Gewalt

Schwere Vorwürfe gegen Sozialarbeiter

Das Foto zeigt Zoe aus Weißensee, als sie noch lebte: Das zweijährige Mädchen blickt ernst in die Kamera, rechts an ihrem Kopf ist ein großer blauer Fleck zu sehen, ihr linkes Auge ist blutunterlaufen. Nach Informationen der Morgenpost soll ein Freund der Familie dieses Bild vor zwei Monaten aufgenommen haben.

Er habe auch die vom Jugendamt eingesetzten Mitarbeiter mehrfach auf die Misshandlung des Kindes hingewiesen.

In einem Interview mit dem Privatsender RTL beschrieb der 26-Jährige ausführlich, was er bei seinen häufigen Besuchen in der Wohnung der Familie erlebte. Vor allem bei Zoe seien regelmäßig Verletzungen wie Hämatome und Blutergüsse deutlich sichtbar gewesen. "Es ist schwer vorstellbar, dass die Mitarbeiter des Jugendamtes das nicht bemerkt haben", sagte der Freund der Familie. Um seinen Warnungen Nachdruck zu verleihen und Beweise für den Zustand des Kindes liefern zu können, hatte der 26-Jährige auch das Foto von Zoe gemacht.

Das Jugendamt versicherte hingegen, dass es keine Hinweise auf eine Gefährdung des Kindeswohles gegeben habe. Am Freitagabend sagte Sprecherin Christine Keil der Morgenpost, die Sozialarbeiter des Jugendamtes, die Familienhelfer und der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst hätten die Kinder regelmäßig gesehen. "Sie sind auch beim Kinderarzt gewesen. Es gab keine Wahrnehmungen von Gewalteinwirkungen", sagte Keil. Zuletzt sei die Familie mit den Kindern und die Familienhelfer am 26. Januar zur Hilfekonferenz im Jugendamt gewesen.

Die 25 Jahre alte Mutter Melanie S. und ihr 24 Jahre alter Lebensgefährte Matthieu K., gegen die wegen Verdachtes auf Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt wird, waren am Freitagabend weiterhin auf freiem Fuß. Zoe starb an den Folgen eines Darmrisses, bei ihrem Zwillingsbruder stellte ein Arzt blaue Flecken am Körper und im Gesicht sowie einen gebrochenen Arm fest. Zoes Zwillingsbruder und ihr vierjähriger Bruder sind derzeit in Obhut des Jugendamtes.

Vorwürfe gegen den Träger

Betreut wurde die Familie im Auftrag des Jugendamtes von Mitarbeitern des Trägerverbundes "Independent Living", der an Standorten in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern rund 700 Mitarbeiter beschäftigt. Die stellvertretende Geschäftsführerin in Pankow, Karen Wehnert, sagte: "Wir geben der Presse keine Auskunft." Am 14. Februar müssen sich Träger und Jugendamt allerdings vor Abgeordneten äußern: Dann befasst sich der Kinder- und Jugendhilfeausschuss mit dem Todesfall. "Das Jugendamt wird Rede und Antwort stehen müssen", sagte Torsten Wischnewski (Grüne), Vorsitzender des Pankower Ausschusses.

Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte am Freitag dem RBB-Inforadio, wenn die Familie zehn Stunden pro Woche vom Jugendamt betreut worden sei, müsse aufgeklärt werden, wieso die Gefahr nicht von Jugendamt, Träger und den Mitarbeitern gesehen wurde. Keiner könne sagen, er hätte von nichts gewusst, sagte die Senatorin. Der Träger Independent Living, dessen Mitarbeiter sich um die verstorbene Zoe kümmerten, geriet in den vergangenen Jahren mehrfach in die Schlagzeilen. Gewerkschaften warfen dem Unternehmen vor, die eigenen Mitarbeiter mit "flexiblen Arbeitsverträgen" unter Druck zu setzen. Laut Medienberichten wurde eine Mitarbeiterin, die einen Betriebsrat gründen wollte, auf vier Arbeitsstunden pro Woche herabgesetzt. Sie musste Sozialhilfe beantragen.

Möglicherweise ist die Kontrolle der freien Träger, die auch auf wirtschaftliche Umsätze achten müssen, eine Schwachstelle. Stefanie Vogelsang, CDU-Bundestagsabgeordnete aus Neukölln kritisiert jedenfalls, dass in Berlin seit Jahren die Kostenkontrolle, aber nicht die Qualitätskontrolle im Vordergrund gestanden habe. Es sei in den Bezirken sogar ein externes Controlling eingeführt worden, um Geld einzusparen. "Es wäre toll, wenn es auch ein Qualitätscontrolling geben würde", so Vogelsang. Weil die Kommunen derzeit ihrem Schutzauftrag gegenüber den Kindern nicht mehr ausreichend nachkommen könnten, würde mit dem neuen Kinderschutzgesetz, das seit Januar in Kraft ist, teils der Bund einspringen.

Im Abstand von ein bis zwei Jahren treffen sich Träger, Jugendamt und Senatsverwaltung zum Qualitätsdialog, sagt Andreas Schulz, Jugendhilfereferent des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, dem Dachverband der freien Träger. Träger seien auch verpflichtet, Fortbildungen anzunehmen. "Die Zusammenarbeit zwischen Jugendamt und freiem Träger ist durch den Berliner Rahmenvertrag genau geregelt", sagt Schulz. Im Abstand von sechs Monaten werde mit dem Jugendamt geprüft, ob die Hilfen geändert werden müssten. Dennoch, sagt der Referent, bleibe stets ein "Restrisiko" bei den Hilfen zur Erziehung.

Verbindliche Kontrollen

Auch die Deutsche Kinderhilfe hatte kritisiert, dass es keine verbindlichen Kontrollen gebe. Diesen Vorwurf will Jugendsenatorin Scheeres nicht gelten lassen. Es gelte zwar, "mögliche Lücken" im Kinderschutz zu schließen. Allerdings, sagt sie, regele das Kinderschutzgesetz genau, wie bei einem Missbrauchs-Verdacht vorzugehen sei. "Wir haben in Berlin ganz viele Dinge geregelt und es gab auch schon Kritik vom Kinderschutzbund, dass wir zu viel regulieren", sagte die Senatorin.