Gastronomie

Wo schon Heine und Hoffmann zechten

Der Betreiber des "Lutter & Wegner" kann sich noch gut daran erinnern, wie es vor knapp 15 Jahren am Gendarmenmarkt aussah. "Nichts war hier, außer Baugruben", sagt Josef Laggner (45). Lieber redet der Gastronom aber darüber, wie gut das Gastronomiegeschäft läuft. 2011 war für seine Betriebe ein gutes Jahr.

Das "Lutter & Wegner" ist eine Legende, deren bewegte Geschichte ein jüngst erschienenes Buch erzählt. Alles begann am Gendarmenmarkt, in der Charlottenstraße. Allerdings nicht unter der Hausnummer 56, in der heute der Restaurantbetrieb läuft, sondern etwa hundert Meter weiter an der Stelle, an der heute das Luxushotel "The Regent" seine Gäste empfängt. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts galt der Gendarmenmarkt als Platz, an dem man gerne Geld für Essen und guten Wein ausgab. Die Umgebung war ein Zentrum der internationalen Finanzpolitik. In den Cafés und Restaurants am Platz trafen sich Geschäftsleute, Schauspieler, Journalisten und Literaten.

Als die Kaufleute Johann Christoph Lutter und August Friedrich Wegner im Jahr 1811 eine bestehende Weinhandlung übernahmen, erkannten sie das gastronomische Potenzial der Gegend und eröffneten zusätzlich ein Lokal in den Räumlichkeiten. Historische Fotos zeigen schlichte Kellergewölbe mit gefliestem Boden und derbem Holzmobiliar. Die Mischung aus urigem Ambiente und exquisitem Wein-Angebot kam an: Das "Lutter & Wegner" wurde zur Stammkneipe des Schriftstellers E.T.A. Hoffmann und seines Schauspieler-Freundes Ludwig Devrient. Die beiden Männer machten in dem Lokal die Nacht zum Tag und ließen Flasche um Flasche öffnen. An einem gemeinsamen Zechabend wurde der deutsche Begriff "Sekt" geboren. "Bring er mir Sack, Schurke!", rief Devrient einem Kellner zu. Vermutlich wollte er einen Sherry ordern, der in Shakespeare-Stücken "Sack" heißt. Der Kellner war verunsichert und servierte Devrients Lieblingsgetränk: Schaumwein.

Ab sofort hieß Schaumwein "Sekt"

Danach bestellten die Stammgäste nur noch "Sekt". Hoffmann und Devrient waren die ersten prominenten Gäste, von ihren legendären Besuchen zehrte der Ruhm des Lokals noch jahrzehntelang. Auch Carl Maria von Weber, Richard Wagner, Chamisso, Eichendorff, Gustav Freytag und Heinrich Heine tranken dort gerne einen, meistens aber mehrere Schoppen. Jacques Offenbach machte das Lokal 1881 zum Schauplatz seiner Oper "Hoffmanns Erzählungen".

Den Ersten Weltkrieg und die Jahre danach überstand das "Lutter & Wegner" beinahe unbeschadet. In den 20er-Jahren wurde das Lokal ein Treffpunkt von Regisseuren und Schauspielern. Josephine Baker, Marlene Dietrich, die Tiller Girls, Claire Waldoff und Friedrich Hollaender kehrten nach Premieren dort ein. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude komplett zerstört.

Die Auferstehung der Legende begann in den 50er-Jahren in Charlottenburg. An der Schlüterstraße eröffnete eine kleine Weinhandlung mit dem Namen "Lutter & Wegner seit 1811", später kam ein Restaurant hinzu. 1960 brachte die Sektkellerei die Marke "Lutter & Wegner" auf den Markt. In Berlin eroberten die Flaschen mit dem historisch anmutenden Etikett schnell den regionalen Lebensmittelhandel, blieben aber eine lokale Spezialität.

"Das war nicht mehr als eine Studenten-Kneipe damals", erinnert sich der gebürtige Österreicher und gelernte Restaurantfachmann Josef Laggner, der das Lokal an der Schlüterstraße 1995 mit seinem Kompagnon Michael Eilhoff übernahm.

Laggner und Eilhoff setzten kulinarisch auf Klassiker der deutschen und österreichischen Küche, die aus hochwertigen Zutaten zubereitet wurden. Dazu servierten sie vorwiegend deutsche Weine. "So ein Konzept war damals noch völlig neu", erinnert sich Laggner. Doch der Laden lief. Nur war er, wie der Gastronom fand, am falschen Ort. Dann wurde der Gendarmenmarkt neu aufgebaut und Laggner spazierte abends oft durch die Baulandschaft. "Ich stand damals mehrfach vor dem Haus und habe überlegt: Soll ich es machen oder nicht? Es war wirklich ein Wagnis, viele rieten mir ab. Meine ehemalige Chefin war kurz zuvor mit einem Restaurant im Nikolaiviertel gescheitert", erzählt er. Als die Gewerbeflächen vergeben wurden, legte er für die Hausnummer 56 ein Konzept vor, das an die Tradition des legendären Restaurants anknüpfte. Laggner bekam den Zuschlag und ging geschäftlich fortan eigene Wege.

An einem Mittag im Dezember ist das "Lutter & Wegner" am Gendarmenmarkt gut, aber nicht restlos gefüllt. Kellner servieren Wiener Schnitzel, Sauerbraten und andere Klassiker der österreichischen und deutschen Küche. Das Essen ist von solider Qualität mit eher sparsamen kreativen Einflüssen. Die Einrichtung ist schlicht, klassisch und behaglich, ohne dabei steif zu wirken: dunkles Mobiliar, weiße Tischdecken. Die Mischung kommt bei Geschäftsleuten und Touristen gleichermaßen gut an. Wem das Stammhaus zu groß und zu laut ist, der kann ausweichen in die angrenzende Weinstube oder in die Weinhandlung. Am Platz gibt es zwar auch die Restaurants "Borchardt" und "Aigner", die meiste Konkurrenz macht sich Gastronom Laggner aber mittlerweile selbst. Mehr als 20 gastronomische Objekte, auch außerhalb Berlins, gehören heute zur Laggner-Gruppe. Und die nächste Filiale entsteht zurzeit an einem Ort, der noch frei von Tradition und Geschichte ist: Ein neues "Lutter & Wegner" soll voraussichtlich im Juni 2012 am Flughafen BER in Schönefeld eröffnen.

Lutter & Wegner: 200 Jahre Berliner Geschichte und Geschichten von Matthias Zimmermann, 14,95 Euro, be.bra verlag