Jugendtreffen

Fremde zum Frühstück

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Das Weihnachtsfest wird noch nicht ganz ausgeklungen sein, da wird es schon betriebsam werden, bei Silke Bährens und Rolf Schudlich. Vielleicht auch etwas eng, zumindest frühmorgens. "Wir haben zwar eine große Wohnung, aber nur ein Bad", sagt Silke Bährens.

Sechs Leute müssen sich vom 26. Dezember an diese Situation gewöhnen, außer dem Spandauer Ehepaar noch vier Gäste. Wer sie sein werden, woher sie kommen, in welcher Sprache Silke Bährens und Rolf Schudlich fragen können, ob sie zum Frühstück Tee oder Kaffee bevorzugen - all das wissen die beiden noch gar nicht.

Silke Bährens und Rolf Schudlich sind Gasteltern für das Europäische Jugendtreffen von Taizé, zu dem zwischen dem 28. Dezember und dem 1. Januar rund 30 000 Menschen aus allen Ländern des Kontinents in Berlin erwartet werden.

Als Silke Bährens erfuhr, dass das 34. Taizé-Treffen in ihrer Heimatstadt geplant wird, da "habe ich mich einfach nur noch gefreut", sagt die 40-Jährige. Nur wenige Tage nach dieser Nachricht schickte Silke Bährens eine E-Mail in den kleinen südfranzösischen Ort, wo der ökumenische Orden seinen Sitz hat. Der Inhalt: Sie wolle vier Gäste beherbergen.

Inzwischen sind noch einmal vier dazugekommen. Denn aus dem Franziskanerorden im baden-württembergischen Sießen quartieren sich am 28. Dezember - zwei Tage, nachdem die ersten vier Besucher angekommen sind - vier weitere Gäste in der 135-Quadratmeter-Wohnung in Spandau ein. "Ich hätte ja noch mehr aufgenommen, wenn das mit dem Bad nicht wäre", sagt Silke Bährens. "Und wir wollen natürlich auch mit allen an den Frühstückstisch passen."

Als Jugendliche auch davon profitiert

15 Jahre ist es her, dass die gebürtige Reinickendorferin selbst für den Jahreswechsel bei einer fremden Familie unterkam. Zusammen mit einer jungen Polin schlief sie vier Tage in der Nähe von Stuttgart, dem damaligen Ort des jährlichen Jugendtreffens. "Sie sprach Polnisch und Französisch, ich Deutsch und Englisch. Geklappt hat es trotzdem", sagt Silke Bährens. Manche Begegnungen, die bei den Taizé-Veranstaltungen stets im Mittelpunkt stehen, waren folgenreich für die Berlinerin. Im März 1993 hatte sie in einem Gesprächskreis in Taizé mit einem jungen Mann aus Bremen zusammengesessen. Zum zweiten Mal bereits nutzte Silke Bährens damals das Angebot, in der südfranzösischen Communauté eine Woche der Besinnung und des Austauschs zu verbringen.

Und da saß sie nun, mit ihren 21 Jahren, begeistert vom Glauben und der christlichen Idee des Miteinanders, diesem Mann gegenüber, "und eigentlich habe ich ihm die ganze Zeit widersprochen", sagt Silke Bährens. Aus der gemeinsamen Woche in Taizé wurde ein Briefkontakt, ein Vierteljahr später waren die beiden ein Paar. Als sie vor sieben Jahren heirateten, behielten Silke Bährens und der acht Jahre ältere Rolf Schudlich ihre Nachnamen. Gemeinsamkeiten finden sie auch so genug, beim Engagement für die katholische Gemeinde Sankt Wilhelm in Spandau.

170 Berlin-Gäste soll die Gemeinde Ende Dezember unterbringen, insgesamt haben sich rund 200 Berliner Gemeinden für die Organisation der Veranstaltung verpflichtet. "Am Anfang dachte ich, in dieser Stadt genügend Schlafplätze zu finden, das ist doch kein Problem", sagt Bährens. Inzwischen ist sie etwas ernüchtert. Etwa 4000 Unterkünfte fehlen noch immer, und etliche der gesicherten Schlafplätze konnten nicht in Gastfamilien, sondern nur in Turnhallen oder Kitas aufgetan werden. Im niederländischen Rotterdam, das selbst als Region lediglich ein Drittel der Einwohner Berlins hat, waren dagegen 2010 praktisch alle 30 000 Gäste in Privathaushalten aufgenommen worden. Schließlich steht gerade der Taizé-Orden für die Idee, auf andere Menschen zuzugehen und sich gegenseitig zuzuhören. "Ich habe aber erst in den letzten Wochen begriffen, wie viel Misstrauen und Ängste, wie wenig Offenheit es in unserer Stadt gibt", sagt Silke Bährens. Viele Berliner fürchteten den Aufwand der Unterbringung. "Dabei schlafen bei uns auch je vier in einem Zimmer, Isomatten und Schlafsäcke haben sie ja dabei. Nur ein Frühstück sollte es halt noch geben." Die Tage und den Silvesterabend verbringen die Jugendlichen in ihren Gastgemeinden und bei Veranstaltungen im Messezentrum.

Fast wichtiger als Weihnachten

Für Silke Bährens jedenfalls sind das bevorstehende Ereignis und der Besuch der Jugendlichen fast wichtiger als das Weihnachtsfest. "Die Adventszeit heißt dieses Mal 'Warten auf Taizé'." Mit ihrer Mühe für ein gelungenes Treffen, wofür die Mitarbeiterin des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf ihr Überstundenkonto opfert, will sie etwas von dem zurückgeben, was sie selbst bekommen hat.