Tempolimits

Senat tritt auf die Bremse

Wie schnell muss der Autoverkehr durch Berlin rollen? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Umweltschützern, Radfahrern und Fußgängern ist Tempo 50 vielerorts schon zu schnell. Autofahrer sind hingegen oft genervt von den zahlreichen Tempolimits in der Stadt. Die Positionen könnten kaum weiter voneinander entfernt sein.

Geht es nach den Berliner Grünen und der Umweltschutzorganisation BUND, müssten auf deutlich mehr Straßen als bislang eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern gelten. Der ADAC Berlin-Brandenburg will die Berliner Hauptstraßen hingegen als "leistungsfähiges Kernnetz" mit Tempo 50 erhalten.

Tatsächlich gilt bereits auf etwa drei Vierteln des 5340 Kilometer langen Berliner Straßennetzes ein Tempolimit von 30 Stundenkilometern oder weniger. Das geht aus den aktuellen Zahlen hervor, die die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung jetzt auf Anfrage der Grünen-Abgeordneten Claudia Hämmerling veröffentlicht hat. In Bezug auf das gesamte Straßennetz ist die Zahl der Tempolimits seit 2005 (damals 72 Prozent) kaum gestiegen. Deutlich vermehrt von 3,8 auf etwa 15 Prozent haben sich seit 2007 aber Tempo-30-Abschnitte im 1540 Kilometer langen Berliner Hauptstraßennetz. Neben der Verkehrssicherheit - etwa vor Schulen, Kitas, Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen - geht es dabei vor allem um den Lärmschutz. Auf etwa 70 Straßenkilometern gilt das Limit deshalb von 22 bis 6 Uhr.

Martin Schlegel, Verkehrsexperte des BUND, gehen die bisherigen Maßnahmen nicht weit genug. "Tempo 30 ist ein wirksames Mittel gegen Lärm und Luftverschmutzung", sagt er und fordert eine Ausweitung auf eine ganze Reihe von viel befahrenen Hauptstraßen. Als Beispiele nennt er den Tempelhofer und Mariendorfer Damm, die Frankfurter Allee in Friedrichshain oder die Berliner Allee in Weißensee. Außerdem, so Schlegel, sollte die Tourismusmetropole Berlin ernsthaft eine großflächige Temporeduzierung in weiten Teilen der touristisch geprägten Innenstadt prüfen, überall dort, wo viele Menschen flanieren - etwa rund um den Boulevard Unter den Linden und die Friedrichstraße. Auch auf belebten Geschäftsstraßen wie der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg sollte der Verkehr nach Ansicht des BUND langsamer rollen. Wichtig bei all dem, sagt Schlegel, sei natürlich auch, die Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit konsequenter als bisher zu kontrollieren.

Regel oder Ausnahme

Grünen-Politikerin Hämmerling greift angesichts der jetzt veröffentlichten Zahlen eine alte Forderung aus dem Wahlkampf ums Abgeordnetenhaus wieder auf. Wenn schon auf etwa 75 Prozent aller Berliner Straßen eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometer gelte, dann könne das Land doch auch gleich das bisherige Prinzip umkehren. Statt Tempo 50 sollte Tempo 30 zur Regel werden und an Hauptstraßen Tempo 50 als Ausnahme ausgeschildert werden. Das diene "der Reduzierung des Schilderwaldes und einer Klarstellung der realen Verhältnisse", sagt Hämmerling, bis zur Wahl im September verkehrspolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Jörg Becker, Verkehrsexperte beim ADAC Berlin-Brandenburg, lehnt einen solchen Paradigmenwechsel hingegen vehement ab. Leistungsfähige Hauptstraßen hätten eine wichtige Bündelungsfunktion, sagt er. Sie würden dadurch sowohl Nebenstraßen von Verkehr, Lärm und Schadstoffen entlasten als auch für eine gute Erreichbarkeit der Innenstadt sorgen. Wichtig ist das laut ADAC unter anderem für den Wirtschafts- und Berufsverkehr. "Die meisten fahren da ja nicht zum Spaß", sagt Becker und verweist auf Erhebungen aus Südwestdeutschland, wonach etwa zwei Drittel aller Pkw-Fahrten mehr oder minder dienstlichen Charakter hätten. "In Berlin", so der ADAC-Mann, "dürfte dieser Anteil nach unserer Einschätzung noch höher sein."

"Die Berliner Hauptverkehrsstraßen müssen als leistungsfähiges Kernnetz mit Tempo 50 erhalten bleiben"

Jörg Becker, Verkehrsexperte des ADAC Berlin-Brandenburg