Neuköllner Label "Rita in Palma"

Zwei Designerinnen und ihre Häkel-Masche

In das Ladenlokal neben der Moschee an der Kienitzer Straße in Neukölln sind neue Mieter eingezogen. Mieter, mit denen in dieser Gegend wohl keiner gerechnet hätte: Ein junges Designlabel namens "Rita in Palma", das avantgardistische Häkelmode produziert und es damit schon in die Vogue geschafft hat.

Warum hier und nicht etwa am Hackeschen Markt? Eine Kostenfrage, ganz klar - aber nicht nur das. Mit "Rita in Palma" haben die Designerinnen Ann-Kathrin Carstensen und Ana-Nuria Schmidt auch ein Integrationsprojekt ins Leben gerufen. Und das ist in einem Bezirk mit 35 Prozent Ausländeranteil ziemlich passend.

Momentan wirkt er noch etwas wie ein Fremdkörper, der Laden, an dessen Fenstern das geschwungene Logo des Modelabels prangt. Interesse hat er aber schon geweckt. Immer wieder bleiben Passanten stehen und blicken neugierig durch die Scheibe: Auf den zweisprachigen Schriftzug, der entlang des Fensters läuft -"Rita's Häkelclub" steht da und auf Türkisch "Rita`nineli? Ikulübü" - und in den Raum, der von einer Vintage-Sitzgarnitur in schwarzem Samt dominiert wird. Rechts stehen Garderobenständer, an denen die Häkel-Kreationen von Carstensen und Schmidt hängen.

Kragen mit filigraner Struktur

Da sind hauchfeine Schals aus handgefärbter Seide, an denen kunstvoll gehäkelte Blüten entlang mäandern. Luftige Tücher im Retroprint mit verspieltem Spitzensaum. Oder federleichte Häkel-Krägen, die in ihrer filigranen Struktur an Korallen erinnern. "Nicht zu vergessen unsere Schmuckkollektion", sagt Schmidt und weist auf eine Vitrine, in der unter anderem Goldkettchen mit Häkelschleifen und Ohrringe mit bunt umknüpften Kugelanhängern liegen.

Die Idee, die althergebrachte Handarbeitstechnik mit modernen Designs zu kombinieren, entwickelten Schmidt und Carstensen 2010 - zwei Jahre nach Abschluss des Modedesign-Studiums an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. "Wir hatten beschlossen, uns selbstständig zu machen, und da fielen mir die Häkelsocken ein, die ich während des Studiums mit einer griechischen Freundin designt hatte", erinnert sie sich. Wie in Griechenland üblich, waren sie mit sehr feinem Garn gearbeitet und hatten ein filigranes Muster.

Von den Socken spannen die Freundinnen den Gedanken weiter: Überlegten, was man noch im zarten Häkellook produzieren und wer die Fertigung übernehmen könnte. "Da die türkische Häkel-Kunst der griechischen ähnlich ist und wir wussten, dass in Berlin viele Türkinnen leben, die in ihrer Freizeit handarbeiten, hofften wir, unter ihnen fündig zu werden", erzählt Schmidt. Zu Anfang verlief die Suche schleppend: Handzettel, die die Jung-Designerinnen aushängten, wurden ignoriert. Und auch die Versuche, in türkischen Nachbarschaftsvereinen Frauen für ihr Projekt zu gewinnen, blieben ergebnislos: "Da waren etliche, die kein Deutsch konnten und dann ist da natürlich das traditionelle weibliche Rollenbild der Türkei", erklärt Carstensen.

Nach einigen Wochen Suche dann aber endlich der Durchbruch: In einem Häkeltreff an der Oranienstraße warf eine Frau einen Blick auf die "Rita in Palma"-Muster und erklärte sich bereit, sie umzusetzen. Ein Beispiel, das Schule machte: Mittlerweile häkeln sechs Türkinnen regelmäßig für "Rita in Palma", und die Labelinhaberinnen haben Kontakt zu etlichen weiteren.

"Was für Kunstwerke diese Frauen mit Nadel und Garn zaubern, ist unglaublich. Wir nennen sie deshalb auch Häkelköniginnen", schwärmt Schmidt. Bei so viel Begeisterung ist es nicht erstaunlich, dass die "Königinnen" die Kleidungsstücke nicht nur fertigen, sondern auch am kreativen Prozess beteiligt sind: "Wir gehen unsere Entwürfe mit ihnen durch, und teils ist es auch so, dass sie selbst Ideen haben, die in die Kollektion einfließen", erzählt sie.

Durch die enge Zusammenarbeit ist ein sehr gutes, teils sogar freundschaftliches Verhältnis zwischen den Frauen gewachsen. "Und damit auch die Erkenntnis, dass wir Deutschen und die Türken uns trotz kultureller Unterschiede eigentlich gar nicht unähnlich sind und es verdammt schade ist, dass wir so aneinander vorbeileben", erklärt Carstensen. Ausgehend davon hätten sie und Schmidt Lust bekommen, etwas zu ändern: "Rita in Palma" sollte nicht mehr nur Modelabel, sondern auch Integrationsprojekt sein.

Dafür laden die Designerinnen die Häkelköniginnen zu Fashionevents ein, unterstützen sie bei Premieren wie der ersten U-Bahnfahrt oder ermutigen sie zum Deutsch-Lernen. Ein gutes Beispiel dafür, dass die Bemühungen fruchten, ist Zahide aus Wedding. "Als wir sie kennenlernten, konnte sie kein Wort Deutsch. Nachdem sie eine Weile bei uns gearbeitet hatte, beschloss sie, einen Kurs zu machen - und ist mittlerweile Klassenbeste", sagt Schmidt.

Nun, wo "Rita in Palma" ein Zuhause hat, wollen Carstensen und Schmidt die Integrationsarbeit noch ausbauen. "Wir haben ,Rita's Häkelclub' gegründet, einen Verein, in dem Türken wie Deutsche gleichermaßen willkommen sind", sagt Carstensen. Es wird Deutsch- und Türkischunterricht geben sowie Häkelkurse, in denen die Häkelköniginnen ihre Techniken weitergeben können.

Parallel zur Vereinsarbeit gilt es für Carstensen und Schmidt, mit ihrem jungen Label den Durchbruch zu schaffen. "Wir sind eigentlich ganz zufrieden mit dem, was wir erreicht haben: Zeitungsabdrucke, eine Einladung in den Green Showroom des Adlon und jetzt der Young Designer Award der Premium-Messe", sagt Schmidt. Für den dauerhaften Erfolg müssen sich der Bekanntheitsgrad von "Rita in Palma" und die Auftragslage aber noch steigern. Ist der Erfolg da, möchte "Rita in Palma" den Häklerinnen, die in Heimarbeit gegen Honorar arbeiten, ein reguläres Beschäftigungsverhältnis bieten. "Längerfristig gesehen schwebt uns eine Art Häkelmanufaktur vor, bei der auch andere Designer Arbeiten in Auftrag geben können", so Carstensen. Eine Dienstleistung, durch die sie einen Zweitverdienst hätten und die Häklerinnen Unabhängigkeit vom "Rita in Palma"-Umsatz.