Sascha Lobo

"Wulff hat mir die Show gestohlen"

Die Jugendsünden sind golden und stehen nackig im Flur. Ein paar Besucher betrachten sie aufmerksam von allen Seiten, vielleicht werden sie sie mitnehmen. "Diese Schaufensterpuppen habe ich vor ein paar Jahren gekauft", erklärt Sascha Lobo. "In meiner Singlezeit standen sie im Gästezimmer.

Wenn Bekannte zu mir kamen, haben sie bestimmt oft gedacht, was ist das denn für'n doofer Typ." Lobo lächelt. Doof findet der bekannte Berliner Blogger, Internetexperte, Strategieberater und Buchautor, dessen Markenzeichen der rote Irokesenschnitt ist, inzwischen viele Gegenstände in seiner Fünf-Zimmer-Altbauwohnung an der Schönhauser Allee. Im Dezember hat der 36-Jährige geheiratet und ist mit seiner Frau zusammengezogen. Die Junggesellenbude in Prenzlauer Berg muss ausgeräumt werden. Und so hat Lobo kurzerhand einen "Facebook Fire Sale" ausgerufen.

"Alles muss raus - Möbel und Zeug am Freitag in Berlin abholen", hatte Lobo auf seiner Seite gepostet. Im Nu hat sich die Nachricht im Netz herumgesprochen. Rund 70 Leute stürmen am Freitagabend in Lobos Wohnung und packen ein, was noch zu haben ist. Den Preis legen sie selbst fest. Die Hälfte der Einnahmen will Lobo an den Kältebus spenden. Für den Autor, der sich den größten Teil seines Lebens in der Blogosphäre bewegt, liegt es nahe, auch seine Wohnungsauflösung über das Internet zu organisieren. Facebook sei super dafür geeignet, schnell mal ein paar unliebsame Möbel loszuwerden, sagt Sascha Lobo.

Metallenes "F" als Wandschmuck

"Schau mal, den müssen wir auch unbedingt noch mitnehmen", ruft Friederike Franze ihrer Freundin zu. In einem Regal hat sie einen goldenen Gartenzwerg entdeckt, der die recht Hand zum Hitler-Gruß hebt. "Ein Nazizwerg?" fragt Sabrina Apitz skeptisch zurück. "Ja, der hat bestimmt Seltenheitswert." "Den müssen wir dann aber gleich in einem Beutel verstecken, wenn wir U-Bahn fahren." Die beiden Fotografinnen haben bereits sämtliche Vorhänge abmontiert, Samtstoff in hellgrau, weinrot und blau. "Die können wir gut als Deko für unsere Shootings benutzen", sagt Friederike Franze und beginnt, auch noch die grellgelbe Lampe im Flur abzuschrauben.

Eigentlich waren sie wegen der großen Metallbuchstaben gekommen, die Lobo in einer Inventarliste veröffentlicht hatte. Die stammen aus einem alten Schriftzug von "Fujifilm" - das "film" hatte Lobo vor Jahren ergattert und in seinen Flur gestellt. Die Buchstaben sind schon gleich zu Beginn weg. Martin Beyerle hat das "F" bereits die vier Stockwerke heruntergewuchtet. Zwei Meter hoch und circa 1,50 Meter breit ist das Metallungetüm. "Das kommt als Wandschmuck in mein neues Büro", sagt der Designer. Problem nur: Sein Büro ist in Köln. Und Beyerle fährt mit dem Zug zurück. "Ich werde wohl mit dem Schaffner feilschen müssen." Groß genug dafür, dass es eine eigene Fahrkarte verdienen würde, ist das F jedenfalls. 15 Euro hat Beyerle Lobo dafür gegeben.

Der Blogger scheint fast verwundert, dass sich die Leute so um sein größtenteils kitschverdächtiges Inventar reißen. "Vor einigen Jahren dachte ich: Große Buchstaben aus Metall, wie cool ist das denn? Aber man wird reifer mit der Zeit", sagt er und nippt an einem alkoholfreien Bier. In seinem schwarzen Anzug, zu dem er Turnschuhe trägt, beobachtet er, wie Mittzwanziger seine Regale auseinanderbauen, Stühle, Lampen und Kisten auf den Flur tragen. Wehmütig ist er nicht. "Wenn man in einer so großen Wohnung alleine wohnt, schafft man sich eine ganze Menge Quatsch an." Für die gemeinsame neue Wohnung haben er und seine Frau sich eine komplett neue Einrichtung zugelegt. Die sei ein bisschen ernsthafter. "Ich habe überhaupt keine Lust mehr auf den ganzen alten Kram", sagt Lobo.

Spende geht an den Kältebus

Nach einer knappen Stunde ist fast alles weg, selbst die goldenen Schaufensterpuppen. Kristin Rybicki will sich eine ins Schlafzimmer stellen. Allerdings nicht nackt: "Die werde ich als Kleiderständer für meine Blusen benutzen", sagt die 36-jährige Sales Managerin. 15 Euro zahlt sie für die Puppe und drei Bastkörbe.

Am Ende hat Lobo rund 350 Euro eingenommen. 175 Euro wird er dem Kältebus spenden. "Weil das Projekt ein ganz simpler Weg ist, Menschen direkt zu helfen", sagt der Blogger, während er einen letzten Rundgang in der Wohnung macht. "Es ist viel mehr weggegangen, als ich dachte." Nur das altrosa Sofa im hintersten Zimmer wollte keiner haben. Auf einer Party vor vier Jahren, zu der Lobo seine Twitter-Anhänger einlud, hatten Gäste eine kleine Orgie darauf veranstaltet. Internetaktivisten hätten den Abend mit einem Dreier ausklingen lassen, erzählt er. "Das nehme ich ganz bestimmt nicht in die neue Wohnung mit." Ansonsten sei er ganz zufrieden. Nur eines ärgert ihn. Eigentlich wollte er an diesem Tag den meistbeachteten Umzug in Berlin starten, sagt Lobo. "Aber dann hat mir Wulff mit seinem Auszug aus Bellevue die Show gestohlen."