S-Bahn

Tritte auf das am Boden liegende Opfer

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Hans Nibbrig und Steffen Pletl

Die Serie brutaler Übergriffe auf Fahrgäste auf Berlins Bahnhöfen reißt nicht ab. Am Sonnabend ist ein 22-jähriger Mann von zwei bislang unbekannten Tätern zusammengeschlagen worden. Er erlitt mehrere Knochenbrüche im Gesicht und wurde in ein Krankenhaus gebracht.

Schauplatz des gewalttätigen Geschehens war der S-Bahnhof Schöneweide. Dort hatten am Sonnabendmorgen zwei bislang unbekannte Täter vermutlich osteuropäischer Herkunft den 22-Jährigen attackiert. Zeugen berichteten der Polizei später, die völlig enthemmt wirkenden Angreifer hätten auch noch auf ihr Opfer eingetreten, als dieses bereits am Boden lag. Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler sind Täter und Opfer unmittelbar vor dem Übergriff in einen Streit geraten. Noch ist nach Angaben einer Polizeisprecherin unklar, worum es bei dem Streit ging. Fest steht, dass die zunächst verbale Auseinandersetzung plötzlich eskalierte und zu der brutalen Attacke auf den 22-Jährigen führte.

Das Opfer, das von Rettungskräften der Feuerwehr in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, konnte aufgrund seiner massiven Verletzungen bislang noch nicht zum Tatgeschehen befragt werden. Von der Aussage des 22-Jährigen erhoffen sich die Ermittler Hinweise auf die Identität der Angreifer. Die Befragung der wenigen Zeugen war, wie es am Sonnabend aus Ermittlerkreisen hieß, zunächst wenig ergiebig. Ob es verwertbare Bilder aus einer Überwachungskamera gibt, ist noch unklar.

Nur wenig später gab es einen weiteren Übergriff. Gegen 9.30 Uhr wurde in einem Wagen der U-Bahn-Linie 7 zwischen den Bahnhöfen Kleistpark und Eisenacher Straße eine 18-Jährige angegriffen. Nach Angaben der Polizei hatte sich plötzlich ein Mann neben die junge Frau gesetzt und ihr mit Gewalt den Mund zugehalten, sodass sie nicht um Hilfe rufen konnte. Ein Komplize schnappte sich das Handy der wehrlosen Frau. Anschließend schlugen die Männer der jungen Frau ins Gesicht und flüchteten im U-Bahnhof Eisenacher Straße aus dem Zug. Die junge Frau wurde durch den Schlag im Gesicht verletzt und erlitt einen Schock.

Kaum abschreckende Wirkung

Erst am Freitag war unter großer Anteilnahme vieler Berliner das Opfer eines U-Bahn-Überfalls auf dem Waldfriedhof in Dahlem beigesetzt worden. Giuseppe M., ein 23 Jahre alter Mann, war am 17. September nach einer Auseinandersetzung auf dem U-Bahnhof Kaiserdamm vor den Tätern geflüchtet. Panisch war er aus dem Bahnhof auf den Kaiserdamm gerannt und dort von einem Auto erfasst und getötet worden. Seither legen an dieser Stelle Freunde und Bekannte im Gedenken an das Opfer Blumen nieder und stellen Kerzen auf.

Für besonderes Aufsehen sorgte in diesem Jahr auch eine Tat auf dem Bahnhof Lichtenberg. Im Februar hatten dort vier Jugendliche ihr Opfer mit äußerster Brutalität ins Koma geprügelt. Der 30-Jährige lag mehrere Wochen im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn und ist heute noch wegen der Spätfolgen in Behandlung.

In einem anderen Fall ist bereits das Urteil gesprochen. Gegen den Reinickendorfer Schüler Torben P. (18) verhängte eine Jugendstrafkammer eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten. Torben P. hatte in der Nacht zu Karsonnabend im U-Bahnhof Friedrichstraße auf einen Fahrgast eingeschlagen und den auf dem Boden liegenden Mann mit vier Fußtritten gegen den Kopf schwer verletzt. Veröffentlichte Videoaufnahmen aus der Überwachungskamera hatte die ganze Brutalität der Attacke deutlich gemacht. Der Täter stellte sich einen Tag später der Polizei.

Die Vielzahl solcher Vorfälle in Berlin lässt bei Ermittlern und Kriminologen Zweifel aufkommen, ob von harten Urteilen gegen Gewalttäter wie Torben P. tatsächlich die erhoffte abschreckende Wirkung ausgeht. "Wir erleben es in vielen Fällen, dass die Täter zum Zeitpunkt der Übergriffe betrunken waren. Ob sie in diesem Zustand überhaupt an die drohenden Konsequenzen ihrer Taten denken, kann man getrost bezweifeln", sagte am Sonnabend ein mit Jugendgruppengewalt befasster Polizeibeamter.

Die Täter, vor denen Giuseppe M. in den Tod floh, waren ebenso angetrunken wie Torben P. Ob auch die Täter von Schöneweide betrunken waren, ist noch unklar.