Schöne Bescherung

Förderung und Geborgenheit im Sonnenhof

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Im Evangelischen Kinderheim Sonnenhof, das 1906 in Spandau eröffnet wurde, finden 61 Kinder ein neues Zuhause. Sie wurden vom Jugendamt aus ihren Familen geholt.

Schnell sind die Matten im Wellness-Raum ausgelegt und vier junge Yoga-Profis nehmen den Schneidersitz ein. Zuvor noch als Wirbelwind unterwegs bringt sie ihr Ritual mit Schenkelklopfen und Fingerschnipsen jeden Donnerstag zur Ruhe. Gerade sitzen, Augen zu, Hände offen ineinander gelegt - und schon ziehen während der Meditation zum Einstimmen mit grauen Wölkchen Sorgen und Ängste von dannen.

Die volle Konzentration auf die Atmung bringt so manchen Wunsch hervor. "Schlafen" wird ein Seufzer laut. Doch die Runde der 8- bis 11-Jährigen guckt streng, das ist jetzt noch nicht dran. Erst wenn drei lange "Ohms" verklungen sind, dürfen Wünsche geäußert werden: Ruhe, zweimal Massage, Schlaf. Bis es soweit ist, wird eine Stunde lang mit "Sonnengruß, Baum oder Krähe" Fitness und Selbstbewusstsein trainiert.

"Stärken der Kinder stärken" ist das Ziel der individuellen Förderung im Evangelischen Kinderheim Sonnenhof, das 1906 in Spandau eröffnet wurde. Heute können 61 Kinder dort vorübergehend oder für immer ein neues Zuhause finden. "Zur Zeit leben 45 Kinder im Alter von zwei bis 18 Jahren in familienähnlichen Gemeinschaften bei uns", sagt Geschäftsführer Joachim Bootz. Maximal sechs bilden mit einer Erzieherin eine Wohngruppe, lachen, streiten, spielen, essen zusammen, übernehmen Aufgaben im Haushalt und besuchen Kita oder Schule entsprechend ihrer Fähigkeiten. "Jedes Kind bringt sein eigenes Päckchen mit", sagt Gela Becker, Diplom-Psychologin und fachliche Leiterin. Päckchen gefüllt mit Beziehungs- und Bindungsproblemen, Lernschwierigkeiten, sozialer Orientierungslosigkeit bis zu selbst verletzenden und suizidalem Verhalten. Kinder, die lange übersehen, wenig wertgeschätzt oder gar misshandelt wurden, die meisten geprägt von einem Leben in Suchtfamilien und mit Eltern, die psychisch krank sind.

Etwa 30 Prozent der Kinder im Sonnenhof leiden an den schwerwiegendsten gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums ihrer Mütter während der Schwangerschaft - den Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD). "Sie können sich schwer konzentrieren und nur schlecht etwas merken. Ihre Schwierigkeiten werden meist auf das Milieu geschoben, in dem sie aufwachsen. Dabei ist ihr Hirn bereits im Mutterleib irreparabel beschädigt worden", erklärt Gela Becker. Auch das von Alexander*. Der Achtjährige wohnt seit vier Jahren im Sonnenhof. "Mit vier Jahren konnte er nicht sprechen, musste daheim unzählige gewalttätige Szenen miterleben. Die alkoholkranke Mutter brachte ihn nie zum Arzt oder in die Kita. Irgendwann fiel dies jemand auf", sagt die Psychologin Gela Becker. Noch heute sei er untergewichtig, kleinwüchsig und werde nie lesen und schreiben können. "Ein sehr freundliches und zugewandtes Kind. Aber das ist die Gefahr. Er geht mit jedem mit. Kinder mit FASD können die Konsequenzen ihres Handelns nicht begreifen und daher kaum daraus lernen", erklärt sie. Ein Gang allein zum Bäcker um die Ecke sei für Alexander nicht möglich.

FASD ist nicht heilbar, aber hundertprozentig vermeidbar. Einfache Regel: Kein Alkohol in der Schwangerschaft. Alkohol gelangt über die Nabelschnur in den Blutkreislauf und kann dort bereits in kleinsten Mengen Nervenzellen schädigen. Etwa 4000 Babys pro Jahr werden mit FASD geboren. Alexander stehe seine Erkrankung ins Gesicht geschrieben: veränderte Augenstellung, fehlende Rotzrinne, schmale Oberlippe. Anderen Kindern ist nichts anzusehen, aber im Verhalten anzumerken. Meist liegt dann eine Odyssee mit vielen Untersuchungen und Therapieversuchen vor ihnen, bis nach den unterschiedlichsten Diagnosen die Alkoholschädigung erkannt wird.

Folgen der Hirnschädigung

2007 öffnete im Sonnenhof eine Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder. FASD-Experten diagnostisierten und berieten Eltern zu Therapie, Förderung, Schule und Unterbringung, um individuell bestmögliche Lebensbedingungen zu schaffen. Seit 2010 wurde diese Aufgabe an der Charité als "Zentrum für Menschen mit angeborenen Alkoholschäden" fortgeführt. "Doch auch deren Arbeit ist in Gefahr. Da die Finanzierung nicht gesichert ist, ist Ende 2011 nach Stand jetzt Schluss", sagt Gela Becker. Dabei ist die frühe Diagnose wichtig für eine intensive Betreuung und angemessene Förderung. "80 Prozent der FASD-Betroffenen sind auch als Erwachsene nicht selbstständig lebensfähig", erklärt die Psychologin. Sie seien hochgradig gefährdet, später straffällig, obdachlos oder psychisch krank zu werden. Auch Alexander werde nie allein leben und maximal in einer Behindertenwerkstatt arbeiten können. "Sich dort einzufügen und durchzuhalten, ist für erwachsene Betroffene schwer", sagt Heimleiter Bootz. Aufgrund der Hirnschädigung seien alle gängigen Arbeitsfördermaßnahmen nicht anwendbar und immer eine Einzelförderung nötig.

Umso mehr gilt es frühzeitig bei jedem Kind eine besondere Fähigkeit zu fördern, die ihm auch im Erwachsenalter hilft, stark zu sein. Ein Junge, der sich sonst nichts merken könne, spielt "Pour Elise" ohne Noten und freut sich über seinen mit Spenden finanzierten Klavierunterricht. "Solche Stärken zu stärken, sind Bollwerke gegen Sucht und andere Gefahren beim Heranwachsen", so Gela Becker.

Seit zwei Jahren erleben drei Yoga-Gruppen, wie gut es tut, achtsam mit sich umzugehen. Für diese und andere Kurse braucht der Sonnenhof Spenden. "Was an Geborgenheit und Glück für jeden Einzelnen möglich ist, wollen wir fördern", sagt die Psychologin Gela Becker.

*Namen der Kinder geändert