Großstadt-Kloster

Vier Brüder und ein Bienenvolk

Bruder Franziskus balanciert ein Tablett mit Thermoskanne und Kerze in der einen Hand, während er gleichzeitig versucht, die Bibliothek aufzuschließen. Er lacht über seinen umständlichen Versuch, schon wieder alles auf einmal zu machen - so wie er überhaupt sehr viel lacht.

Der Schalk blitzt in seinen Augen, ganz anders als man es von einem Priester erwarten würde. Bruder Franziskus ist anders, so wie das Kloster, das er gemeinsam mit Gleichgesinnten gegründet hat. Ein Kloster, wie es nach seinen Vorstellungen in eine Großstadt wie Berlin passt. Der Manager und Medienprofi ist weniger ein Mensch der Stille. "Ich brauche das Gewusel und die Tat", sagt er. Deshalb ist er vor vier Jahren aus dem abgeschiedenen Benediktiner-Kloster in Thüringen praktisch als Gesandter nach Berlin zurückgekehrt, um zu sehen wie er hier helfen kann. Zunächst hat er eine Suppenküche in den Räumen der Zwölf Apostel Gemeinde mitgegründet.

Haustiere in der Kirche

Vor einem Jahr hat Bruder Franziskus das Rogate-Kloster ins Leben gerufen. Noch sucht das Kloster Räume für das gemeinsame Leben - eine große Wohnung in Schöneberg vielleicht oder sogar ein Haus mit kleinem Garten. Immerhin wartet neben den vier Brüdern auch ein Bienenvolk darauf, dort einzuziehen. Darüber hinaus soll möglichst viel Platz für Gästezimmer da sein, denn das Rogate-Kloster soll ein offenes Haus sein, das Reisende auf der Suche nach Gott beherbergt.

In Berlin gibt es etliche Orden, doch das Rogate-Kloster ist das erste ökumenische. Es besinnt sich auf alte Rituale und Gebete und geht gleichzeitig unkonventionelle neue Wege. Wege, die in der christlichen Gemeinde nicht nur Beifall finden.

Anstoß erregt der fröhliche Gottesdienst anlässlich des jährlichen schwul-lesbischen Stadtfestes in Schöneberg. Sogar anonyme Morddrohungen hat es im Internet gegen Bruder Franziskus gegeben, um ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Und trotzdem werde es auch in diesem Jahr wieder einen Gottesdienst zum Stadtfest geben, sagt er. Und wenn es sein müsse, wieder mit Polizeischutz.

Für ihn geht es darum, in den Predigten die Bibel mit den aktuellen Ereignissen, die die Menschen bewegen, zu verbinden. Nach dem Attentat in Norwegen hatte er einen norwegischen Chor zum Gottesdienst eingeladen, was ihm Gebühren für einzelne Titel bei der Verwertungsgesellschaft Gema einbrachte. Eher ungewöhnlich war auch der Gottesdienst mit Haustieren. In die Kirche kamen etwa 40 Menschen mit ihren Hunden, Meerschweinchen und Papageien.

Doch regelmäßige Gottesdienste und Hilfsprojekte reichen ihm nicht. Sein Lebensmodell ist es, gemeinsam mit anderen Brüdern in einer klösterlichen Familie zu leben, um sich nach Feierabend gegenseitig Kraft und Energie zu spenden. Ihrem normalen Berufsleben gehen die Brüder weiter nach. "Schließlich muss ich das Geld für meine Krankenversicherung verdienen", sagt Bruder Franziskus. Er war schon Sprecher für die ARD Fernsehlotterie, für den Wohlfahrtsverband Diakonie und für das Bundesfamilienministerium, doch die eigentliche Herausforderung für ihn ist es, konkret etwas für die Menschen zu tun.

Um möglichst viele Menschen dabei einzubeziehen, gibt es die Rogate-Gemeinschaft. Hier kann man Mitglied im Kloster werden, auch wenn man verheiratet ist und in seiner Wohnung wohnen bleiben möchte. So wie Bruder Benedikt. Der Molekular-Biologe aus Schöneberg ist verheiratet. Eigentlich war er auf der Suche nach einem Kloster-Urlaub in Berlin, um Ruhe und Spiritualität zu finden. Aus dem Urlaub wurde nichts, dafür hat er die Rogate-Gemeinschaft gefunden. "Für mich ist es die ideale Möglichkeit, mein geistiges Leben mit dem weltlichen Leben zu verbinden", sagt er.

Zudem soll es wie in den meisten anderen Orden auch, die Möglichkeit für zeitlich befristete Aufenthalte im Kloster geben. "Es gibt eine Sehnsucht nach dieser heilen Welt und nach Besinnung", sagt Bruder Franziskus. Viele wollten Anteil daran nehmen, ohne sich zu verpflichten. Über Facebook kämen bereits Anfragen aus dem Ausland, obwohl das Rogate-Kloster noch gar keine Räume hat.

Das bestätigt auch Georg Schubert vom Stadtkloster Segen an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Vor vier Jahren sind dort zwei Familien des Don Camillio Ordens eingezogen und bieten Gästewohnungen an. Die Evangelische Kirche konnte den Unterhalt des Gebäudes nicht mehr bezahlen. "Wir waren lange auf der Suche nach einem geeigneten Gebäude in einer Großstadt", sagt Georg Schubert. Das ländliche Klosterleben liege den beiden Familien nicht.

Beten in der U-Bahn

Und damit sind sie offenbar nicht allein. "Die Nachfrage nach den Gästezimmern ist groß", so Schubert. Geboten werde auch hier Stille. Doch anders als bei einem Kloster-Urlaub auf dem Lande gehe es eher darum, wie man trotz des hektischen Alltagslebens in der Großstadt Stille und Einkehr finden könne. "Wir üben, wie man in einer vollen U-Bahn Ruhe finden und beten kann", sagt Georg Schubert. Das helfe den Großstadtmenschen oft mehr als ein befristeter Aufenthalt in einem abgelegenen Klostergarten.

"Die Klöster in Berlin haben wenig zu tun mit schleichenden Mönchen, abgeschottet hinter dicken Mauern", sagt Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums Berlin. Meist seien sie sehr urban im Stadtviertel präsent. So habe die katholische Ordensgemeinschaft der missionsärztlichen Schwestern beispielsweise lange in einer Plattenbauwohnung in Marzahn gemeinsam gelebt.

Bruder Franziskus ist zuversichtlich, dass auch er bald eine Unterkunft zu günstigem Mietzins für seine klösterliche Familie finden wird. Bis dahin werden sich die neue Gemeinschaft und deren Freunde zu ihren Gebeten weiter in der gastgebenden Zwölf-Apostel-Kirche in Schöneberg treffen.