Charité

Fälschen - und promovieren

Mit Bekanntwerden der Plagiatsaffäre von Karl-Theodor zu Guttenberg stehen Universitäten unter immer stärkerem Zugzwang. Werden Fälschungen aufgedeckt, leidet der Ruf der Hochschule. Das gilt auch für die Charité. Vor allem jetzt, da die Fusion mit dem Max-Delbrück-Centrum der Helmholtz-Gemeinschaft kurz bevorsteht. Die Charité, derzeit in mehrere Fälschungsskandale verwickelt, musste sich in der Vergangenheit öfter den Vorwurf gefallen lassen, solche Fälle eher schleppend zu prüfen.

Neben der Promotionskommission wurde inzwischen eine externe Expertenkommission eingerichtet. Vor drei Monaten nahm zudem eine "Geschäftsstelle für Gute Wissenschaftliche Praxis" ihre Arbeit auf. Ein Kontrollorgan, das unter anderem Entscheidungsträger und Betroffene beraten soll.

Erst vor wenigen Wochen fiel die Entscheidung bezüglich zweier Doktorarbeiten von Ärztinnen, die im Jahr 2006 an der Charité promovierten. Zahlreiche Ungereimtheiten waren im Nachhinein entdeckt worden. Rohdaten und publizierte Daten passten teils nicht zusammen. "Die Arbeiten erhielten nicht unerhebliche Mängel, die grundsätzlich den Entzug eines Doktorgrades rechtfertigen könnten", sagt Ulrich Dirnagl, Neurowissenschaftler und Promotionskommissionsmitglied an der Charité. Trotzdem empfahl die externe Kommission nicht die sofortige Titelaberkennung. Stattdessen wurde den Ärztinnen mitgeteilt, binnen zehn Monaten nachzubessern.

Kritik aus der Forschung

Eine Entscheidung, die Forscher überrascht. Wolfgang Löwer, ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingesetzter Ombudsmann für Wissenschaften, zum Beispiel. Die Doktorinnen sollten wohl "im Nachhinein die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Charité damals den Titel verlieh", sagte der Bonner Juraprofessor und Experte für Wissenschaftsrecht der "Süddeutschen Zeitung". Er kritisiert, dass das Uniklinikum sich um die Frage, ob der Titel zu Recht verliehen worden sei, nicht herumdrücken sollte.

Volker Bähr hingegen hält die Nachbesserungslösung für sinnvoll. Der Biochemiker leitet die neue Geschäftsstelle für Gute Wissenschaftliche Praxis an der Charité. Mit einer weiteren Kollegin koordiniert er die Arbeit von einem Büro am Campus Virchow aus. Auch hier berieten zuletzt Professoren, Ombudsmänner und Forscher, was in aktuellen Verdachtsfällen zu tun sei. Die Mehrheit befürwortete die nachträgliche Korrektur. Bähr sieht darin sogar den Anstoß, solche Prozesse zu etablieren. "In beiden Fällen konnte die externe Kommission keine betrügerischen Absichten feststellen", sagt Bähr. Vielmehr sei sie der Ansicht gewesen, dass sich Ungereimtheiten in den Dissertationen durch zusätzliches Nacharbeiten retten ließen. Wissenschaftliche Arbeiten, heißt es, würden heute ganz anders bewertet als noch vor einigen Jahren. Kürzlich tagten zum Thema "Wissenschaftlichem Fehlverhalten begegnen" internationale Wissenschaftler an der Charité. Unter anderem Mitglieder des deutschen Ethikrats und Forscher aus Harvard. Dass Plagiate immer öfter entdeckt werden, liege an der erhöhten Aufmerksamkeit von wissenschaftlichen Institutionen und Journalen, an verbesserter Prüf-Software aber auch am erhöhten Erfolgsdruck im Wissenschaftssystem, so der allgemeine Tenor. "Früher sind Doktorarbeiten in 80 Kopien an Bibliotheken versandt worden und dort im Dornröschenschlaf versunken", sagt Bähr. Heute würden Ergebnisse aus Dissertationen häufiger in der experimentellen Wissenschaft herangezogen, auf deren Grundlage würden weitere Erkenntnisse gewonnen. Während bei Sozial- und Geisteswissenschaften im Zeitalter des Internets das "Copy und Paste" immer öfter zu Fälschungsskandalen führe, komme das Abschreiben in der Medizin kaum vor. "Hier handelt es sich meist um experimentelle Arbeiten. Das größte Problem ist die Datenfabrikation oder -manipulation. Der Umgang mit Daten sei in vielen Laboratorien desaströs, kritisiert sein Kollege, Neurowissenschaftler Dirnagl. "Hier passieren Fehler und hier muss es die Möglichkeit geben, nachzubessern", fordert auch er. Denn falsche Ergebnisse würden zu falschen Studien und im schlimmsten Fall auch zu einer falschen Behandlung von Patienten führen.

Im Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten sei die USA gegenüber Deutschland mindestens zehn Jahre voraus, so Bähr. Vorbildlich handelten Institutionen wie Harvard oder das National Institut oft Health (NIH), sie würden ständige Mitarbeiter in Geschäftsstellen und Büros beschäftigen, die Kontrolle ausüben. "Pro Betrugsfall werden mindestens 500 000 Dollar Geldstrafe fällig."

Die Geschäftsstelle für Gute Wissenschaftliche Praxis will künftig alle Rohdaten zentral erfassen. In der Vergangenheit hatten Wissenschaftler öfter das Problem, dass Unterlagen nicht auffindbar waren.

Die Geschäftsstelle für Gute Wissenschaftliche Praxis an der Charité will nun angehenden Medizinern möglichst gleich zu Beginn ihrer Arbeit mitteilen, Dissertationsunterlagen zehn Jahre aufzubewahren. Für den neuen Modellstudiengang Medizin, der vor einigen Monaten an der Charité startete, wird zudem "Gute Wissenschaftliche Praxis" als Pflichtfach eingeführt. Im sechsten und zehnten Semester müssen angehende Ärzte hier Scheine machen, kündigt Bähr an.