Streik bei der BVG

Die ausgebremste Hauptstadt

Ein rotes Metallgitter verschließt den Zugang zum unterirdischen Bahnsteig am Alexanderplatz, die weißen Neonröhren dahinter leuchten, wie jeden Tag. Auch das rote Lämpchen der Notrufsäule blinkt neben den Fahrkartenautomaten. Das einzige Geräusch erzeugt der Motor der Werbetafeln, die alle paar Sekunden rotieren.

Hier, wo sich sonst Menschentrauben in die U-Bahn schieben, wo es lärmt und Hektik herrscht, hüpft heute nur eine Taube über den menschenleeren Bahnsteig.

So friedlich ist es selten unter der Erde der Hauptstadt.

Vom Stillstand überrascht

Umso lauter ist es über der Erde. Benedikt Becker läuft mit seinen Freunden über den Alexanderplatz, vorbei an Touristen, deren Ziehkoffer über den Asphalt rattern. Auch der 26-Jährige ist Reisender, der seit den Morgenstunden schon mit einigen Hindernissen zu kämpfen hatte: "Ich wusste nichts von dem Streik, als ich in der Frühe am Hauptbahnhof ankam", sagt er. Becker möchte ins Olympiastadion - an diesem Tag ein Weg, der für den aus Bremen angereisten Studenten viel Zeit beansprucht. Notgedrungen musste er sich nach der Ankunft zunächst ein Taxi nehmen, das ihn zu seinem Bekannten in Prenzlauer Berg brachte. "Von dort aus mussten wir eine halbe Stunde zum Alexanderplatz laufen, weil auch keine Tram fuhr", ärgert Becker sich. Der angekündigte Komplettstreik der BVG überraschte gestern vor allem Berlin-Besucher wie ihn, die nicht darauf vorbereitet waren, dass ihnen zwischen vier und 19 Uhr der Transport mit U-Bahnen und fast allen Bussen verwehrt bleiben würde.

Die Berliner selbst nehmen die Einschränkungen indes vielerorts mit wochenendtypischer Gelassenheit. Manche konzentrieren sich auf die positiven Seiten, zum Beispiel in finanzieller Hinsicht. Und: Die 15 Stunden Entschleunigung lassen viele Hauptstädter auch Vorzüge der Langsamkeit entdecken. So etwa Christine Stengel (65), die am Flughafen Tegel auf ihren Abflug nach Zürich wartet. "Wir haben aus Stroh Gold gestrickt und kurzerhand Freunde angerufen, die uns dann zum Flughafen gebracht haben", erzählt die Rentnerin, während sie mit ihrem Ehemann die Busfahrpläne mustert. Für den Tag der Ankunft will sie schon mal eine Verbindung heraussuchen. An diesem Knotenpunkt des Busverkehrs in Tegel, wo normalerweise Busse mehrerer BVG-Linien abfahren, hält am Streiktag nur der 109er, ein Shuttle-Service, der zwischen Airport und Ringbahn-Station Jungfernheide pendelt. "Das wäre für uns kompliziert geworden, weil wir in Wilmersdorf wohnen", sagt Christine Stengel. Aber so hatten sie ein angeregtes Gespräch mit den Freunden. Ein Streik kann Menschen auch zusammenführen.

Er kann jedoch auch kostspielig sein. Lisa Manella (20) steht vor dem Flughafengebäude und öffnet ihren pinkfarbenen Plastikkoffer. Sie zieht eine Klarsichtfolie aus einer Mappe: "Kurfürstendamm 101, da ist unser Hotel", liest sie von einem Papier ab und blickt ihren Freund Giacomo Sommaruga (23) an. Die zwei Studenten aus Italien und der Schweiz verbringen vier Tage in Berlin. BVG, Warnstreik? Das sind Fremdwörter für das junge Paar. Lisa Manella klappert mit ihrem Ziehkoffer zum Taxistand. "Wir sind das erste Mal in Berlin. Die Zeit wollen wir nutzen, deshalb bezahlen wir auch gern ein bisschen mehr", sagt die 20-Jährige. Der Taxifahrer hievt das Gepäck in den Kofferraum, und die Italienerin macht es sich auf dem Rücksitz bequem.

Weniger Beinfreiheit haben die Fahrgäste im Shuttle-Bus 109, der sich gerade in Gang setzt, um den S-Bahnhof Jungfernheide anzufahren. Von dort geht es nur noch mit der Ringbahn weiter. Eingekeilt von Reisekoffern, sitzen Carmen Diaz (55) und ihr Mann Peter Jung an einem der Viererplätze im Bus. Sie kommen aus Essen und wollen sich vor allem Potsdam anschauen. "Zum Glück fahren zumindest die S-Bahnen. Aber wir haben Urlaub, da lassen wir uns nicht stressen", sagt Diaz. Sie hat einen Stadtplan ausgebreitet und fährt mit dem Finger zum Savignyplatz in Charlottenburg, wo das Paar hin will.

Am S-Bahnhof Jungfernheide steht Valentina Jentsch (23) ebenfalls vor einem der Shuttle-Busse. Sie drückt ihre weinroten Handschuhe von außen gegen das Busfenster. Hinter der Scheibe sitzt Nino Segreto, ihr Freund, der für eine Woche nach Bologna muss. "Normalerweise wäre er nach Tegel mit der U 7 gefahren, Rathaus Neukölln bis Jakob-Kaiser-Platz, von dort mit dem Bus. So hatten wir noch mehr Zeit miteinander", sagt Valentina Jentsch und lacht: Für sie hat der Streik auch eine romantische Note.

Taxifahrer profitieren

Nicht nur zur Versorgung des Flughafens, auch im Ostteil der Stadt am Bahnhof Berlin-Lichtenberg ist ein Shuttlebus eingerichtet, der Fahrgäste zur Frankfurter Allee fährt. Andreas Schmidt (34), sein zehnjähriger Sohn Leon-Pascal und der Freund Robert Ehrich wollen zum Fußballspiel Dortmund gegen Hertha ins Olympiastadion. "Wir mussten uns aus Hellersdorf ein Taxi nehmen. Dabei sind die Fahrkarten in der Eintrittskarte inklusive", poltert der Hertha-Fan. Die Taxifahrer gehören allerdings zu den wenigen Profiteuren des Streiktages. So wie Klaus Sgraja, der seinen gelben Wagen in der Dircksenstraße am Alexanderplatz parkt. "Der Tag ist beinahe wie Silvester!", freut sich der 61-Jährige. Die Kunden flögen ihm nur so zu, der Umsatz sei bestimmt um 40 Prozent höher als an anderen Sonnabenden, schätzt er. Und auch das Geschäft der "Berlin City Tour", eines Anbieters von Stadtrundfahrten, scheint beflügelt. "Wir haben heute zwei zusätzlich Busse eingerichtet", berichtet einer der Fahrer.