Bildung

Für Abbrecher fehlen die Schulplätze

An den Berliner Oberschulen deutet sich ein gewaltiges Problem an. Für die Siebtklässler, die das Probejahr am Gymnasium nicht schaffen werden, gibt es nicht genügend Plätze an den Sekundarschulen.

Denn durch die Zusammenlegung von Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu integrierten Sekundarschulen sind viele Schulstandorte aufgegeben worden. Dadurch fehlt es nun an Platz. Das machte sich schon im vergangenen Jahr bei der Aufnahme der Siebtklässler in den Sekundarschulen bemerkbar. Die Kapazitäten wurden bis an die Grenze des Möglichen ausgelastet. Schulen, die noch Räume hatten, mussten zusätzliche Klassen aufmachen. Doch an die sogenannten Rückläufer aus den Gymnasien hat man dabei offenbar nicht gedacht.

Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sagt, dass sie durchaus eine gewisse Rückläuferquote einkalkuliert habe. "Wir haben aber nicht damit gerechnet, dass es so viele sind." Die Schulen hätten jetzt schon 107 Kinder gemeldet, die das Probejahr wahrscheinlich nicht bestehen werden. Wie viele Kinder darüber hinaus aus anderen Schulen wieder zurück in den Bezirk kämen, sei noch ungewiss. Im vergangenen Schuljahr hatten dagegen nur etwa 68 Kinder die Probezeit am Gymnasium nicht geschafft.

In Reinickendorf sind laut Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt bislang 88 Schüler gemeldet, die das Gymnasium voraussichtlich wieder verlassen müssen. "Wir haben aber so gut wie keine freien Sekundarschulplätze", sagt auch Schultze-Berndt. Durch die Sekundarschulreform sei es zu einer Verknappung von Schulplätzen gekommen. Außerdem seien die jetzigen siebten Klassen durch die vorgezogene Einschulung ein zahlenmäßig besonders starker Jahrgang. Beides führe dazu, dass es für Rückläufer keine Plätze mehr in den Sekundarschulklassen gibt. "Wir werden Rückläuferklassen einrichten müssen", heißt es in sowohl in Reinickendorf als auch in Neukölln.

"Pädagogische Katastrophe"

Viele Schulleiter warnen indes vor dieser Lösung. Unter ihnen ist Georg Krapp, Leiter des Neuköllner Albert-Schweitzer-Gymnasiums. "Solche Klassen sind eine pädagogische Katastrophe", sagt er. Diese Kinder seien ohnehin frustriert. Sie brauchten dringend eine positive Lernatmosphäre. "Stattdessen wird sich der Frust in solchen Rückläuferklassen potenzieren", so Krapp. Durch die Hintertür würde man auf diese Weise wieder Hauptschulklassen einführen. Der Schulleiter ist froh, dass seine Schule zu einem Modellversuch gehört. "Bei uns beträgt die Probezeit zwei Jahre. Wir können die Schüler deshalb gut fördern." Von den etwa 120 Siebtklässlern würden nach der achten Klasse nur etwa zehn Schüler abgehen müssen. Doch auch um die macht sich Krapp jetzt schon Sorgen. "Es gibt einfach zu wenig Sekundarschulplätze", sagt er.

Probleme wie in Neukölln oder Reinickendorf gibt es auch in anderen Bezirken. Etwa in Tempelhof-Schöneberg oder Mitte. In der Bildungsverwaltung will man sich heute deshalb zu einer ersten Beratung zusammensetzen. Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), weist darauf hin, dass es auch deshalb eine größere Zahl von Rückläufer geben werde, weil viele Eltern ihre Kinder entgegen einer anderslautenden Grundschulempfehlung am Gymnasium angemeldet haben. Stoffers legt allen Eltern, die jetzt nach einer weiterführenden Schule für ihre Kinder suchen müssen, deshalb nahe, die Förderprognose der Grundschule ernst zu nehmen. "Eltern sollten genau prüfen, welche Schule zum Lerntempo ihres Kindes passt", sagt sie.

Auch Neuköllns Bildungsstadträtin Giffey beklagt, dass viele Eltern "beratungsresistent" seien und ihre Kinder sogar mit einem Zensurendurchschnitt von 3,5 und schlechter am Gymnasium anmelden würden. "Diese Kinder schaffen es einfach nicht und müssen sich nun ein ganzes Jahr quälen. Das ist sehr frustrierend", so Giffey.

Genau diese Erfahrung macht gegenwärtig die Schulleiterin des Menzel-Gymnasiums in Mitte, Cynthia Segner. "Wir haben eine größere Zahl von Schülern, die das Probejahr nicht schaffen werden." In einigen siebten Klassen seien es so viele, dass das zu einer ungünstigen Lernatmosphäre führe. Die genaue Zahl will die Schulleiterin nicht veröffentlichen. Fest stehe aber, dass viele dieser Schüler keine Gymnasialempfehlung gehabt haben, sagt sie. Nicht wenige Eltern wollten ihre Kinder nun am liebsten sofort an einer Sekundarschule anmelden. Entsetzt hätten sie jedoch feststellen müssen, dass es keine Plätze gibt.

Das Gleiche berichtet Michael Frank, Schulleiter des Neuköllner Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums. An seiner Schule betreffe es bislang etwa 35 Schüler. "Die müssen nun bis zum Ende des Schuljahres bei uns ausharren. Das ist für alle schwierig." Der Schulleiter hält es deshalb für geboten, diesen Schüler sofort Sekundarschulplätze bereitzustellen. In Neukölln hat aber nur die wenig nachgefragte Keppler-Schule noch einige Plätze frei.

"Wir haben keine Sekundarschulplätze für Rückläufer aus den Gymnasien."

Katrin Schultze-Berndt, Schulstadträtin