Herzzentrum

Die Retter der 10 000 Babyherzen

Bereits zehn Stunden lag Vivien Büttner in den Wehen, als die Ärzte sich zum Kaiserschnitt entschlossen. Da war der kleine Kopf ihres Kindes bereits blau angelaufen. Und die Blutprobe im Kreißsaal hatte ergeben, dass Lya Joyce unter Sauerstoffmangel litt.

Ein schockierender Moment für die Mutter. Die Schwangerschaft der 23-jährigen Oranienburgerin war völlig normal verlaufen. Bei Vorsorgeuntersuchungen hatten Mediziner nicht erkannt, dass Lya Joyces Herz viel zu schnell und zu unregelmäßig schlug. Als sie dann auf die Welt geholt wurde, waren nicht nur der Kopf, sondern auch Arme, Beine und Rumpf blau verfärbt. Die Diagnose lautete: schwerer Herzfehler. So entschieden die Ärzte am Helios-Klinikum Buch, Lya Joyce an die Charité zu überweisen. Zur Operation im Herzzentrum.

Mit der Aufnahme von Lya Joyce Büttner feierte das Deutsche Herzzentrum Berlin jetzt Jubiläum. Denn Lya Joyce ist das zehntausendste Kind, das hier operiert wurde. Bereits vor 25 Jahren wurden in Berlin-Mitte chirurgische Eingriffe bei kleinsten Patienten vorgenommen. Zu einer Zeit, als Herzfehler selten erkannt und als Frühchen wie Lya Joyce kaum eine Überlebenschance hatten.

Professor Roland Hetzer, Gründer des Herzzentrums, erkannte damals die Forschungslücke. Es brauchte speziell ausgebildete Chirurgen, neue Medizintechnik, passende Medikamente. 1988 richtete der Transplantationsmediziner eine Klinik ein, die sich auf solche Fälle spezialisieren sollte. Die ersten Kinderherzchirurgen warb er in China und Russland an.

Den Fall von Lya Joyce übernahm Kinderherzchirurg Michael Hübler. Über 2500 Babys hat er schon operiert. Bei Lya Joyce waren die Herzgefäße vertauscht. Fünf Tage mussten die Ärzte warten, bis das Neugeborene stabil genug war, um eine solche Operation zu überstehen. Besonders Neugeborene dürfen nicht zu viel Blut verlieren. Und ein Eingriff erfordert gute Vorbereitung und Fingerspitzengefühl. Kinderherzen sind kaum größer als eine Pflaume.

Nach 10 000 Eingriffen sind solche Operationen heute jedoch fast schon Routine. Geradezu im Akkord werden Neugeborene, Kinder und Jugendliche operiert. 150 Kinderherzen und 120 Kunstherzen werden inzwischen pro Jahr verpflanzt. "Der Trend geht zu sehr frühen Korrektur-Operationen", sagt Roland Hetzer. So ließen sich Schäden an Organen wie Lunge oder Niere vermeiden. "Heute haben die meisten unserer Patienten die Chance auf ein völlig normales Leben."

Michael Hübler musste Lya Joyce an die Baby-Herz-Lungen-Maschine anschließen, um am geöffneten Brustkorb die Korrektur zu übernehmen. Nach zwei Stunden hatte Michael Hübler es geschafft: Er korrigierte die fehlerhaft angelegten großen Arterien. So kann das Blut in Lya Joyce Körper wieder zirkulieren.

In Deutschland wird jedes hundertste Neugeborene mit angeborenem Herzfehler geboren. Je nach Geburtenrate trifft das zwischen 6000 bis 7000 Babys. Dass die meisten Chancen auf ein normales Leben erhalten, haben sie auch den Spezialisten am Herzzentrum zu verdanken.

Hunderte Kinder haben die Teams der Kinderkardiologie schon heranwachsen sehen. Die Kardiologen des Herzzentrums treiben seit vielen Jahren die Forschung voran. Sie beobachten, wie sich die Kinder entwickeln, welche Medikamente helfen, testen Technik. Betroffene kommen in regelmäßigen Abständen zur Nachuntersuchung ans Herzzentrum.

Schutz vor Keimen

Leon aus Cottbus zum Beispiel, ein Schlacks mit großer Brille, der spitzbübisch lächelt. Vor zehn Jahren überstand er eine der schwersten Operationen in der Berliner Hochleistungsklinik. Chirurgen verschlossen das Loch in seinem Herzen, damit das Blut in seinem Körper zirkulieren kann. Ähnlich erging es Carl, heute ein zweijähriger, wohlgenährter Junge, der unermüdlich einen neongrünen Trabi über den Krankenhausflur jagt. Und da ist die kleine Shanice, ebenfalls zwei Jahre alt. 16 Monate wartete sie auf ein Spenderherz, das Ärzte ihr schließlich einpflanzten. Trotz des Mundschutzes, den Shanice trägt, um sie vor Keimen zu schützen, plappert und singt sie unentwegt.

"Wir waren froh, dass wir in den schweren Stunden nicht alleine waren", sagen Tino und Marie-Kristin Behr. Die Eltern von Leon sind froh, dass sie am Herzzentrum Spezialisten um Rat fragen können. Und dass es andere Paare gibt, die ihr Schicksal teilen. "Jede erfolgreiche Operation macht uns Mut", sagt Tino Behr. Neben ihm sitzt Vivien Joyce, auf dem Schoß die vier Monate alte Lya Joyce. Noch Tage nach der Operation lag das Baby auf der Intensivstation. Die große Narbe auf der Brust, der kleine Körper, der über unzählige Schläuche und Kabel mit Maschinen und Monitoren verbunden war.

"Ich bin froh, dass das überstanden ist", sagt Mutter Vivien. Sie hat ihre kleine Tochter in einen flauschigen Strampelanzug gekleidet, die Kapuze reicht weit ins Gesicht. Hungrig nuckelt Lya Joyce am Schnuller, ihr Gesicht zeigt einen rosa Teint. Medikamente muss sie keine nehmen. Und mit ein bisschen Glück wird auch keine weitere Operation nötig sein.