Stadtplanung

Über den Rand des Flugfelds hinaus geplant

Dachflächen werden saniert, eine 1200 Quadratmeter große Dachterrasse mit Café entsteht - und der Bau der Zentralen Landesbibliothek (ZLB), den hat die neue große Koalition bereits abgesegnet. Die Pläne mit dem ehemaligen Flughafen Tempelhof sind bekannt. Doch wie werden die Siedlungen am Rand des Flugfelds aussehen? Wie hoch, wie dicht und welche Bauten werden dort stehen?

Die landeseigene Entwicklungsgesellschaft Tempelhof Projekt GmbH hat den Auftrag zur Erarbeitung der städtebaulichen Qualifizierung aller Quartiere jetzt vergeben. Das Kölner Büro "Astoc Architects and Planners" soll bis März 2012 Vorschläge für die Gestaltung vorlegen, die dann wiederum als Grundlage für die städtebaulichen Wettbewerbe der einzelnen Quartiere dienen. Der Startschuss für die europaweiten Wettbewerbe soll Mitte nächsten Jahres fallen, die Entscheidungen 2014 vorliegen. Zumindest, wenn es nach dem Chef-Entwickler der Tempelhof Projekt GmbH, Gerhard W. Steindorf, geht. "Die ersten Kräne drehen sich im Jahr 2015", sagt er.

Wie der Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft betont, werden sich die Projektentwickler zunächst auf das sogenannte Bildungsquartier konzentrieren, das in der Nähe des Tempelhofer Damms am Ostrand des Flugfeldes geplant ist. Die Entwicklung dieses Gebiets hat Priorität, da die große Koalition dort, am Rand des ehemaligen Tempelhofer Flugfeldes, die Zentrale Landesbibliothek errichten will. "Nach der Entscheidung für den Neubau gilt es, das Bildungsquartier möglichst schnell zu qualifizieren", sagt Gerhard Steindorf. Den mit 270 Millionen Euro veranschlagten und nach wie vor umstrittenen Neubau der ZLB finden Gerhard Steindorf und seine 31 Mitarbeiter gut. "Wir betrachten den geplanten Bau als Motor für die Entwicklung des Gebietes", sagt der Geschäftsführer der Tempelhof Projekt GmbH.

Drei Millionen Besucher erwartet

Die Prognose von jährlich drei Millionen Bibliotheksbesuchern werte man als "starken Impuls für weitere Anbieter im Bildungsbereich, die Nähe zu dieser neuen Bibliothek zu suchen und sich hier anzusiedeln - ob Sprachschulen oder andere Institutionen im Weiterbildungsbereich", sagt Gerhard Steindorf. Die "Wohnstube der Intellektuellen" solle aber nicht nur durch Bildungseinrichtungen, sondern ebenso durch Wohnbauten ergänzt werden. Im Eingangsbereich zum Tempelhofer Damm hält der Planer zudem reine Bürobauten für denkbar. "Mit überschaubaren Höhen, die sich grundsätzlich an den jeweiligen Nachbarbauten orientieren", sagt Gerhard Steindorf. Im Bereich des Tempelhofer Damms seien sechs- bis siebengeschossige Bauten geplant. "Eine Hochhaussiedlung wird es hier nicht geben", sagt der Geschäftsführer.

Die schwierigste und wohl auch langwierigste Aufgabe der gesamten Entwicklung wird die des reinen Wohnquartiers sein, das im Osten von der Oderstraße aus als Erweiterung des Neuköllner Schillerkiezes geplant ist. Wohnungsbauten, für die auf dem 24 Hektar großen Areal 9,5 Hektar Nettobaufläche bereit stehen, zielen auf eine soziale Durchmischung und sollen das Viertel aufwerten. Doch das könnte schwierig werden. "Wir wissen nicht, wie man Mieten zustande bekommt, die so sozial verträglich sind, wie sie gefordert werden", sagt Gerhard Steindorf. Er sieht die Möglichkeiten für bezahlbaren Wohnraum eher in den Bestandsbauten, bei denen es derzeit noch Nettokaltmieten um die 4,50 Euro gebe. Die Altbauten dürfe man nur in einem Umfang modernisieren, in dem die Mieten erschwinglich bleiben. Neu zu bauen für unter zehn Euro sei hingegen nicht machbar, sagt Gerhard Steindorf.

Also "Aufwertung" nur durch neuen Wohnraum für Besserverdiener? "Wir denken bei diesem Quartier auch an Vielfalt beispielsweise durch genossenschaftliches Wohnen, Wohnungsbaugesellschaften des Landes oder auch an Baugruppen", sagt Steindorf. Das Wohnquartier ist für den Manager ebenso wie für Senatsbaudirektorin Regula Lüscher einer der möglichen Standorte für die ebenfalls im Koalitionsvertrag festgesetzte Internationale Bauausstellung IBA 2020. "Hier kann die IBA sicher Gutes tun", sagt Gerhard Steindorf.

Das 29 Hektar große Gewerbequartier soll unter dem Slogan "Südring - saubere Zukunftstechnologien" voran getrieben werden. "Die Wirtschaftsförderung Berlin hat ermittelt, dass wir dringend Flächen für kleinere mittelständische Unternehmen im Bereich der Produktion von Zukunftstechnologien benötigen", sagt der Geschäftsführer. Er ist deshalb auch für eine durchgehende Bebauung im Gewerbequartier. Die in der Grünraumplanung vorgeschlagene Schneise von etwa 30 000 Quadratmetern will Gerhard Steindorf nicht hinnehmen. "Die Grünplaner behaupten, man brauche eine Sichtachse für einen freien Blick zum Flugfeld von Süden aus." Das werde man noch debattieren müssen.

Gegen die Entwicklungspläne der Tempelhof Projekt GmbH gibt es bereits Widerstand. Die "Initiative 100 % Tempelhofer Feld" bereitet gerade ein Volksbegehren vor. Die Gruppe aus Anwohnern des Schillerkiezes ist gegen die geplante Bebauung der Ränder des Flugfelds, gegen die Gestaltung des Parks und gegen sämtliche Planungen für die Internationale Gartenausstellung (IGA 2017) und die IBA 2020. Ab Januar will die Initiative das öffentliche Interesse an ihrem Volksbegehren nachweisen. "Wir brauchen 20 000 Unterschriften", sagt Initiator Lothar Köster. Nach seiner Hochrechnung der Stimmung im Kiez "sollte das kein Problem sein", sagt er.