Prozess

"Worte bringen mir meinen Bruder nicht wieder"

Sie hatten am Abend noch darüber gesprochen: über Gewalt auf der Straße. Und dass man sich am besten passiv verhalte und besonnen zu reagieren versuche. Es ist beklemmend ruhig im Saal 500 des Moabiter Kriminalgerichts, als der 22 Jahre alte Student Raoul S. davon erzählt.

Jeder im Saal weiß, dass es der letzte Abend von Raoul S.s bestem Freund Giuseppe Marcone war. Stunden später wurde Marcone selber ein Opfer von Gewalt. Am 17. September 2011, gegen 4.45 Uhr im U-Bahnhof Kaiserdamm. Als der 23-Jährige zu fliehen versuchte, rannte er auf die Straße, wurde von einem Auto angefahren und gegen einen Laternenmast geschleudert. Er starb noch am Unfallort.

Der Mann, vor dem Marcone an jenem Tag geflohen war, muss sich seit Montag vor einem Moabiter Schwurgericht wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Ali T., zwei Jahre jünger als Giuseppe Marcone. "Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt", wird Marcones Mutter während einer Prozessunterbrechung sagen. "So wie er aussieht, hätte er auch ein Freund von meinem Sohn sein können." Ähnliches könne sie auch über den 22-jährigen Baris B. sagen, der ihren Sohn ebenfalls attackierte und nun wegen gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank sitzt.

Angeklagter gibt sich Mitschuld

Beide Angeklagten lassen am ersten Verhandlungstag von ihren Verteidigern Geständnisse verlesen. Seine Anwälte hätten ihm gesagt, dass es sehr schwer wird, ihm für den Tod von Marcone eine Schuld nachzuweisen, heißt es in der Erklärung von Ali T. "Ich gebe mir aber eine Mitschuld, ich will mich der Verantwortung stellen. Auch wenn ich das, was passiert ist, nie gewollt habe."

Der von Ali T. geschilderte Tagesablauf vor der Tat ist in dieser Art immer wieder bei Strafprozessen zu hören, in denen es um sinnlose Gewalttaten geht: Langeweile, ein Saufgelage, und dann einfach losziehen, scheinbar ohne Sinn und Ziel, aber letztlich doch auf der Suche nach Streit. "Wir haben uns laut und großspurig aufgeführt", so Ali T., "wir haben uns benommen wie betrunkene Idioten."

Ihr Opfer fanden Ali T. und Baris B. dann im U-Bahnhof Kaiserdamm: Giuseppe Marcone und Raoul S., die nach Hause fahren wollten. Ali T. fragte sie barsch nach Zigaretten. Raoul S. antwortete, dass er nur noch zwei habe und sie für sich selber brauche. Er könne ja gefälligst neue kaufen, antwortete Ali T., jetzt schon sehr aggressiv. Worauf sich Marcone erkundigte, warum er so provoziere. "Verpisst euch hier", sagte Ali T. Und Marcone erwiderte, dass gleich ihre U-Bahn komme und sie bleiben würden. Er habe sich dann vor Marcone aufgebaut und ihm einen "Einzelkampf" angeboten, so Ali T.

Fast deckungsgleich schildert Raoul S. den Beginn der Eskalation: Er und Giuseppe hätten beschlossen, zum Ausgang zu laufen - weg von Ali T. Aber der sei auf gleicher Höhe geblieben, habe provoziert, seine Jacke ausgezogen. Es habe auch nicht geholfen, dass er ihm noch seine Zigarettenschachtel zugeworfen habe.

Den ersten Schlag bekam Giuseppe Marcone von Baris B. mit der flachen Hand gegen den Nacken. Unvermittelt. Baris B. kann vor Gericht den Grund dafür selber nicht mehr erklären. Und dann schlug auch Ali T. zu, mit der Faust in Giuseppe Marcones Gesicht. Der wehrte sich. Und Raoul S., der schon auf der Treppe stand, eilte dem Freund zu Hilfe, traf Baris B. am Auge. Anschließend ging alles sehr schnell: Raoul S. und Giuseppe Marcone rannten die Treppe hinauf. Er sei in Richtung Theodor-Heuss-Platz geflohen, erinnert sich Raoul S. Dabei habe er sich immer wieder umgedreht. Und er habe beide kurz gesehen: Giuseppe Marcone, der auf die zu dieser Zeit kaum befahrene Fahrbahn flüchtete. Hinter ihm, im Abstand von etwa anderthalb Metern, Ali T. "Es war ersichtlich, dass er ihn verfolgte."

Verzweifelte Rettungsversuche

Und dann habe er diese Geräusche gehört, sagt Raoul S.: "zwei laute Knallgeräusche". Er konnte in diesem Moment nicht wissen, dass ein Knallgeräusch der Aufprall eines VW Sharan gegen seinen fliehenden Freund war und das zweite Knallgeräusch der Aufprall des durch die Luft geschleuderten Freundes gegen einen Laternenmast. Aber er habe sofort gewusst, "dass Giuseppe etwas passiert ist". Raoul S. alarmierte die Polizei, rannte zum Unfallort, sah den Freund reglos liegen, ließ sich per Handy Anleitungen von einem Polizisten geben, wie er Giuseppe reanimieren könne, versuchte es verzweifelt mit Herzdruckmassage, mit Mund-zu-Mund-Beatmung - aber alles vergebens.

In dem Prozess treten Giuseppe Marcones Mutter Vaja und sein Bruder Velin als Nebenkläger auf. "Wir sind hier, weil wir das meinem Bruder schuldig sind. Das Strafmaß für die Angeklagten ist mir egal", sagt der 28-jährige Velin Marcone. Auch eine Entschuldigung hätte für ihn keinen Wert. "Worte bringen mir meinen Bruder nicht wieder." Aber es wäre im Sinne von Giuseppe, "wenn es durch diesen Prozess künftig mehr Aufmerksamkeit und Zivilcourage bei der Konfrontation mit Gewalttätern" gebe. Auch bei Vaja Marcone ist kein Hass zu spüren. "Ich hadere mit dem Schicksal", sagt die 50-Jährige. "Zwei Sekunden mehr, und Giuseppe wäre über die Straße gekommen. Ich verstehe nicht, warum ihm das Schicksal nicht diese Sekunden gegeben hat."