Veganes Berlin

Kosmetik aus frischem Obst und Currywurst aus Tofu

Für Merle Schön änderte ein einziger Satz in einer Fernsehdokumentation einen wichtigen Aspekt ihres Lebens: die Art, wie sie sich ernährt. "Tiere, die in Massentierhaltung aufwachsen, haben nicht einmal in ihrem Leben die Sonne gesehen", hieß es da. Merle war 13 Jahre alt und wurde schlagartig überzeugte Vegetarierin. Dann kam im vergangenen Jahr die nächste einschneidende Erfahrung und der damit verbundene Schritt in ihrem Leben.

"Ich war in Schottland und habe Management studiert", sagt die Studentin. "Dort habe ich eine Farm besucht und gesehen, wie den Kühen ihre Kälber weggenommen wurden, um sie öfter zu schwängern und somit mehr Milch erzeugen zu können. Danach konnte ich nicht mehr mit reinem Gewissen Milch trinken."

Heute lebt die 21-Jährige vegan. Ihr Freund Philipp Lütje, den sie in Berlin beim gemeinsamen Geologie-Studium kennengelernt hat, verzichtet ebenfalls auf jegliches tierisches Nahrungsmittel. Aber was bedeutet es, vegan zu leben? Auf welche Dinge muss man achten? Und: Ist es leicht, diese besondere Form der Ernährung zu leben? Die "Berliner Morgenpost" hat das Paar einen Tag lang durch ihr "veganes Berlin" begleitet.

Im Supermarkt

Im Juli 2011 hat "Veganz" an der Schivelbeiner Straße in Prenzlauer Berg seine Türen geöffnet. Einer der ersten veganen Vollsortiment-Supermärkte Europas, der erste seiner Art in Berlin. Dort gibt es neben einem großen Obst- und Gemüseangebot eine spezielle Auswahl von Soja- und Tofu-Schnitzeln, die "nach dem Einweichen in Brühe superlecker schmecken. Wie Gulasch", sagt Merle Schön. Es gibt Mayonnaise ohne Eier, Hackbraten ohne Fleisch und Joghurt aus Sojamilch. Veganer verzichten neben Fisch und Fleisch auf jegliche Form tierischer Nahrungsmittel. Das heißt: Milch, Eier und Honig fallen auch aus dem Speiseplan. Oft hören sie aus ihrem omnivoren - also: "allesfressenden" - Umfeld: "Da bleibt doch gar nichts mehr übrig." Bei "Veganz" kann man sich eines Besseren belehren lassen. Auf 250 Quadratmetern gibt es rund 6000 vegane Produkte in den Regalen, Körben, Theken und Schränken. "Bevor wir den Laden eröffnet haben, waren wir fast zwei Jahre damit beschäftigt, uns ein internationales Netzwerk von Lieferanten aufzubauen", sagt Jan Bredack, Geschäftsführer von "Veganz". Sein Ziel sei es, ein "veganes Zentrum" um den Markt herum zu etablieren.

Direkt nebenan ist das schon geschehen. Merle Schön und ihr Freund Philipp Lütje kennen auch den Laden in der Schivelbeiner Straße Nummer 35: "Avesu". Dort verkauft Thomas Reichel seit Oktober vergangenen Jahres vegane Schuhe - einzigartig in der Hauptstadt. Denn auch das gehört zu einem veganen Lebensstil dazu: Der Verzicht auf Leder, Pelz und Wolle bei der Kleidung. "Schließlich ist das das Fundament unserer Einstellung: Tiere sollen nicht leiden", sagt Merle Schön. Da müsse man konsequent sein. Die junge Frau ist davon überzeugt, dass sie ihren Lebensstil nicht mehr ändern wird. Radikal in ihren Ansichten ist sie aber nicht. Ihr Freund hätte nicht ihretwegen vegan werden müssen. Er tat es trotzdem - weil er es so wollte. "Durch Merle bin ich mit dem Thema konfrontiert worden", sagt der 20-Jährige, der mit einem "omnivoren Kumpel" in einer WG lebt. "Aber für mich fühlte sich der Schritt, vegan zu werden, logisch an. Ich fühle mich wohler und ich hoffe, diesen Weg wäre ich auch gegangen, wenn ich Merle nicht getroffen hätte."

In ihren Familien gab es gemischte Reaktionen auf ihren neuen Ernährungsstil. Philipps Muter findet die Entscheidung ihres Sohnes gut - sein Vater hält es wohl eher für eine Phase. Merles Mutter lebt auch vegetarisch, unterstützt ihre Tochter. "Meine Mutter hat mich aber nicht vegetarisch groß gezogen", sagt die Studentin. Sie selbst würde es anders handhaben - auch wenn die vegane Ernährung bei Kindern umstritten ist. "Ich würde mein Kind vegan ernähren, ja. Weil ich es einfach für die gesündeste Art halte", sagt die Studentin. Zu ärztlichen Kontrollen, um einen möglichen Mangel an Vitaminen oder Mineralstoffen zu prüfen, geht sie nicht. Nahrungsergänzungsmittel nimmt sie nicht. "Ich fühle mich gut und zum Arzt gehe ich, wenn ich krank bin."

Doch zurück in den veganen Schuh-Laden. Gekauft wird heute nichts. Aber den beiden gefallen die Schuhe. Preislich sind sie vergleichbar mit "normalen" Schuhen. Aber was ist schon normal. Das Material, aus dem die Schuhe sind, ist jedenfalls nicht normal im klassischen Sinne. "Unsere Schuhe sind aus recycelten Teppichen, aus Bambus, Baumwolle, Hanf oder Autoreifen", sagt Inhaber Reichel.

Merle Schön und Philipp Lütje haben unterdessen Hunger bekommen. Was "auf die Schnelle" wäre gut. Fast food und vegan? Passt das? Ja, es passt. Bei "Vegó" an der Lychener Straße gibt es vegetarische und vegane Burger, Pizza, Wraps, Pommes und Salate - "alles bio und veggie", sagt Philipp. Einen Burger gibt es ab 3,20 Euro. Die beiden nehmen einen Burger und eine Currywurst (aus Tofu), dazu Pommes. Mit rund zwölf Euro weniger in der Tasche und pappsatt geht es weiter durch das vegane Berlin.

Im Seifenladen

Nächster Halt: "Lush" am Hackeschen Markt. "Der Kosmetikladen mit der Seele einer Gemüsehandlung" steht dort an einer großen Tafel. Es riecht geradezu köstlich. Eine olfaktorische Mischung aus Blumenwiese und Süßigkeitentraum. 80 Prozent des Sortiments, das aus Seifen, Badezusätzen und Kosmetika besteht, ist vegan. "Ansonsten sind Honig, Eier oder Wollwachs enthalten", sagt Verkäuferin Gina. Das sei aber natürlich extra gekennzeichnet. Eine Lotion, die wie ein Stück Seife aussieht und wie eine sahnige Zitrone riecht, macht Merle glücklich. Das verliebte Paar stöbert durch das Sortiment und macht sich nach Schnupperproben und kurzem Infogespräch mit Verkäuferin Sabrina ("Unsere Kosmetik ist frisch und handgemacht aus frischem Obst, Gemüse und ätherischen Ölen.") auf zu seinem nächsten veganen Stopp. Und der wird aufregend.

Am Mehringdamm in Kreuzberg gibt es seit Kurzem den ersten "alternativen Sexladen". "Other Nature" hat sich viel vorgenommen. "Ich wollte irgendwann einfach einen Sexshop für Frauen machen, der ökologisch wertvoll und vegan ist, der eine bessere Qualität hat als andere - einfach: keinen Quatsch verkaufen", sagt Geschäftsteilhaberin Anne Bonnie Schindler. Dort gibt es biologische Gleitmittel und vegane Kondome. Bitte, was? "Ja, unsere Gleitgele sind auch vegan. Sie enthalten nur pflanzliches Glycerin - manche Gele enthalten tierisches Glycerin. Unsere nicht", sagt die Chefin. "Und Kondome an sich sind natürlich vegan, aber in der Herstellung können sie mit Kasein, einem Proteinanteil der Milch, in Berührung kommen. Dass das nicht der Fall ist, darauf achten wir bei unseren Kondomen."

Nach so viel Materialkunde und aufregenden Einblicken wollen Merle Schön und ihr Freund Philip Lütje den Abend einläuten - mit einem Cocktail. "Oft wird ja vegan mit öko und unschick in Verbindung gebracht", sagt Merle. Das "Kopps" in der Linienstraße 94 sei ein toller Gegenbeweis. Im September 2011 eröffnete das Restaurant mit rein veganem Angebot. "Wir machen deutsche vegane Küche, gepaart mit Regionalität und Frische", sagt Mitinhaber Ilhami Terzi. Die Cocktails sind mit Sojasahne, die Gerichte sind ohne tierische Produkte, "zubereitet mit Kräutern aus Brandenburg, alten Gemüsesorten oder mariniertem Tofu", verrät die Speisekarte, auf der sich Hokkaidosuppe (4,70 Euro), Wintersalat mit Chicorée (8,50 Euro) oder geschmorte Roulade aus Soja (13,50 Euro) finden. Merle und Philipp stoßen an der Bar an - verliebt und vegan. Eine gute Kombination, finden die beiden.

"Tofu-Schnitzel schmecken nach dem Einweichen in Brühe superlecker - wie Gulasch"

Merle Schön, Veganerin