"Ärzte ohne Grenzen"

Wo ein Leben einen Eimer Reis wert ist

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Ina Brzoska und Marlies Fischer

Tankred Stöbe hätte eine klassische Karriere einschlagen können. Der Berliner war Anfang 30, arbeitete als Assistenzarzt in der Inneren Medizin. Doch der Drang, seinen Ärztlichen Horizont zu erweitern, wurde immer größer.

Er kündigte seine Wohnung, meldete das Auto ab, verließ Deutschland. Tankred Stöbe gab sein Berliner Leben auf. Und stellte sich in den Dienst von "Ärzte ohne Grenzen". Für den ersten Auslandseinsatz reiste der Internist nach Myanmar - für eine monatliche Aufwandsentschädigung von 600 Euro.

Mit einem Team brach er von der thailändischen Grenze auf, tief hinein in die Dschungel des südostasiatischen Staates, das die Militärs dominierten. Mit Rucksäcken voller Medikamente stapften die Helfer über matschige Pfade. Mehrere Tagesmärsche brauchten sie. Tankred Stöbe schlief nachts in der Hängematte. Zum Frühstück gab es selbsterlegte Frösche und klebrigen Reis. Doch der krasse Gegensatz zum deutschen Klinikalltag, dominiert von Spitzenmedizin, High-Tech-Geräten und unzähligen Medikamenten, der fesselte ihn.

Wenn Tankred Stöbe die Herausforderung für deutsche Ärzte in Krisengebieten beschreiben soll, sagt er, dass es eine Extrem-Form von Medizin sei. In den Dschungeln von Myanmar herrschte seinerzeit Mangel an allem. Als Tankred Stöbe ankam, war er der einzige ausgebildete Arzt für 10 000 Vertriebene. Es ging um das Leben vieler tausend Mon People, eine burmesische Minderheit, für die die Regierung in Myanmar keine Verantwortung übernahm. Seit 40 Jahren will "Ärzte ohne Grenzen" Menschen helfen, die unter Hunger, Krieg, Terror, Naturkatastrophen und unzulänglicher medizinischer Versorgung leiden.

30 000 Menschen in 427 Projekten

Die Geschichte der Organisation begann während einer der furchtbarsten Hungerkatastrophen des 20. Jahrhunderts: im Biafra-Krieg 1967 bis 1970. Damals verhängte das nigerianische Militär eine Blockade gegen die Region Biafra im Südosten des Landes, nachdem dort Offiziere geputscht hatten. Frankreich war zu diesem Zeitpunkt das einzige Land, das die Bevölkerung Biafras unterstützte. Großbritannien, die USA und die Sowjetunion ergriffen Partei für Nigeria.

Einige französische Ärzte, darunter auch der spätere Außenminister Bernard Kouchner, meldeten sich zusammen mit dem französischen Roten Kreuz freiwillig, um in Krankenhäusern und Versorgungszentren des belagerten Biafra zu arbeiten. Im Land selbst waren die Helfer den Angriffen der nigerianischen Armee ausgesetzt. Zwischen der Regierung Nigerias und dem Roten Kreuz brachen Konflikte aus. Kouchner und andere Ärzte wollten dem Wohl und den Bedürfnissen der Opfer Vorrang einräumen gegenüber politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Interessen. Am 21. Dezember 1971 gründete er zusammen mit anderen Medizinern und dem Herausgeber einer medizinischen Fachzeitschrift die Gruppe "Médecins Sans Frontières" (Ärzte ohne Grenzen). Die ersten Helfer kamen nach einem Erdbeben in Nicaraguas Hauptstadt Managua zum Einsatz.

Heute hat "Ärzte ohne Grenzen" Sektionen in 19 Ländern und kann aus einem Spendenaufkommen von 943 Millionen Euro schöpfen. Davon allein 82 Millionen aus Deutschland. Mehr als 30 000 Menschen arbeiteten im vergangenen Jahr in 427 Projekten in 60 Ländern. Sie versorgten Schusswunden in Afghanistan und Libyen, impften Kinder in Afrika gegen Masern oder kümmerten sich um die Erdbebenopfer in Haiti. Die Teams schaffen Inseln der Menschlichkeit - ungeachtet der ethnischen Herkunft oder politischen und religiösen Überzeugungen der Patienten.

Wenn Tankred Stöbe sich an seinen ersten Einsatz in den Dschungeln von Myanmar zurückerinnert, sieht er die Bilder vor sich. Schilfgedeckte Hüttchen dienten als Herberge für todkranke Patienten. Einheimische betrieben die Gesundheitsposten, Tankred Stöbe und sein Team versorgten sie mit Geräten und Medikamenten. "Es gab nichts außer einem kleinen Labor mit Mikroskop", sagt Tankred Stöbe. Doch so konnten er und seine Helfer immerhin Blutproben untersuchen. Malaria und Dengue-Fieber hatten sich dramatisch ausgebreitet. Oft brauchte es mehr, als Diagnosen zu stellen und Medikamente zu verteilen. Nach einem Unfall musste auch mal ein Gesicht zusammengenäht werden. Einmal nahm das Team ein Mädchen mit Blinddarmdurchbruch mit nach Thailand. Rettung in letzter Sekunde.

Inzwischen ist Tankred Stöbe in den deutschen Klinikalltag zurückgekehrt, arbeitet als Internist in der Intensivmedizin des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe. Doch regelmäßig kehrt er für Ärzte ohne Grenzen in Krisenregionen zurück. Inzwischen ist er auch Präsident der deutschen Sektion der Hilfsorganisation. Insgesamt ist er einer von insgesamt 21 Berlinern, die in den ärmsten Teilen der Welt im Einsatz sind. Nicht nur Ärzte, auch Krankenschwestern, Pfleger und Logistiker, die für ihre Arbeit in Krisenregionen kaum mehr als eine Aufwandsentschädigung bekommen. Und trotzdem wieder und wieder zurückkehren, weil sie helfen wollen.

Verstoßene Frauen, fehlende Hände

So auch der Berliner Chirurg Volker Herzog. In Afrika stieß der 67-Jährige auf ein Leiden, das in Europa kaum jemand kennt: Geburtsfisteln. Sie treffen Hunderttausende junger Frauen, die zu lange in den Wehen liegen. Das Kind bleibt im Geburtskanal stecken - daraufhin stirbt das Gewebe ab. Es entstehen röhrenartige Verbindungen Richtung Blase oder Darm. Das Baby stirbt. Wenn die Mütter die Geburt überleben, dann mit unbeherrschbarer Inkontinenz "Diese Frauen stinken ständig nach Kot und Urin. Es ist unmöglich mit ihnen zusammenzuleben", sagt Volker Herzog. Deshalb würden sie von Ehemännern und Familien verstoßen und wie Aussätzige an die Ränder der Dörfer verstoßen. "Sie haben keine Lobby, ihr einziges Verbrechen ist, dass sie ein Kind bekommen haben", sagt der Arzt.

1998 hat Volker Herzog das erste Mal seinen Jahresurlaub zusammengelegt. Um als Kriegschirurg nach Afrika zu gehen. Schreckliche Bilder haben sich in sein Gedächtnis gebrannt. Kinder aus Sierra Leone, denen die Hände abgehackt wurden zum Beispiel. Jahrzehntelang arbeitete Volker Herzog als Chirurg an Berliner Krankenhäusern, schraubte Unterschenkel zusammen, setzte Hüftgelenke ein, wurde Oberarzt. Doch der Auslandseinsatz veränderte ihn. Volker Herzog ging früher in Rente. Er wollte nur noch als Arzt ohne Grenzen arbeiten. Inzwischen war er 27 Mal in Krisenregionen, in Liberia, Kongo, Äthiopien, Elfenbeinküste, in der Zentralafrikanischen Republik.

Das Thema Geburtsfisteln hat Volker Herzog keine Ruhe gelassen. Er hat die Technik nach und nach in Afrika gelernt. In Zelten und notdürftig eingerichteten OPs behandelte er Betroffene. Er hat Granaten über den OP-Saal pfeifen hören. Er kennt die Einsamkeit und Entbehrungen in den Zeltstädten, auch das Ringen um Respekt in afrikanischen Teams.

Gerade ist Volker Herzog nach drei Monaten aus dem ostafrikanischen Burundi zurückgekehrt. Zurückgelassen hat er mehr als 150 Frauen, die in ein gesundes Leben mit ihren Familien zurückgekehrt sind. Zwei Patientinnen konnte er nicht retten.

"Ihr Tod geht mir nahe", sagt Volker Herzog. Momente, in denen sich der Berliner schöne Erinnerungen ins Gedächtnis ruft: Eine Frau im Kongo, die ihn sprechen wollte, mit einem kleinen Jungen auf dem Arm. "Ich hatte sie vor drei Jahren operiert", sagt Volker Herzog. "Sie erzählte mir, dass sie danach dieses Kind bekommen hat". Die junge Mutter brachte einen Eimer Reis als Dank. Und sie sagte, dass sie ihren Sohn Volker genannt habe. Nach Volker Herzog, ihrem Retter.