Schönefeld

Check-in für den Großflughafen

Die Koffer sind schon da. 12 000 Stück sind zwischen Terminal, Check-in-Schaltern und Transportbändern verteilt, allesamt leer und in verheerendem Zustand. Doch abgewetzte Ecken, geplatzte Nähte und gerissene Riemen stören niemanden. Schließlich sind die Koffer nur Staffage in einem riesigen Test.

Auf dem Prüfstand steht der neue Flughafen Berlin Brandenburg (BER) in Schönefeld. In gut sechs Monaten wird der Airport eröffnet. In dieser Woche hat der Testbetrieb begonnen, zunächst an zwei Tagen pro Woche intern, ab Februar dann auch mit insgesamt 9000 freiwilligen Komparsen, die aus 15 000 Bewerbern ausgewählt wurden. Landen eingecheckte Koffer am richtigen Ort? Finden Passagiere den Weg zu ihrem Gate? Funktioniert die Vielzahl der technischen Systeme - jedes für sich allein bereits für gut befunden - auch im Zusammenspiel so, dass am 3. Juni der Flugbetrieb für zunächst jährlich etwa 27 Millionen Fluggäste starten kann?

Das alles muss der Testlauf zeigen. Und er muss zeigen, dass all das nicht nur problemlos funktioniert und für die Reisenden möglichst komfortabel ist, sondern vor allem sicher. Deshalb hat der TÜV Rheinland, die renommierte Prüforganisation, am Freitag einen eigenen Stützpunkt am Flughafen eröffnet. Acht Sachverständige sind in den kommenden Monaten fast ständig im Einsatz, um alle sicherheitsrelevanten Systeme auf Herz und Nieren zu prüfen - vom Aufzug über Sprinkleranlagen, Rauchmelder und Sicherheitsschleusen bis zu den beweglichen Brücken, über die künftig Fluggäste vom 720 Meter langen Hauptpier ins Flugzeug laufen.

5500 Arbeiter täglich im Einsatz

Mögliche Fehler finden, Gefahren erkennen und Probleme lösen. So lautet die Aufgabe der TÜV-Experten. Einer dieser Gefahrensucher ist Jens Schwarz. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. "Wir versuchen mit allen Mitteln die Anlagen zu provozieren, damit sie Fehler machen", sagt Schwarz. Im Klartext: Alles, was im normalen Betrieb schiefgehen kann - und noch ein bisschen mehr - müssen die Gerätschaften und Systeme schon jetzt aushalten. "Wenn es keinen Sachschaden gegeben hat und keine potenziellen Verletzten, erst dann war die Prüfung erfolgreich", sagt Schwarz. Sein Handwerkszeug neben allerlei technischen Geräten: Ein dicker Ordner, eine Checkliste mit Platz für unzählige Kreuzchen und Häkchen.

Die TÜV-Abnahme ist Voraussetzung, um dann anschließend die Freigabe des neuen Airports durch die staatlichen Behörden zu erhalten. Und damit auch Voraussetzung für eine pünktliche Eröffnung des BER. Am geplanten Starttermin, dem 3. Juni, will Manfred A. Körtgen, bei der Flughafengesellschaft Geschäftsführer für den Betrieb des BER, in keinem Fall rütteln. Das sei ein "unwiderruflicher Termin", sagt er. Deshalb wird nicht nur getestet und geprüft, sondern vor allem noch mit Hochdruck gebaut. 5500 Arbeiter, Architekten und Ingenieure sind derzeit täglich auf der Baustelle in Schönefeld, mehr als in jeder anderen der bisherigen Bauphasen. In der verglasten Haupthalle dröhnt statt Lautsprecherdurchsagen noch der Lärm von Schleifmaschinen und Hämmern. Ein Gerüst steht dort, wo in einem halben Jahr die Passagiere flanieren sollen. Noch ist der helle Steinboden verborgen unter staubigen Spanplatten, warten die mit Nussbaum-Furnier veredelten Check-In-Inseln in Plastik-Folie verpackt auf ihren Einsatz. Noch kann man die 150 Geschäfte, die auf 20 000 Quadratmetern hinter der Sicherheitsschleuse angesiedelt werden, nicht einmal erahnen. Noch ist der Schriftzug des Airportnamens "Willy Brandt" über dem Haupteingang ein Provisorium, um die Wirkung von Schrifttypen und Farben zu testen. Noch wird überall gesägt, verkabelt, verkleidet.

Neue Symbolfarbe Rot

Und doch ist mitten auf der scheinbar chaotischen Baustelle vieles schon fertig. Vier von später 30 Anlagen für die Personenkontrolle und Röntgenüberprüfung des Handgepäcks sind für den Testbetrieb schon funktionsbereit. Eine weitere Anlage wird derzeit im alten Flughafen Schönefeld im Echtbetrieb getestet. Auch die Wegweiser sind für die Probephase schon von den Schutzfolien befreit. Zahlen, Buchstaben, Piktogramme sind auf dunkelrotem Untergrund gedruckt, der neuen Symbolfarbe des Hauptstadtflughafens. Das bisherige Blau der Flughafengesellschaft hat bald ausgedient. Am Donnerstag fand der erste Durchlauf statt, mit 230 Abfertigern, Sicherheitsleuten, Flughafen- und Airline-Mitarbeitern und Beamten der Bundespolizei. "Echte" Flüge wurden simuliert und virtuelle Fluggäste und reale Probekoffer von A nach B geschickt. Dass die Gepäckstücke in derart marodem Zustand sind, ist dabei durchaus gewollt. Auch im echten Flughafenleben verhaken sich schließlich kaputte Koffer auf den Laufbändern und sollen trotzdem am richtigen Ort ankommen. Bilanz der Premiere: "Die erste Session war erfolgreich", sagt Geschäftsführer Körtgen. "Ein weiterer Endspurt hat damit für uns begonnen."

Zumindest ein möglicherweise langer und schneereicher Winter soll das rund drei Milliarden Euro teure Gesamtprojekt BER nicht mehr gefährden. Deshalb sind jede Menge bunte Linien und Symbole bereits gepinselt. Die Markierungsarbeiten auf dem Beton des zwei Millionen Quadratmeter großen Vorfeldes sind bereits abgeschlossen, auch wenn auf der riesigen Fläche statt Jumbojets bislang nur ein Chemieklo steht.

Und Flughafen-Geschäftsführer Körtgen ist beim Blick über die Betonwüste schon einen Schritt weiter. Er zeigt hinüber auf die andere Seite. "Wenn dort bedarfsgerecht weitergebaut wird, dann können wir 45 Millionen Passagiere pro Jahr erreichen."

"Wenn es keine Sachschäden und potenziellen Verletzten gab, war ein Test erfolgreich"

Jens Schwarz, TÜV-Prüfer