Trauma-Ambulanzen

Wenn die Seele gefoltert wird

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Ina Brzoska

Manchmal reicht eine rote Ampel oder ein Motorengeräusch, schon fühlt Andreas B.* (Name geändert) sich an den Überfall erinnert. Der Berliner Einzelhändler hatte vor zwei Jahren in seinem Geschäft einen Dieb ertappt, den er mit der Beute nicht davonkommen lassen wollte. Als er dessen Flucht verhindern wollte, überfuhr der Täter ihn mit dem Auto.

Andreas B. erlitt schwerste physische Verletzungen, unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma. Die Wunden am Körper verheilten, doch Monate später spürte Andreas B., dass die Psyche unter den Folgen immer schwerer litt, statt das Erlebte zu verarbeiten. In immer kürzeren Abständen wurde er von Angst- und Panikattacken befallen. Große Menschenmengen machten ihm Angst, Fahrten in Bus und U-Bahn lösten Schweißausbrüche aus. Andreas B. wurde berufsunfähig, er schaffte den Weg zur Arbeit nicht mehr.

Hilfe für Kinder und Erwachsene

Nun erhält er professionelle Hilfe, als einer der ersten Patienten eines neuen Berliner Modellprojekts. Zwei neue Einrichtungen sollen Hilfe für Gewaltopfer gewährleisten. Am St. Hedwig-Krankenhaus wird eine Erwachsenen-Ambulanz, an der Charité, Campus Virchow-Klinikum, eine Anlaufstelle für junge Opfer an der Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgebaut.

Der Impuls für die Einrichtung der Ambulanzen kam unter anderem vom Landesamt für Gesundheit und Soziales. Dort stellten Mitarbeiter fest, dass betroffene Männer, Frauen und Kinder ihre Entschädigungsansprüche oft viel zu spät geltend machen. Zudem warnen Sozialarbeiter und Ärzte, dass psychische Leiden nicht selten chronisch werden, weil Betroffene oft Wochen oder Monate auf einen Termin beim Therapeuten warten müssen.

Das Land Berlin will nun diese Versorgungslücke schließen. Mit dem Angebot der Trauma-Therapie soll dafür gesorgt werden, dass Gewaltopfer das Erlebte besser verarbeiten können und nicht chronisch krank werden. Einblicke in die polizeilichen Kriminalstatistiken von 2010 zeigen, wie viele Menschen in der Hauptstadt solche Angebote gut gebrauchen können. Beispielsweise stieg die Zahl der Vergewaltigungen bei Erwachsenen um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr an. Addiert man die Zahl betroffener Kinder, gibt es insgesamt 1250 Opfer dieser schwersten Form sexueller Gewalt. Ebenso erschreckend ist die Zahl derer, die misshandelt, verprügelt oder überfallen wurden. 11 000 Berliner wurden 2010 Opfer schwerer Gewalt.

Das zunächst für zwei Jahre angelegte Modellprojekt wird auf der Grundlage des Opferentschädigungsgesetzes vom Land Berlin finanziert. Als Vorbild dienen Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Der Weiße Ring, Deutschlands wichtigster Opferverband, fordert seit Langem ein flächendeckendes Netz von Trauma-Ambulanzen in allen Ländern. "Der Staat steht in der Pflicht, seelische Folgeschäden zu verhindern", betont Sprecher Helmut K.Rüster.

"Schnelle Hilfe kann Schäden verhindern", bestätigt die Ärztin Sibylle Winter, die an der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Virchow-Klinikums eine Ambulanz für junge Opfer aufbaut. Auch wenn längst nicht alle Patienten eine chronische Trauma-Störung entwickelten, sei Beratung wichtig. "Wir sind dafür da, den Betroffenen zu sagen, ob diese Belastung normal und gut ist und ab wann sie pathologisch ist und mehr getan werden muss", sagt Winter. "Für Kinder ist es sehr wichtig, für das Erlebte Worte zu finden, um es zu verarbeiten."

Olaf Schulte-Herbrüggen baut derzeit die Erwachsenen-Ambulanz auf. Der leitende Oberarzt empfängt Betroffene in hellen Räumen des traditionsreichen St. Hedwig-Krankenhauses, einem roten Backsteinbau unweit des Hackeschen Markts. Bisher arbeitet er noch in einem kleinen Team; ein Arzt, zwei Psychologen und Krankenpfleger stehen bereit. "Wenn der Bedarf größer ist, wollen wir aufstocken", sagt Schulte-Herbrüggen. Unabhängig vom Versicherungsstatus, das betont er besonders, sei jeder willkommen. Das größte Problem sei, Betroffene zu erreichen. "Gewaltopfer suchen sich selten selbst Hilfe, viele wissen nicht, wohin sie sich wenden können", sagt Schulte-Herbrüggen. Derzeit knüpfen die Leiter beider Trauma-Ambulanzen Kontakte zu Polizei, sozialen Trägern, Ämtern und Hilfsorganisationen.

Dem Einzelhändler Andreas B. empfahl sein Hausarzt, sich an die Erwachsenen-Ambulanz zu wenden. Schulte-Herbrüggen stellte bei dem Mann Symptome starker psychischer Belastung fest. Andreas B. leidet unter Albträumen und innerer Unruhe, denn das Erlebte taucht immer wieder in einer sogenannten Nachhallerinnerung auf - posttraumatische Belastungsstörung heißt das im Fachjargon der Psychologen.

Kostenlose Therapiestunden

Das Ambulanz-Angebot umfasst fünf Therapiestunden, die bei Bedarf um zehn zusätzliche erweitert werden können. "Gegebenenfalls können wir auch an andere Einrichtungen weiterverweisen", sagt Schulte-Herbrüggen. Bei Andreas B. ist das mit ein wenig Glück gar nicht mehr notwendig. Nach einigen Therapiestunden bei dem Psychiater suchten Mediziner und Patient gemeinsam Orte auf, die Andreas B. Angst machen, Bahnhöfe oder Marktplätze. "Er macht gute Fortschritte und lernt, mit Symptomen der Angst umzugehen", sagt Schulte-Herbrüggen. Ziel solcher Übungen sei es, dass der Patient die Kontrolle zurückgewinnt.

Das gilt auch für Andreas B. "Er muss den Überfall in seiner Biografie einordnen und das traumatische Erlebnis akzeptieren", sagt der Trauma-Therapeut. Seine Chancen auf Genesung und Wiedereinstieg in den Beruf stünden gut.

"Gewaltopfer suchen sich selten selbst Hilfe, viele wissen nicht, wohin sie sich wenden können"

Olaf Schulte-Herbrüggen, Leiter der Trauma-Ambulanz