Serie: Lichter der Großstadt

Mit Herz und Hund

Pflegeheime sind keine Orte, an denen man sich gern aufhält. "Auf Wiedersehen, Mutter", ruft ein weißhaariger Herr in eines der Zimmer hinein und läuft Richtung Ausgang. Für einen Moment ist es still im Seniorenheim Hanßke. Nur ein Wellensittich zwitschert. Dann hört man ein Quietschen. Zwei alte Damen laufen, auf Gehwagen gestützt, aufeinander zu.

"Guten Morgen", sagt die eine. "Der Morgen ist doch schon lange vorbei", antwortet die andere und rollt weiter. Draußen vor den Fenstern wird es langsam dunkel.

Die Wände des Seniorenheims Hanßke sind in fröhlichem Gelb und Hellgrün gestrichen. An den Türen stehen die Namen der Bewohner in großen Lettern. Daneben hängt jeweils ein Foto. Eine Blume, ein Zug, ein Segelboot, ein Papagei. Die Bilder sollen demenzkranken Bewohnern helfen, ihre Zimmer wiederzufinden. Der eigene Name ist nicht das Letzte, was Menschen auf dem Weg ins Vergessen zurücklassen.

Hände streichen über das Fell

An einer Tür zeigt ein Foto einen Mann und einen Schäferhund, die nebeneinander auf einem Krankenbett sitzen. Beide schauen ernst in die Kamera. Es ist der Bewohner des Zimmers, Hans-Jürgen Janke. Das Tier heißt Josephine und ist "Besuchshund". Dass beide dort so selbstverständlich sitzen, ist für viele im Heim ein kleines Wunder. Wenn man es genau betrachtet, sind es sogar zwei. Doch dazu später.

Auf den Fluren hört man jetzt Türen schlagen, Namen werden gerufen. "Kommen Sie auch? Frau Hauer und der Hund sind da." Ein eiliges Klicken von Hundepfoten auf Laminat kündigt Josephine an. Der Altdeutsche Schäferhund läuft neugierig auf die Damen zu. Claudia Hauer, Tiertrainerin und Josephines Frauchen, fasst die Leine und bleibt einen Moment stehen, der Hund ebenso. Hände streichen über das Hundefell. Es ist flauschig und warm.

Einmal die Woche besucht Claudia Hauer für den Verein "Leben mit Tieren" das kleine Seniorenheim in Spandau. Eine Dame streichelt Josephine und sagt leise: "Ja, das macht dir Spaß, nicht? Früher hatte ich selbst einmal so einen wie dich." Josephine hält geduldig still. Sie ist Claudia Hauers privater Hund - einer von mehreren. Ihr ganzes Leben dreht sich um Tiere. Schon als Kind, sagt sie, habe es ihr Spaß gemacht, Jungtiere aufzupäppeln. "Zuerst waren es Hühnerküken und Tauben auf dem Hof meiner Großeltern in Thüringen, dann interessierte ich mich immer wieder für neue Tierarten und lernte dazu."

Heute lebt sie in Falkensee, von dort aus betreibt sie eine mobile Hundeschule. "Was mich besonders fasziniert, ist die erste Lebenszeit, in der ein Tier geprägt wird." Als Tiertrainerin hilft sie Besitzern vermeintlicher "Problemhunde", artgerechtes Verhalten einzuüben. "Dabei steht für mich der Tierschutz immer im Vordergrund." "Feel4dogs" heißt ihre Hundeschule, was so viel bedeutet wie "mit den Hunden fühlen".

Zu ihren beruflichen Aufgaben gehört heute auch die Betreuung des Tierhauses in einer Wilmersdorfer Senioreneinrichtung. Für den Verein Leben mit Tieren kümmert sie sich dort um Hühner, Ziegen, Kaninchen und andere Tiere, die den Alltag der kranken und alten Menschen bereichern. Auch mit einigen Bewohnern aus dem Pflegeheim Hanßke ist sie schon einmal dort gewesen. Außerdem hat sie einen Verein gegründet, der sich ehrenamtlich um verlassene Hundewelpen kümmert - die Welpennothilfe. Und sie hat zwei Kinder.

Viel Zeit bleibt der 41-Jährigen eigentlich nicht, um sich zusätzlich unentgeltlich auch für Menschen zu engagieren. Doch die Idee für das Ehrenamt im Seniorenheim, sagt Claudia Hauer, sei ihr wegen Hund Josephine gekommen. Als fünf Wochen jungen Welpen hatte sie das Tier zusammen mit einem Geschwisterchen aufgenommen: "Josephine war extrem abgemagert und hatte große Schmerzen." Nur weil sich viele Menschen für die Hündin engagierten, habe sie an der Hüfte operiert werden können und überlebte. "Jetzt geben wir den Menschen etwas von dem zurück, was für uns getan wurde." Zweieinhalb Jahre ist Josephine jetzt alt - ihre ersten Besuche machte sie schon mit vier Monaten. Claudia Hauer streicht dem Hund über den Kopf. Der guckt aufmerksam zurück, in Erwartung der Aufgaben, die auf ihn warten. Josephine ist kein verhätscheltes Schmusetier, sondern ein trainierter Begleithund.

Fünf hochbetagte Damen haben inzwischen ihre Rollatoren in einer Zimmerecke geparkt. Nun sitzen sie alle im Kreis. Josephine läuft schwanzwedelnd von einer zur anderen und bleibt dann mit interessiertem Blick neben der Tiertrainerin stehen. Die kramt in ihrem Rucksack. "Jetzt gibt's Leckerli, stimmt's?", fragt eine Bewohnerin freudig. "Ja", antwortet Claudia Hauer, "aber Josephine spielt viel lieber, als zu fressen. Wollen wir sie erst einmal füttern?" Sie legt allen eine kleine Portion Trockenfutter in die arthritischen Hände, manchen fällt das Festhalten schwer. Eine schaut ängstlich. "Sie haben sich doch beim letzten Mal auch getraut", ermutigt die Tiertrainerin.

Claudia Hauer ist eine von 60 Ehrenamtlichen, die für den Verein Leben mit Tieren mit ihrem Hund Besuche machen. Der Verein vermittelt sie an Pflegeheime, Schulen oder Einrichtungen für Behinderte. "Wir haben viel mehr Anfragen von Einrichtungen, als wir bedienen können", sagt Viola Freidel, Sprecherin des Vereins. Und das nicht allein, weil die Zeit der Ehrenamtlichen begrenzt ist, viele sind berufstätig. Sondern vor allem, weil Hund und Mensch geeignet sein müssen für die Aufgabe. Was nach einer heiteren Spielrunde klingt, ist eine große Herausforderung. "Begleithunde müssen sehr geduldig sein und gut mit Stress umgehen können", sagt Viola Freidel, "die Halter müssen den Hund verlässlich kontrollieren können."

Jeder Begleithund muss deshalb neben einem Gesundheits- auch einen Eignungstest bestehen. "Wir schulen jedes Jahr 40 bis 50 Hunde, nur ein Drittel davon ist als Helfer geeignet", sagt Viola Freidel. Umgekehrt müssen sich auch die Begleiter damit auseinandersetzen, was sie erwartet. "Für viele ist es schon schwer, einmal die Woche zur Verfügung zu stehen", sagt die Sprecherin. "Dazu kommt die seelische Belastung durch den Umgang mit der Einsamkeit, dem Sterben, aber auch der Aggression etwa bei Demenzkranken."

Im Pflegeheim Hanßke hat Josephine endlich das, was sie will: den Ball. Eine Dame nach den anderen wirft ihn durch den Raum, der Hund apportiert und reicht ihn höflich der nächsten Frau. Claudia Hauer assistiert gleichzeitig beim Werfen, formt arthritische Finger um den Tennisball - und belohnt nebenbei unauffällig ihren hechelnden Hund. "Der Besuch ist für sie vor allem in psychischer Hinsicht anstrengend", sagt sie. Die vielen Menschen, die Stimmen, die unterschiedlichen Stimmungen: Eine Dame möchte den Hund erziehen, die nächste hat Angst, die übernächste fordert ihn mit lustigen Kunststückchen heraus. Sie täuscht den Ballwurf erst an, bevor sie wirft, bis alle lachen.

Die Stimmung ist jetzt fast heiter, wäre da nicht das Wimmern einer Frau, die im Rollstuhl sitzt. Eine Beschäftigungstherapeutin sitzt neben ihr, hält sie fest, als der Hund vor ihr steht, und streichelt ihr beruhigend den Arm. Die Patientin leide an fortgeschrittener Demenz, wird die Therapeutin später sagen, nur an manchen Tagen könne sie noch sprechen. Dies ist kein solcher Tag. Claudia Hauer legt ihr vorsichtig den Ball in die Hand. "Und jetzt werfen!" Doch die Frau wimmert leise weiter. Trainerin und Therapeutin helfen ihr, die Hand auf den Hundekopf zu legen. Das Wimmern verstummt, die Patientin beruhigt sich.

Ein Schrecken der Demenzerkrankung sind die ständigen Eindrücke des Alltags, die die Patienten ängstigen, weil sie sie nicht mehr zuordnen können. Ein Tierfell zu spüren, die Wärme eines atmenden Körpers, löst möglicherweise eine Art Urreflex aus. Jedenfalls huscht für einen Moment ein Lächeln über das Gesicht der alten Dame, als sie Josephine streichelt. Der zweite Versuch gelingt. Die Frau greift den Ball, wirft, Josephine springt, alle klatschen Applaus. Dann ist die Hunde-Runde vorbei.

Auf dem Flur schüttelt Josephine das verstrubbelte Fell und bekommt ein Belohnungsfutter von Claudia Hauer. Ein Besuch steht noch an. Hans-Jürgen Janke hat sich schon bereitgemacht. Frisch gekämmt und in gebügeltem Hemd sitzt er auf seinem Bett. Als sein vierbeiniger Besuch den Raum betritt, schaltet er den Fernseher ab, der sonst den ganzen Tag läuft. "Als ich Herrn Janke im März das erste Mal besuchte, lag er apathisch im Bett, sprach nicht und reagierte weder auf mich noch den Hund", erinnert sich Claudia Hauer. Der 70-jährige ehemalige Polizist war nach einem Schlaganfall ins Pflegeheim gekommen. Er galt als einsam und depressiv. "Er hatte sich praktisch aufgegeben", sagt sie, und er nickt. "Ich wog nur noch 44 Kilo. Schauen Sie mich jetzt an", er lächelt. "75 Kilo sind es jetzt wieder, wie früher."

Woche für Woche kam die Tiertrainerin mit Josephine bei dem Mann vorbei. "Schließlich setzte er sich auf, irgendwann sprach er auch mit uns", sagt sie. "Inzwischen kann er wieder laufen. Zum Sommerfest haben wir ihn sogar überredet zu tanzen", sie lächelt. "Na ja", brummelt er, "aber nur mit Festhalten." Inzwischen könne er aber sogar im Park spazieren gehen. Josephine legt ihm die Schnauze aufs Knie. Janke schaut den Hund und die Trainerin dankbar an.

Pflegeheime sind Orte des Abschieds, darüber kann auch alle Heimeligkeit nicht hinwegtäuschen. Wer hier einzieht, wird nicht als geheilt entlassen werden. Dennoch gibt es Geschichten, die Hoffnung machen, wie jenes kleine "Wunder" von Hans-Jürgen Janke. Auch wenn er sagt, auf seinem Weg vom Krankenbett zurück auf die Beine habe ihm vor allem die Bewegungstherapie sehr geholfen, man spürt doch: Auf seinem Weg zurück ins Leben war auch das Hund-Mensch-Team eine wichtige Begleitung.

"Josephine überlebte nur, weil sich Menschen für sie engagierten. Jetzt geben wir etwas davon zurück."

Claudia Hauer, Ehrenamtlicher Besuchsdienst im Pflegeheim