Polizei

Steinewerfer am Spandauer Damm

Für die Insassen des Autos war es ein Riesenschreck in der Abendstunde. Gut gelaunt waren am Mittwoch zwei Frauen und ein Mann aus Schleswig-Holstein auf der Stadtautobahn in Richtung Norden unterwegs, als gegen 18.55 Uhr unmittelbar nach der Unterquerung der Spandauer-Damm-Brücke ein ohrenbetäubender Knall die gute Stimmung im Fahrzeug abrupt beendete.

Ursache war ein Pflasterstein, der - von einem Unbekannten geworfen - mit Wucht gegen die Windschutzscheibe geprallt war.

Die 39 Jahre alte Fahrerin schaffte es, geschockt von dem explosionsartigen Geräusch, gerade noch, ihr Fahrzeug unter Kontrolle zu halten und auf dem Standstreifen der Autobahn zum Stehen zu bringen. Dort wurde schnell deutlich, wie viel Glück sie und ihre 37 und 47 Jahre alten Beifahrer hatten. Die Frontscheibe des Pkw war zwar sichtbar beschädigt, aber nicht durchschlagen worden. Alles andere hätte schnell zu einer Katastrophe führen können.

Versuchtes Tötungsdelikt

Die Polizei sperrte, wie in solchen Fällen üblich, die Autobahn und fand nach intensiver Suche den Pflasterstein, der beinahe ein viel größeres Unglück herbeigeführt hätte. Kurze Zeit später übernahm eine Mordkommission die weiteren Ermittlungen, die Beamten sehen in derartigen Taten ein versuchtes Tötungsdelikt. "Wer aus großer Höhe einen Stein oder einen anderen Gegenstand auf eine befahrene Straße wirft, muss nicht unbedingt in Tötungsabsicht handeln, er nimmt allerdings den Tod anderer in Kauf. Damit ist es ein Vorsatzdelikt", erklärte ein Ermittler am Donnerstag.

Was dem Trio aus Schleswig-Holstein widerfahren ist, mussten auch schon zahlreiche Berliner erleben. Und in vielen Fällen wurden dabei Menschen verletzt. Bei Steinwürfen auf Autobahnen und Straßen handele es sich zwar um Einzeltaten, zu denen komme es allerdings regelmäßig, sagte ein Ermittler. Die Täter werden in den seltensten Fällen gefasst, daran ändern auch die intensiven Ermittlungen von Mordkommissionen nichts. Es gibt selten Zeugen, und die Mehrzahl der Taten wird in der Dunkelheit und zudem bevorzugt an eher abgelegenen Orten verübt. Das macht die Arbeit der Ermittler ausgesprochen schwierig.

Für Autofahrer und Fahrzeuginsassen, die mit solchen Taten konfrontiert werden, stelle das Erlebte häufig ein traumatisches Erlebnis dar, sagte der Verkehrs-Psychologe Jens Weidmann. "Manche Betroffene stehen noch Wochen nach einem solchen Vorfall unter dem Eindruck des Geschehenen, sie agieren im Straßenverkehr übervorsichtig, jede Brücke auf ihrem Weg wird genau in Augeschein genommen, ob dort womöglich verdächtige Personen zu erkennen sind", erklärte der Psychologe. Das Problem in solchen Fällen: Wer während der Autofahrt mehr Aufmerksamkeit auf seine Umgebung als auf den Verkehr lenkt, lebt nicht weniger gefährlich.

Wirksamen Schutz vor kriminellen oder auch nur gedankenlosen Steinewerfern gibt es kaum. Überlegungen, Brücken mit Schutzzäunen auszustatten, sind von Politikern in mehreren Bundesländern schnell verworfen worden. Der Grund: Bei 15 000 Brücken in ganz Deutschland sei das eine praktisch unbezahlbare Maßnahme. Das gleiche gilt für Videoüberwachungen. Auch die werden als zu teuer eingeschätzt. Dabei gibt es bereits Kameras - allerdings nur an Brücken, von denen sich Lebensmüde schon öfter gestürzt haben.

Der letzte schwerwiegende Fall, in dem Steinewerfer zahlreiche Autofahrer in Gefahr brachten, liegt gerade mal einen Monat zurück. Drei Tage vor Weihnachten 2011 schleuderten Unbekannte von einer Brücke über dem südlichen Berliner Ring (A 10) Steine auf fahrende Autos. Elf Fahrzeuge wurden beschädigt, ein Insasse erlitt Verletzungen. Auch in diesem Fall ermittelt eine Mordkommission.

Metallstange geworfen

Als nicht minder gefährlich erwies sich im Sommer vergangenen Jahres ein Fall in Halensee, als ein Unbekannter eine Metallstange von einer Brücke auf die stark befahrene Stadtautobahn warf. Die Stange durchschlug die Windschutzscheibe eines Lkw, der 56 Jahre alte Fahrer wurde verletzt, konnte sein Fahrzeug aber gerade noch selbst zum Stehen bringen.

Mehrfach gab es ähnliche Fälle auch im Bereich des Autobahntunnels in Tegel. Nach solch einer Attacke im September 2010 zählten Ermittler anschließend 30 Schottersteine, die Unbekannte auf die Fahrbahn geworfen hatten. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Elf Fahrzeuge wurden dabei beschädigt. Da Zeugen mehrere Kinder und Jugendliche beobachtet hatten, die unmittelbar nach den Steinwürfen eilig davonliefen, setzte die Polizei speziell geschulte Spürhunde ein, der Einsatz brachte jedoch keinen Erfolg.

Nach dem jüngsten Vorfall am Mittwochabend hofft die Polizei wie auch in allen früheren Fällen einmal mehr auf Hinweise aus der Bevölkerung.