Startgeld für Kita-Gründer

Seit fast zwei Jahren kämpft Verena Jahrmann darum, eine Kita mit 22 Plätzen in Charlottenburg zu eröffnen. Räume hat sie bereits gefunden, doch das beantragte Startgeld von 500 Euro pro Platz wurde am Freitag von der Kita-Aufsicht zum wiederholten Mal abgelehnt.

Die neue Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat jetzt angekündigt, dass Initiativen, die neue Kitaplätze schaffen, künftig mit mehr Unterstützung rechnen können. "Für sie könnte es ein Startgeld geben", hatte die Senatorin gleich nach ihrem Amtsantritt im Interview mit der Morgenpost erklärt. Zum Umfang einer finanziellen Unterstützung machte die Senatorin aber keine Aussage. Und auch ihre Sprecherin Beate Stoffers betonte, dass sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine genauen Angaben machen lassen würden.

Bis zu 40 000 Euro Starthilfe nötig

Beim Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (Daks), bei dem etwa 500 der rund 650 Berliner Elterninitiativkitas (EKT) organisiert sind, nimmt man die Politikerin indes sogleich beim Wort. Finanzielle Förderung für das aufwendige Unterfangen einer Kita-Gründung hatte der Interessenverband in der Vergangenheit immer wieder eingefordert. Schließlich ist ein solches Startgeld eigentlich in Berlin per Gesetz vorgesehen. Doch aus Sparzwängen wurde die Unterstützung seit zehn Jahren nicht mehr ausgezahlt.

Für die Gründung eines kleinen Kinderladens für 15 bis 30 Kinder rechnet der Daks mit nötigen Investitionen von 30 000 bis 40 000 Euro während der Anlaufphase. "Das ist schon eine erhebliche Hürde", sagt Daks-Sprecherin Babette Sperle. Der Verband fordert ein Startgeld von 1000 Euro pro neuem Kita-Platz. Mindestens ebenso wichtig sei aber das politische Signal, das von dem von Scheeres angekündigten Schritt ausginge. "Das wäre ein Zeichen, dass es gewollt ist, wenn Eltern sich aktiv um zusätzliche Kitaplätze kümmern", sagt Sperle. Bisher würden die Initiativen von den verschiedenen Behörden häufig eher behindert als befördert.

Potenzielle Anwärter gibt es nicht wenige in Berlin: Bei den Beratungsterminen des Daks sitzen alle 14 Tage fünf bis sieben neue Initiativen am Tisch. Etwa ein Drittel davon hält erfahrungsgemäß bis zu einer erfolgreichen Kita-Gründung durch. Allein 2011 wurden 21 Kinderläden von Elterninitiativen gegründet.

Die Erzieherin Verena Jahrmann, die sich mit anderen Eltern zusammen getan hat, rechnet für ihren Kinderladen "Bewegte Kinder" mit nötigen Investitionen in Höhe von rund 40 000 Euro. In die ehemalige Schleckerfiliale am Goslarer Platz, die die Gründerin angemietet hat, müssen Wände eingezogen, eine Küche sowie Kindertoiletten eingebaut werden. "Natürlich brauche wir auch das gesamte Mobiliar, angefangen von kleinen Stühlen, über Schlafmatratzen, bis hin zur Wickelkommode", sagt Verena Jahrmann.

Einfach ist das Unterfangen einer Kita-Gründung nicht. So habe ihr die Baubehörde des Bezirks die Auflage erteilt, eine behindertengerechte Toilette einzubauen. Dabei werde es in dem kleinen Kinderladen gar keine behinderten Kinder geben. Allein die Architektengebühr für die Planung der Behindertentoilette betrage 3000 Euro. Eigentlich sollte die Kita schon im November eröffnen. Der Termin musste jetzt auf April verschoben werden. Doch nicht nur die teuren Auflagen, auch die langen Bearbeitungszeiten bereiten der Initiative Probleme. Das Bauamt benötige acht Monate Zeit, um zu prüfen, ob die Räume für eine Kita geeignet seien. So lange könne man keinen potenziellen Vermieter hinhalten, sagt Verena Jahrmann. Schon zwei Mal habe sie deshalb bereits gefundene Räume an konkurrierende Mitbewerber wieder abgeben müssen.

Dabei müsste man Initiativen wie ihrer einen roten Teppich ausrollen, meint Erzieherin Jahrmann. In dem Charlottenburger Kiez zwischen Mierendorffplatz und Tegeler Weg gebe es einen großen Mangel an Kitaplätzen. Das habe sie vom Jugendamt schriftlich. Auf 654 Kinder unter sechs Jahren kommen demnach in dieser Region nur 318 Kitaplätze.

23 000 fehlende Plätze

Insgesamt werden in Berlin nach Prognosen der Bildungsverwaltung bis 2015 etwa 23 000 Kitaplätze fehlen. Im Koalitionsvertrag haben SPD und CDU der bedarfgerechten Versorgung mit Betreuungsangeboten absolute Priorität eingeräumt. Mit der Ernennung der Kita-Expertin Sandra Scheeres als Bildungssenatorin verbinden viele Träger, dass nun vor allem in diesem Bereich der Schwerpunkt der Politik liegt. Jetzt sei es wichtig, dass alle Behörden an einem Strang zögen und "Anträge auf Neugründungen wirklich vorrangig" behandelten, sagt Martin Hoyer, Kita-Referent des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Natürlich müsse gerade, wenn es um Kinder geht, ordentlich geprüft werden, und die Genehmigungsprozesse müssten dringend beschleunigt werden.

Vor allem die Kita-Aufsicht müsste nach Ansicht des Dachverbandes der Kinder- und Schülerläden dringend personell aufgestockt werden. "Die Mitarbeiter der Kita-Aufsicht sind heillos überfordert", sagt Daks-Sprecherin Sperle. Die Aufsichtsbehörde des Senats ist nicht nur für die Betriebserlaubnis jeder kleinen Kita zuständig, sondern muss auch jeder Beschwerde von Kita-Eltern nachgehen.

Monika Herrmann (Grüne), Jugendstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg, gibt zu bedenken, dass es etwa eine halbe Milliarde Euro kosten wird, die fehlenden 23 000 Kita-Plätze zu schaffen. "Dabei sind die Kosten für mehr Personal in dieser Rechnung nicht einmal enthalten", sagt sie. Herrmann begrüßt den Vorstoß von Senatorin Sandra Scheeres, Elterninitiativen finanziell zu unterstützen. Das müsse aber eine regelmäßige Zuwendung sein, sagt sie. Diese Maßnahme sei allerdings nur eine gut gemeinte Absichtserklärung, solange es kein Finanzierungsprogramm gebe. Ein Kita-Neubau kostet zwischen drei und vier Millionen Euro. Das zeige, dass viel zusätzliches Geld bereit gestellt werden muss. "Wenn jetzt die Haushaltsberatungen beginnen, ist es wichtig, dass der Finanzsenator ein Sonderprogramm für die Schaffung von Kita-Plätzen auflegt", sagt die Politikerin.

Die Jugendstadträtin von Marzahn-Hellersdorf, Julia Witt (Linke), betont indes, dass das Hauptproblem im Kita-Bereich nicht die fehlenden Räume, sondern die fehlenden Erzieher seien. Mindestens 150 Kinder könnten in ihrem Bezirk derzeit nicht in einer Kita untergebracht werden, weil das Personal für die Betreuung fehle. Dieser Fachkräftemangel lasse sich nicht kurzfristig beseitigen, mahnt die Stadträtin.