltern für ein Gymnasium und 56 Prozent für eine Sekundarschule entschieden haben.

Im Vergleich zu den Vorjahren sind die Anmeldungen für das Gymnasium somit weiter zurückgegangen.

Zwar will noch immer fast jeder zweite Schüler an einem Gymnasium lernen, bei vielen Gymnasiallehrern wie auch bei Schulleitern und Eltern macht sich dennoch Unbehagen breit. Sie befürchten, dass in Berlin das Gymnasium künftig mehr und mehr an Attraktivität verlieren könnte. Dafür machen sie die vergleichsweise schlechtere Ausstattung dieser Schulform gegenüber den Sekundarschulen verantwortlich, aber auch die Tatsache, dass Schüler am Gymnasium das Abitur in zwölf Jahren machen müssen, während sie an der Sekundarschule ein Jahr mehr Zeit haben.

Neue Debatte um Turbo-Abitur

Eine Gymnasiallehrerin sagt, was viele denken: "Der Ton gegenüber Gymnasien hat sich in Berlin sehr gewandelt, da hat der alte rot-rote Senat ganze Arbeit geleistet. Und von der CDU kommt bislang auch keine Richtungsänderung."

An den grundständigen Gymnasien ab Klasse fünf, für die der Anmeldezeitraum zurzeit läuft, bemerkt man bereits, dass sich die Schulen untereinander zunehmend Konkurrenz um die Schüler machen. Die Kinder müssen einen besonders guten Notenschnitt aufweisen und Zusatzstunden auf sich nehmen.

Am Goethe-Gymnasium in Wilmersdorf beispielsweise lernen die Schüler zusätzlich Altgriechisch oder Latein. "Wir hatten im vergangenen Jahr den Eindruck bei den Anmeldungen, dass viele Eltern durch die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur verunsichert sind", sagt die Schulleiterin Gabriele Rupprecht. Die Zahl der Bewerber sei zurückgegangen. "Viele Eltern wollen ihren Kindern offenbar einfach mehr Zeit gönnen und wenden sich deshalb eher an die Sekundarschule", meint die Schulleiterin.

Das Abitur in 13 Jahren an der Sekundarschule sei durch die Bildungsverwaltung stark beworben worden. Allerdings müsse man abwarten, ob die Sekundarschulen ihr Versprechen auch halten können. Die Gymnasien dagegen hätten sich schon als erfolgreiche Schulform bewährt, sagt Gabriele Ruppert.

Der Vorsitzende der Oberstudiendirektoren, Ralf Treptow, sieht keine Gefährdung für das Gymnasium durch die Sekundarschulen. Er spricht sich vielmehr dafür aus, dass an Gymnasien nur die Kinder lernen sollten, die das Abitur nach 12 Jahren ohne größere Unterstützung schaffen. Eine bessere Ausstattung der Gymnasien fordert aber auch er.

"Die Schüler sind fast den ganzen Tag in der Schule", sagt Treptow. Deshalb brauche das Gymnasium Aufenthaltsräume und eine Mensa. Auch kleinere Klassen und eine bessere Betreuung der Schüler seien nötig, um jeden so gut wie möglich fördern zu können. All das dürfe nicht nur den Sekundarschulen vorbehalten sein.

Eberhard Kreitmeyer ist Leiter eines Ganztags-Gymnasiums in Charlottenburg. Hier können die Schüler Mittagessen, haben Freizeiträume und Förderangebote. Doch für dieses Ganztags-Angebot bekommt die Schule nicht das nötige Personal. "Während die Sekundarschulen für die zusätzliche Förderung im Ganztag anderthalb Lehrerstellen mehr erhalten, gehen die Gymnasien leer aus", sagt Kreitmeyer. "Wir wollen nicht nur Freizeitbeschäftigung sondern echte Förderangebote machen", so Kreitmeyer. Gemeinsam mit den Leitern der anderen Ganztags-Gymnasien hat er eine Gleichstellung bei der Personalausstattung mit den Sekundarschulen in einem Brief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) gefordert. Viele Gymnasialschulleiter plädieren zudem für ein anderes Aufnahmeverfahren.

Die meisten lehnen insbesondere die Verlosung von 30 Prozent der Schulplätze ab, die bei Übernachfrage einer Schule vorgesehen ist. Auf diese Weise würden viele ungeeignete Schüler auf das Gymnasium kommen, die dann am Probejahr scheitern, heißt es. Die Vereinigung der Oberstudiendirektoren plädiert für die Einführung eines Numerus clausus, der bei mindestens 2,0 liegen könnte.

Eine stärkere Verbindlichkeit der Förderprognose schlägt auch die Vereinigung der Berliner Schulleiter vor. Zusätzlich könnte ein Test eingeführt werden, für Kinder die keine Gymnasialempfehlung haben, sagt Paul Schuknecht, Vorsitzender der Schulleitervereinigung. Im Gegenzug soll das Probejahr abgeschafft werden. "Ziel muss es sein, ein Verfahren zu entwickeln, das dazu führt, dass die Gymnasien die Schüler, die sie aufnehmen, auch behalten müssen", sagt Paul Schuknecht. Es gefährde den Schulfrieden, wenn ein Schultyp seine Schüler zu Lasten des anderen Schultyps abgeben könne.

Schuknecht geht davon aus, dass solche Aufnahmetests dazu führen könnten, dass künftig weniger Schüler am Gymnasium angenommen werden. "Schon der ehemalige Bildungssenator Jürgen Zöllner hat errechnet, dass langfristig in Berlin zehn Gymnasien schließen oder zu Sekundarschulen werden müssen", sagt er.

Für Aufnahmetests spricht sich auch Katrin Schultze-Berndt (CDU) aus, Bildungsstadträtin in Reinickendorf. Einen Numerus clausus für die Aufnahme am Gymnasium hält sie hingegen für den falschen Weg. "Noten sind nur begrenzt aussagefähig und nicht immer vergleichbar", sagt sie. Außerdem führe ein "NC" nur zu einem noch höheren Druck auf die Kinder. Schon jetzt würden viele Eltern für ihre Grundschulkinder Nachhilfeunterricht organisieren, damit beim Zensurendurchschnitt eine Eins und keine Zwei vor dem Komma stünde. Auch Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt setzt sich dafür ein, die Berliner Gymnasien zu stärken. Einigen dieser Schulen müsste es wieder erlaubt werden, das Abitur nach 13 Jahren anzubieten, schlägt sie vor. "Es gibt Gymnasien, die viele Kinder haben, die mehr Unterstützung brauchen und die genau das auch leisten wollen." Wenn diese Schulen wieder zum Abitur nach 13 Jahren zurückzukehren könnten, würden sich wieder mehr Eltern für das Gymnasium entscheiden.

"Viele Eltern sind offenbar durch die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur verunsichert"

Gabriele Rupprecht, Leiterin des Goethe-Gymnasiums in Wilmersdorf