Umfrage

Gute Noten für Berlins Gesundheitswesen

Allen Klagen zum Trotz: Die Berliner stellen der medizinischen Versorgung in ihrer Stadt generell ein positives Zeugnis aus. 81 Prozent der über 16-Jährigen halten das Gesundheitssystem und die Gesundheitsversorgung für gut oder sogar sehr gut. Damit befindet sich Berlin in guter Gesellschaft mit anderen Ballungsräumen in Deutschland, die in der Regel über eine gute Ärztedichte verfügen.

Befragt nach ihren persönlichen Erfahrungen im Krankheitsfall, beurteilen die Berliner ihre Situation ebenfalls als relativ gut. Selbst der Ärztemangel kommt bei den Patienten nicht in vollem Maße an. Das ist das Ergebnis des Gesundheitsreports des Allensbach Instituts im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP, der am Mittwoch vorgestellt wurde. So gaben lediglich 18 Prozent der Befragten an, in den vergangenen zwei bis drei Jahren schlechtere Erfahrungen mit der ärztlichen Versorgung gemacht zu haben als in der Zeit davor. Zwölf Prozent der 104 befragten Personen gab an, in letzter Zeit bereits mal länger auf einen Arzttermin gewartet zu haben. 19 Prozent beklagten Wartezeiten in der Praxis trotz eines Termins. In Thüringen äußerten sich immerhin 35 beziehungsweise 36 Prozent der Befragten derart kritisch. Grundsätzlich berichten Privatpatienten weiterhin von einer besseren und schnelleren Versorgung als Kassenversicherte.

Im bundesweiten Vergleich machen sich die Berliner nur geringe Sorgen um die zukünftige Versorgung vor Ort. Lediglich neun Prozent der Hauptstädter erwarten in den nächsten Jahren einen Ärztemangel. Sechs Prozent der Befragten beklagen schon heute eine Unterversorgung mit medizinischen Fachkräften. "Wir haben eine gute Versorgung in Berlin", bestätigt Sascha Rudat, Sprecher der Ärztekammer Berlin. Trotz einer Ausdünnung der Versorgung in einzelnen Bezirken sei die Erreichbarkeit von Fachärzten durch die gute Infrastruktur in Berlin gegeben.

Auch Uwe Kraffel, zweiter Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Berlin, ist nicht überrascht von den positiven Ergebnissen des Gesundheitsreports: "In der Großstadt, wo es viele Ärzte gibt und der Zugang zum Arzt einfach ist, ist die Zufriedenheit unter den Patienten verständlicherweise relativ groß", so der praktizierende Augenarzt. "Nehmen Sie jemanden, der über Herzprobleme klagt: Schnell ist der bei einem ausgewiesenen Herzspezialisten. Auf dem Land müsste er meistens mindestens in die nächste Kreisstadt fahren."

Gestützt werden die Ergebnisse des Gesundheitsreports durch eine Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Vereinigung aus dem vergangenen Jahr. Damals hatten 50 Prozent der Befragten keine nennenswerten Wartezeiten bei Arztterminen angegeben. 14 Prozent hatten für zumeist nicht akute Untersuchungen schon mal bis zu drei Wochen gewartet. Den Ärztemangel sieht Kraffel dem Gesundheitsreport zum Trotz dennoch als alarmierendes Problem für Berlin. Beklagt wird seit Jahren eine Ungleichverteilung speziell der Fachärzte in Berlin. In acht der zwölf Bezirke, so hatte die KV zuletzt im Sommer 2011 erklärt, herrscht zunehmend Mangel in manchen medizinischen Fachbereichen. Vor allem in ärmeren Bezirken wie Neukölln oder Marzahn-Hellersdorf kommt es deshalb nach Auskunft der KV zu Engpässen in der Versorgung.

Einer, der das zu spüren bekommt, ist der Radiologe Jochen Treisch. Seit 20 Jahren betreibt er seine Praxis in der Gropiusstadt in Neukölln. Als er anfing, so erinnert sich Treisch, gab es in der Umgebung sieben radiologische Praxen mit rund 14 Ärzten. Heute sind er und seine beiden Praxispartnerinnen die letzten niedergelassenen Röntgenärzte in Neukölln.

Im Schnitt arbeitet Treisch 50 Stunden pro Woche. "Wir versuchen alles, um alle Termine möglich zu machen, aber es gibt immer wieder Engpässe", sagt er. Vier Wochen Wartezeit für nicht akut notwendige Termine zum Beispiel für Kernspin- oder Computertomografie seien da nicht zu vermeiden. Die Praxis im Süden Berlins führt in ihrer Kartei auch etliche Patienten aus dem angrenzenden Land Brandenburg, die das bessere Angebot in Berlin nutzen. "Viele sind ja auch rausgezogen, arbeiten aber in Berlin und gehen hier zum Arzt", so Treisch. Unmut über längere Wartezeiten äußern Patienten in seiner Praxis deshalb schon gelegentlich. "Da ist manchmal auch Deeskalation durch uns gefragt", so der Arzt.

Auch für Peter Karsten in Wilmersdorf sind verärgerte Patienten keine unbekannte Größe. Der Allgemeinmediziner in dem ärztlich insgesamt gut ausgestatteten Bezirk kann zwar selbst Termine kurzfristig gewährleisten. Facharzttermine seiner Patienten dagegen seien insbesondere bei Kassenpatienten oft nicht ohne Wartefristen zu bekommen. "Das sind bei Kassenpatienten dann schon mal ein paar Wochen, es sei denn, der Hausarzt interveniert", so Karsten.

Die regionale Ausdünnung mit Ärzten auch in Berlin, das gibt auch Ärztekammersprecher Sascha Rudat zu, "müssen wir beobachten und gegebenenfalls gegensteuern". Das allerdings sei das Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung. Der Ball liege im Feld der Politik, formuliert es dagegen Vizevorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, Uwe Kraffel, der als eine Ursache den wachsenden Behandlungsbedarf durch die wachsende Bevölkerung Berlins, aber auch durch das steigende Lebensalter der Menschen ausmacht. Letzteres macht auch den Berlinern Sorge: 69 Prozent der von Allensbach befragten Berliner fürchten, dass die Versorgung Pflegebedürftiger in Zukunft schwieriger wird. 74 Prozent sorgen sich um einen eigenen Platz im Pflegeheim, sollten sie in diese Situation kommen.

Die Bevölkerung Berlins ist um zehn Prozent gewachsen, die Zahl der Ärzte aber gleich geblieben

Uwe Kraffel, Vizevorsitzender der KV Berlin