Lange Nacht der Museen

"Diese Nacht könnte ruhig ein paar Stunden länger dauern"

Damit sie diese Nacht übersteht, muss Maria Butze sich einfach aufputschen. Einen halben Liter Cola und etliche Kaffees hat sie bereits intus. "Wir brauchen die Energie", sagt die 23-Jährige, die wie ihr Freund schon ein wenig blass im Gesicht ist. "Schließlich wollen wir die Tour bis zum Ende schaffen." Gerade sind die beiden im Tränenpalast angekommen und können ein drittes Häkchen in ihrem Programmheft setzen.

Im Computerspielemuseum und im Museum für Fotografie sind sie bereits gewesen, "mindestens die Alte Nationalgalerie und den Deutschen Dom wollen wir noch sehen", sagt Butze. Ihr Freund schaut nervös zu der großen Uhr in der Halle des ehemaligen DDR-Grenzübergangs. "Wenn wir das überhaupt noch packen", sagt Danny Zichner. Der Zeiger steht auf 20 vor Zwölf.

Rund 30 000 Besucher sind an diesem Sonnabend in den rund 70 Einrichtungen unterwegs, die sich an dieser Langen Nacht der Museen beteiligen. Es ist ein Jubiläum, die 30. Lange Nacht in Berlin. Viele Menschen sind seit punkt 18 Uhr auf Besichtigungstour. Bis 2 Uhr haben die Ausstellungen geöffnet. Aber wer denkt, dass sich die Menschenmassen in den späten Stunden zerstreuen, hat sich getäuscht.

Der im vergangenen September eröffnete Tränenpalast ist zum ersten Mal bei der Langen Nacht dabei. In der Halle des gläsernen Baus drängen sich die Besucher um abgewetzte Reisekoffer, Fotostrecken und Monitore, an den alten Passkontrollen ist zeitweise kein Durchkommen mehr. Um Mitternacht läutet ein Mitarbeiter die letzte Führung ein. Maria Butze und Danny Zichler aber sind schon wieder auf dem Weg zur Garderobe. Sie wollen schnell weiter auf die Museumsinsel.

Küssen unterm Sternenhimmel

Dort ist der Schnee schon festgetreten, ein eisiger Wind bläst durch die Straßen. Trotzdem stehen gegen halb eins noch rund 60 Menschen Schlange, um einen Blick in die Humboldt-Box zu werfen. Gegenüber, am Alten Museum, wärmen sich ein paar Besucher an Glühweinbechern - zwischen den Säulen ist ein Getränkestand aufgebaut. Etwa 5300 Besucher kann das Alte Museum in dieser Nacht verzeichnen, damit kommt es auf Platz drei hinter dem Deutschen Historischen Museum (9100) und dem Kulturforum (6700).

Catalina Combi und Davide Sosio sind zwischen ihren Museumsbesuchen noch einmal in ihr Hostel zurückgefahren und haben sich Strumpfhosen druntergezogen. Im Alten Museum zittern beide noch ein bisschen, "aber das kann auch die Müdigkeit sein", meint Sosio. Seine Augen sind leicht gerötet. Er und seine Freundin sind extra aus Italien gekommen. "Diese Nacht ist eine super Gelegenheit für einen Berlin-Trip", sagt Combi. "Sonst hätten wir niemals an nur einem Wochenende so viele Museen gesehen." Die beiden haben sich ein regelrechtes Gewaltprogramm auferlegt. Sosio ist Geschichtsstudent, Combi Krankenschwester. Beide haben völlig verschiedene Interessen und so wechseln sie zwischen naturwissenschaftlichen und historischen Museen hin und her. "Beeil dich ein bisschen", schimpft Combi und zieht ihren Freund die Vitrinenreihen mit den antiken Vasen entlang. "Ich will unbedingt noch ins Medizinhistorische Museum." "Wenn wir auf dem Weg dahin nicht sterben", stöhnt Sosio.

Neidisch schaut er auf ein anderes Paar, das Händchen haltend vor einer Skulptur zweier Engel steht. Sanja Antic und Mladen Filipowic lassen die Nacht eher ruhig angehen. Die beiden 30-Jährigen sind erst einen Monat zusammen, an Weihnachten haben sie sich in Bosnien kennengelernt. Filipowic ist gerade nach Berlin gekommen. Antic nutzt die Lange Nacht der Museen, um ihm gleich möglichst viele Seiten ihrer Heimatstadt zu zeigen - "vor allem die romantischen". Das Alte Museum ist erst ihre dritte Station, die meiste Zeit haben sie im Planetarium verbracht. "Da war auch gegen Mitternacht noch eine riesige Schlange." Aber das Anstehen hat sich gelohnt. "Wir haben uns unter dem Sternenhimmel geküsst. Im Hintergrund lief Kammermusik, das war sehr schön", schwärmt Antic.

Für die Lange Nacht der Museen hat das Planetarium Musik aus der Zeit Friedrichs des Großen aufgelegt. An diesem Abend soll der 300. Geburtstag des Preußenkönigs (1712-1786) Themenschwerpunkt sein. Viele Institutionen zeigen Sonderausstellungen zum "Alten Fritz" - selbst das Hanf-Museum will dem nicht nachstehen. Die Programmankündigung "Friedrich der Große und der gewöhnliche Hanf" hat sogar um 1.30 Uhr noch eine Handvoll Gäste in das kleine Museum im Nikolaiviertel gelockt. Zwischen Hanfblättern, Cannabis-Gemälden und Haschisch-Pfeifen erklären neun Tafeln das Verhältnis Friedrichs zu der Nutzpflanze. Etwa, dass die Uniformen seiner Soldaten aus Hanftuch gefertigt wurden. Und dass man Deserteure damals erhängte - mit einem Seil aus Hanf.

Peter Schönfeld und sein Sohn Daniel lesen sich die Texte aufmerksam durch. "Den ersten Müdigkeitspunkt haben wir überwunden", erklären sie. Dazu haben wohl auch die Energie-Drink-Dosen beigetragen, die aus ihren Jackentaschen lugen. Das Hanf-Museum ist die letzte Station der beiden Chemnitzer. Neugierig probieren sie den Hanftee, der nebst Hanfwaffeln und Hanfkuchen im Museumscafé angeboten wird. "Schmeckt wie ganz normaler Tee", sagt Daniel Schönfeld enttäuscht. Um 2 Uhr beginnt eine Mitarbeiterin zu kehren. Von den sechs Museen, die Vater und Sohn sehen wollten, haben sie gerade einmal die Hälfte geschafft. "Schade, dass jetzt schon Schluss ist. Diese Nacht könnte ruhig noch ein paar Stunden länger dauern", findet Peter Schönfeld.

Die Sitzbank ist begehrt

Die Museumsinsel ist inzwischen verwaist, von den vielen Besuchern zeugen nur noch die zahllosen Fußspuren im Schnee. Nur an einem einzigen Ort ist jetzt noch etwas los: Das Kulturforum will seine Pforten erst um 4 Uhr morgens schließen. Drinnen möchten rund 40 Leute um 2.40 Uhr noch eine Führung durch die Gemäldegalerie bekommen. Doch als erstes stürmen die Besucher die einzige Bank im Saal. Nach mehr als acht Stunden Kulturtour sind die Beine eben müde.

Nicht so Victor und Franziska Keune. Der 92-Jährige und seine 27-jährige Enkelin zeigen von Müdigkeit keine Spur. "Wir sind beide Nachteulen", sagt Victor Keune. Lange Museumstouren sind sie gewohnt: "Jetzt passen die Öffnungszeiten endlich mal zu unserem Biorhythmus." Den größten Teil des Abends haben sie in der Berlinischen Galerie verbracht. "Die alten Klassiker werden ein schöner Abschluss", freut sich Franziska. Doch nach gerade einmal 20 Minuten ist die Führung schon vorbei. Um drei Uhr stehen Großvater und Enkelin wieder ratlos in der Vorhalle. "Und wohin jetzt?", fragt Victor Keune. Neben dem 92-Jährigen berät eine Gruppe Jugendlicher bereits den nächsten Plan. "Kommt, wir gehen ins Berghain, der Club hat garantiert noch auf", schlägt einer vor. Manchem ist die Lange Nacht nicht lange genug.