Neukölln-Führung

Ein Schwabe hütet das Erbe von Rixdorf

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Brigitte Schmiemann

Neukölln ist besser als sein Ruf. Das stellt nicht nur Heinz Buschkowsky in jeder Talkshow unter Beweis. Auch Reinhold Steinle arbeitet daran, das negative Image des Bezirks aufzumöbeln. Er ist einer der 23 Stadtführer, die hier unterwegs sind. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Umbenennung Rixdorfs in Neukölln am morgigen Freitag haben sie viel zu tun.

"Am Anfang kamen nur Neuköllner, jetzt sind auch die Berliner aus allen Bezirken interessiert, Touristen kommen inzwischen ebenfalls. Und alle kennen den Bezirksbürgermeister aus dem Fernsehen", sagt Steinle. Stadtführungen in Neukölln sind seine Leidenschaft. Und dabei ist Steinle nur sein Künstlername. Der 54-Jährige will Privates von Beruflichem trennen. Eigentlich hat der gebürtige Schwabe, der 1987 nach Berlin zog, einen ganz anderen Beruf: Als Beamter am Amtsgericht Charlottenburg arbeitet er in der Nachlassabteilung und sucht Erben. Ursprünglich hatte er die Stadtführungen 2008 als Hobby angefangen, mittlerweile macht er vier verschiedene Touren am Wochenende und Sonderführungen. Der Dienstherr hat ihn deshalb zwei Tage die Woche freigestellt. "Natürlich unbezahlt", sagt Steinle. Sein Erkennungszeichen sind eine rote Gerbera und eine spießige Aktentasche für seine Unterlagen.

Rund um den Richardplatz

Steinles Führungen, offiziell 90 Minuten lang, dauern meist länger. Schließlich bietet er nicht nur die facettenreiche Entwicklung des Berliner Bezirks, auch Informationen aus dem heutigen Neukölln sprudeln aus Steinle heraus - über die neuen Bewohner, die steigenden Mieten, die Modeläden, Cafés und Restaurants. "Die Eltern von den jungen Leuten, die hierhergezogen sind, wollen schließlich wissen, wo ihr Nachwuchs abgeblieben ist", sagt er. Aber auch jede Menge Geschichte hat Steinle zu bieten, wie etwa rund um den Richardplatz mit der alten noch betriebenen Schmiede, den Siedlungshäusern der böhmischen Glaubensflüchtlinge, deren Nachkommen noch heute dort wohnen, und den alten Firmen wie dem seit 1910 am Richardplatz ansässigen Fuhrunternehmen Gustav Schöne mit seinen Pferden und alten Kutschen.

Rixdorf, die "Altstadt" des heutigen Bezirks, nimmt zwar nur ein Viertel der Gesamtfläche Neuköllns ein, sie ist allerdings mit 1160 Hektar dreieinhalb mal so groß wie das Areal des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Mit einem Telegramm an den Rixdorfer Oberbürgermeister Curt Kaiser stimmte Kaiser Wilhelm II. am 27. Januar 1912 der Umbenennung Rixdorfs in Neukölln zu. Zuvor hatte es Überlegungen gegeben, mit Treptow zu fusionieren. Doch das zerschlug sich. Der Magistrat von Rixdorf entschied sich für den Namen Neukölln, weil die Felder Rixdorfs an Cölln, eine der beiden Urzellen Berlins, angrenzten. "Wegen der Rechtschreibreform von 1910 wurde Neukölln dann mit k geschrieben", hat Steinle in alten Überlieferungen recherchiert.

Rixdorf hatte einen schlechten Ruf

Die Stadtväter Curt Kaiser und Hermann Sander hätten Rixdorf wegen des schlechten Rufs umbenannt, berichtet der Stadtführer. Die Umbenennung sei jedoch gegen den Willen der Bevölkerung erfolgt. Zwei Gründe seien dafür ausschlaggebend gewesen: die katastrophalen Wohnverhältnisse (oft wohnten fünf und mehr Leute in einem Raum) und der frivole Ruf der Stadt unter dem noch heute bekannten Motto "In Rixdorf ist Musike". Kriminalitäts- und Prostitutionsprobleme waren an der Tagesordnung. Immer wenn es Geld gegeben hatte, traf sich am Wochenende halb Berlin hier zum Feiern, in der Passage an der heutigen Karl-Marx-Straße (damals Bergstraße), in den Kindl-Festsälen an der Hermannstraße oder in der Neuen Welt an der Hasenheide.

Seit 1899 fuhr die elektrische Straßenbahn über den Hermannplatz, 1912 lebten in Rixdorf bereits mehr als 200 000 Einwohner, darunter viele Dienstmädchen. Die Berliner Bürgerschaft des Westens kannte Rixdorf oft nur vom Dienstbotenmarkt her. Seitdem sind 100 Jahre vergangen. Am Ruf Neuköllns muss trotz der Namensänderung weiter gearbeitet werden. Reinhold Steinle ( www.reinhold-steinle.de ) zeigt den Gästen die schönen Seiten Neuköllns. Wer seine Führungen besuchen möchte, ist im Infopoint "Kreative Gesellschaft Berlin" (KGB) an der Hertzbergstraße 1 (Tel. 53 21 74 01) richtig. Die Touren "Damals und heute am Richardplatz", "Entdeckungen im Reuterkiez", "Vom Schillerkiez zum Rollbergviertel" und die Karl-Marx-Straße stehen zur Auswahl. Die Tour kostet 10, ermäßigt sieben Euro pro Person. Davon geht ein Euro an Neuköllner Kultureinrichtungen.