Babyleiche

In den Müll geworfen

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Hans H. Nibbrig und Steffen Pletl

Die Polizisten, die am Mittwochnachmittag die Umgebung eines Mehrfamilienhauses an der Walter-Friedrich-Straße in Buch akribisch absuchten, wussten genau, was sie schlimmstenfalls erwarten würde.

Trotzdem war es auch für die Beamten ein Schock, als der schlimmste Fall tatsächlich eintrat. In einer Mülltonne stießen sie auf einen in einer Plastiktüte eingepackten toten Säugling. Vieles deutet bereits jetzt daraufhin, dass das Baby nicht lange nach der Geburt gewaltsam zu Tode kam. Die Mutter des Kindes wurde festgenommen, die 7. Mordkommission ermittelt gegen die 24-Jährige wegen des dringenden Verdachts eines Tötungsdeliktes. Offenbar ist der Säugling erst einen Tag zuvor zur Welt gekommen.

Obduktion angeordnet

Unmittelbar nach dem Fund ordnete die Staatsanwaltschaft eine Sofortobduktion der Leiche an, um die genaue Todesursache festzustellen. Mit dem Ergebnis der rechtsmedizinischen Untersuchung ist erst am Donnerstagvormittag zu rechnen. Auch die Befragung der festgenommenen Mutter Madeleine J. durch Beamte der Mordkommission dauerte am Abend noch an. Details aus der Vernehmung wurden zunächst nicht bekannt. Aus Ermittlerkreisen hieß es lediglich, die junge Frau habe sich wiederholt in Widersprüche verwickelt. Berichte, das Kind sei erst einen Tag zuvor zur Welt gekommen, wurden von der Polizei zunächst nicht bestätigt.

Widersprüche in den Angaben der Frau waren es auch, die die Polizei auf die Spur des Geschehens brachten. Nach Angaben eines Sprechers wurde Madeleine J. während der Schwangerschaft von einer Fachkraft der sozialen Dienste betreut. Auch am Mittwoch suchte die Betreuerin die schwangere Frau auf, um festzustellen, dass die 24-Jährige ganz offensichtlich bereits entbunden hatte. Auf die zunehmend drängender werdenden Fragen der Betreuerin nach dem Verbleib des Neugeborenen habe sich die Frau in Widersprüche verwickelt. Daraufhin informierte die Betreuerin die Polizei. Wenig später trafen zunächst Kriminalbeamte der Polizeidirektion 1 (Nord) an der Walter-Friedrich-Straße in Buch ein. Nach einer kurzen intensiven Überprüfung des Sachverhaltes schalteten die Beamten die 7. Mordkommission ein und forderten Unterstützungskräfte zur Absuche der Umgebung an. Die Suche endete gegen 15.30 Uhr mit dem Fund der Baby-Leiche. Die verdächtige Mutter wurde kurz darauf zur weiteren Vernehmung in das Landeskriminalamt an der Keithstraße gebracht, in ihrer Wohnung im vierten Stock des Mehrfamilienhauses gingen unterdessen Mitarbeiter der Spurensicherung an die Arbeit. Am späten Nachmittag schließlich wurde die Leiche des Säuglings in die Rechtsmedizin gefahren. Unklar war bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe, woran das Kind verstorben ist und ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt.

Zu der Zeit hatten sich bereits zahlreiche Schaulustige vor dem Haus an der Walter-Friedrich-Straße eingefunden, angelockt durch die sich schnell verbreitende Nachricht von dem schrecklichen Fund und dem Verdacht gegen die Mutter des toten Babys. Anwohner diskutierten aufgeregt über das Geschehen und überboten sich dabei gegenseitig mit Spekulationen. Andere verfolgten einfach nur schweigend und erkennbar fassungslos die Arbeit der Ermittler und Kriminaltechniker oder beobachteten das inzwischen eingetroffene Heer der Journalisten, Fotografen und Kameramänner.

Zweiter Fall in zehn Tagen

Madeleine J. lebte mit zwei weiteren Kindern, ein und drei Jahre alt, und ihrem Lebensgefährten in einer Wohnung im vierten Stock des Hauses, die 24-Jährige war ebenso wie ihr Lebensgefährte seit Längerem arbeitslos. Nachbarn berichteten, die Frau habe im Umgang mit ihren Kindern häufig einen überforderten Eindruck gemacht. Ihre Probleme, so berichten Anwohner, seien auch der Grund gewesen, weshalb die 24-Jährige während der Schwangerschaft eine staatliche Betreuung erhalten habe. Die beiden Kinder von Madeleine J. sollen nach deren Festnahme bei Verwandten untergekommen sein.

Für die Ermittler des Landeskriminalamtes ist der aktuelle Fall in Buch der Zweite innerhalb von nur zehn Tagen. Am 20. November war im Innenhof eines Mehrfamilienhauses in Charlottenburg ebenfalls ein toter Säugling gefunden worden. Dessen 40 Jahre alte Mutter gestand kurz darauf, das Baby unmittelbar nach der Geburt aus dem Fenster geworfen zu haben. Die Frau erhielt Haftbefehl.