BER

Mehr Fluglärm für den Südwesten

Nach der Festlegung der Flugrouten für den neuen Hauptstadtflughafen BER durch das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF) Ende Januar herrschte erst einmal Erleichterung im Südwesten Berlins und in den brandenburgischen Gemeinden Kleinmachnow, Stahnsdorf und Teltow.

Die Region sollte nach Inbetriebnahme des Willy-Brandt-Airports deutlich weniger Fluglärm abbekommen als ursprünglich geplant. Doch nur wenige Wochen später stellt sich heraus: Gleich nach der am 3. Juni geplanten BER-Eröffnung soll es spürbar mehr Überflüge und mehr damit Lärm über ihre Wohngebiete geben als bislang angekündigt.

Auch andere Flugschneisen über Berlin und Brandenburg werden wohl deutlich stärker in Anspruch genommen. Der Grund: Die Airlines haben inzwischen ihre Planungen für den Sommerflugplan präzisiert und einen deutlich höheren Bedarf für den BER in Schönefeld angemeldet. Das bestätigte am Freitag der Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS), Axel Raab, auf Nachfrage der Berliner Morgenpost. Konkret geht es um sogenannte Slots - also Zeitfenster, die für Starts und Landungen vergeben werden.

Als am 25. Januar die Flugrouten durch das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung festgelegt wurden, gingen alle davon aus, dass etwa bei der sogenannten Wannsee-Route mit 48 Überflügen pro Tag zu rechnen sei. Auf dieser Route dürfen die Maschinen auch über Stahnsdorf, Kleinmachnow, Teltow und Zehlendorf fliegen. Laut einer vom Berliner Rechtsanwalt Remo Klinger für die betroffenen brandenburgischen Gemeinden angeforderten Auskunft sieht die aktuelle Prognose der DFS jedoch weitaus mehr Flugbewegungen vor. "Danach sind es 83 Überflüge, die zum Zeitpunkt der Eröffnung des Flughafens im Juni 2012 täglich bei Westwindbetrieb - und somit an Zweidritteln der Betriebstage - zu erwarten sind", so Klinger. Das bedeute eine Steigerung um 73 Prozent. Auf der sogenannten HLZ-Route, die südlich von Potsdam an der Autobahn entlang führt, würden dagegen die Überflüge um acht auf 78 Flüge zurückgehen, kritisiert der Anwalt. Dabei seien dort weniger Menschen von Fluglärm betroffen. Klingers Kanzlei vertritt die Interessen der Gemeinden Kleinmachnow, Stahnsdorf und der Stadt Teltow. Kleinmachnow und Stahnsdorf wollen gegen die im Januar veröffentlichten Flugrouten klagen. "Bei unserer Klage vor dem Oberverwaltungsgericht wird die größere Flugbelastung eine gewichtige Rolle spielen", sagte Klinger. "Die jetzt bekannt gewordenen Tatsachen sind nicht nur politisch verheerend, sie begründen auch einen schwerwiegenden Rechtsfehler der Flugroutenfestlegung." Ihr lagen offenbar veraltete Flugzahlen zugrunde.

Entsetzen über neues Szenario

"Es hätte niemals zur Festlegung der Wannsee-Routen kommen dürfen", so der Anwalt. Bei der Entscheidung, die gegen das Votum der Fluglärmkommission und der Empfehlung des Umweltbundesamtes gefallen sei, habe man als Grund angegeben, dass diese Route nicht mehr Lärm verursache als eine Route um Potsdam und Werder/Havel herum. Diese Begründung sei bei deutlich mehr Flugbewegungen über dem Wannsee nicht mehr zu halten. Klinger zufolge gibt es Hinweise, dass die neuen Zahlen dem Bundesamt bereits zum Zeitpunkt der Flugroutenentscheidung bekannt waren. Eine Stellungnahme der Behörde war für die Berliner Morgenpost am Freitag nicht zu bekommen.

In den betroffenen Kommunen herrscht blankes Entsetzen über das neue Fluglärm-Szenario. "Wir lassen uns doch nicht zugunsten wirtschaftlicher Interessen für dumm verkaufen", empört sich etwa Kleinmachnows Bürgermeister Michael Grubert (SPD). Für seinen Stahnsdorfer Amtskollegen Bernd Albers (SPD) "reicht es". Teltows Bürgermeister Thomas Schmidt sagte: "Es spottet jeder Beschreibung, wie man hier offensichtlich mit uns umzugehen gedenkt."

Nach der Entscheidung des Bundesaufsichtsamtes für Flugsicherung im Januar dieses Jahres hatte im Südwesten Berlins zunächst Erleichterung geherrscht. Die Bewohner der Region sollten entgegen der im September 2011 von der DFS vorgestellten Routenplanung von Fluglärm entlastet werden. Korrekturen ließen speziell die Lichtenrader etwas aufatmen, die in einer Höhe von nur 600 Metern von Düsenjets überflogen werden sollten.

Mit weniger Lärm als befürchtet können nach der Entscheidung auch die Potsdamer rechnen. Die Landeshauptstadt soll ganz von direkten Überflügen verschont werden. Die Maschinen fliegen östlich oder südlich vorbei. Verlierer sind Blankenfelde-Mahlow und Rangsdorf. Sie bekommen bei Starts von der Südbahn mehr Fluglärm ab als anfangs geplant.

Wie viele Überfüge es tatsächlich sein werden, ist nun wieder völlig offen. "Da haben jetzt mehr Fluggesellschaften Flüge für den Flughafen Berlin angemeldet", sagte Raab. Dabei reservieren sich die Airlines zunächst die Slots - in welchem Umfang tatsächlich zusätzlich geflogen werde, bleibe aber abzuwarten.