Meine Woche

Ein turbulenter Start ins neue Jahr

Es hat nicht ruhig angefangen, das neue Jahr 2012. Turbulent, der Ausdruck trifft es wohl eher.

Selten habe ich so viel über das Verhalten von Politikern diskutiert - kurz vor dem Jahresende haben wir uns über Michael Braun, den Kurzzeitsenator in Berlin, die Köpfe heiß diskutiert: Muss er zurücktreten? Hätte er mit einer anderen Kommunikationsstrategie im Amt bleiben können? Nun, Braun zog die richtigen Konsequenzen. Aber auch jetzt beschäftigt der CDU-Mann uns wieder, denn er sieht sich nur als Opfer einer Medienkampagne, er nimmt die 50 000 Euro Übergangsgeld nach nur elf Tagen im Amt an und findet offenbar gar nichts dabei. Und dann ist da natürlich noch unser Bundespräsident Christian Wulff, der an seinem Amt klammert trotz der schweren Fehler, die er gemacht hat. Von den FDP-Politikern Rösler, Döring & Co mag ich schon gar nicht mehr reden.

"Was ist bloß mit unserer politischen Klasse los?", fragt mein Freund. Es ist, zugegeben, eine rhetorische Frage, denn die Politik ist ihm nicht fremd. Aber das Verhalten der Politiker - ob auf der Berliner Landesebene oder in der Bundespolitik - kann uns schon zur Verzweiflung bringen. Wo bleibt die Wahrhaftigkeit? Warum stellen sich die Politiker, die ja in die erste Reihe streben, nicht erst einmal die Frage: "Gibt es da was, was ich besser nicht getan hätte? Was sich nicht mit der Würde des Amts vereinbaren lässt?" Braun jedenfalls hätte dann von sich aus die Verantwortung für den Verbraucherschutz nicht übernehmen dürfen. Und warum geben so viele Politiker ihr Fehlverhalten nur scheibchenweise zu? Wo sind die ganzen Kommunikationsexperten? Natürlich weiß auch ich, da ich seit vielen Jahren als Journalistin tätig bin, dass der Druck, ausgeübt von den Medien, sehr hoch sein kann. Dass man am Beginn einer Krise nicht gleich erkennt, was da noch alles auf einen zukommt. Aber wie der Bundespräsident gegenüber den Medien reagiert, dass macht einen schon sprachlos.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe in den vergangenen Wochen auch viel darüber diskutiert, ob wir Journalisten denn die Politiker so harsch angehen dürfen. Auch wir müssen unser eigenes Verhalten immer wieder selbstkritisch prüfen. Da gibt es viele Verlockungen wie die Journalistenrabatte für verbilligte Flugreisen oder Hotelübernachtungen, mit dem Presseausweis kommt man kostenlos in Museen, Zoo und Tierpark, auch wenn man gar nicht darüber berichten will. Ich selbst habe mir schon verständnislose Bemerkungen anhören müssen, weil ich auf all diese Vergünstigungen verzichte. Es ist ein weites Feld.

Manch ein Politiker nimmt sich zu Jahresbeginn ja etwas vor. Vielleicht ja auch ein Medientraining, das würde ich mir wünschen. Dann könnten viele Fehler vermieden werden, dann würden nicht mehr solche Mails verschickt, wie wir sie in dieser Woche von der Pressestelle der neuen Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz (parteilos) bekommen haben. Man solle alle Bilder von Frau Obernitz aus dem Archiv entfernen, nur noch das angehängte Bild verwenden. Ein Promo-Foto, hübsch, die Spuren des Lebens getilgt. Dass es Politiker gibt, die sich während eines Interviews nicht fotografieren lassen wollen, weil sie Furcht vor unschönen Grimassen haben, dass sind wir ja gewohnt und nehmen darauf auch Rücksicht, aber diese Aufforderung war dann doch neu. Nun, inzwischen hat sich die Pressesprecherin entschuldigt. Es bleibt beim wahren Leben - auch in der Politik.

Christine Richter leitet gemeinsam mit René Gribnitz die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt René Gribnitz über seine Woche in Berlin.