Pflegeheime

Viel Bürokratie, wenig Hilfe

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Antje Hildebrandt

Die Frage steht wie ein Fremdkörper im Raum. "Haben Sie sich schon einmal beschwert?" Herr M. runzelt die Stirn. Er wirkt klein und verloren, wie er da in seinem Rollstuhl sitzt, die Last von 90 Lebensjahren auf seinen schmalen Schultern.

Veronika Meier hat auf seinem Bett Platz genommen und sich als Prüferin des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) vorgestellt. Sie hat ihn freundlich gefragt, ob er ihr einige Fragen zum Alltag in seinem Pflegeheim beantworten könne. Herr M. hat seinen Rollstuhl vis-à-vis seines Bettes postiert. Er sagt, er bekomme sonst nie Besuch, und hüstelt verlegen.

Der MDK, erläutert ihm Veronika Meier, sei so etwas wie der Pflege-TÜV. Wie alle anderen Pflegeeinrichtungen in Berlin und Brandenburg werde auch das Seniorendomizil "An der Panke" in Wedding benotet. Sie reden über das Essen, die Körperpflege und darüber, warum Herr M. mit 90 Jahren keine Lust mehr hat, sich baden zu lassen. Doch, versichert Herr M., die Pfleger seien alle nett. Grund für Beschwerden? Er schaut Veronika Meier an und fragt: "Was soll man da sagen?"

Stöhnen über "Papierkram"

Es ist der zweite Prüftag im Seniorenheim "An der Panke". Am Tag zuvor stand Veronika Meier mit einer Kollegin unangemeldet in der Lobby. "Guten Tag, mein Name ist Meier vom MDK. Wir kommen zur Qualitätsprüfung." Corinna Herrmann, stellvertretende Pflegedienstleiterin und Qualitätsbeauftragte, ahnte da schon, was das bedeutet: Viel Papierkram, noch mehr Arbeit - und noch weniger Zeit für die Bewohner. Seit 2008 werden alle Pflegeeinrichtungen in Deutschland durch den MDK überprüft, seit 2009 müssen die "Pflegenoten" im Internet veröffentlicht werden - so will es das Gesetz. Verbraucher sollen es leichter haben, die richtige Einrichtung zu finden. Eine gute Idee. Theoretisch. Am Ende gibt ein 60-seitiger Prüfbericht eine Antwort auf die Frage, ob die Einrichtung hält, was sie den Pflegekassen zugesichert hat. Über den realen Alltag und das konkrete Befinden der Bewohner sagt er weniger aus. Inzwischen räumen selbst die Kassen ein, dass es Verbesserungsbedarf gibt.

Nie war die Auswahl an Pflegeeinrichtungen so groß wie heute. Allein in Berlin und Brandenburg gibt es 2178 ambulante, stationäre und teilstationäre Möglichkeiten, pflegebedürftige Menschen zu betreuen. Maren Eggert*, Enkelin von Frau G., wurde das bewusst, als sie im Frühjahr einen Heimplatz für ihre demenzkranke Großmutter suchte. 30 Heime besichtigte sie, bevor sie sich für das Seniorendomizil "An der Panke" entschied, einen schlichten Zweckbau in einer ruhigen Straße in Wedding, 90 Plätze auf sechs Etagen. Die Noten hätten jedoch bei ihrer Entscheidung keine Rolle gespielt. Maren Eggert sagt, sie habe auch Einser-Heime besichtigt, die sie erschaudern ließen, trotz getäfelter Wände oder Designerbäder. "Da hat mir mein Instinkt gesagt: Oma wird weggeschlossen."

Das Bauchgefühl als Gradmesser hat sich bewährt, bisher jedenfalls. Frau G. sagt, ihr Zimmer könnte größer sein, aber sonst gefalle es ihr gut. Sie versteht sich gut mit den anderen Bewohnern, trifft sie beim Kochen und in der Frühstücksgruppe. Das Haus hat ein Café, das auch von Anwohnern der Nachbarhäuser genutzt wird, Kinder gehen ein und aus, um sich von "Oma Inge" und anderen Bewohnern vorlesen zu lassen oder um mit Balu zu spielen, dem Therapiehund. Frau G. wollte nie in ein Heim, auch dieses Haus hat sie abgelehnt. Doch jetzt sitzt sie in ihrem Ohrensessel und lächelt zufrieden. All dies erfährt man, wenn man Maren Eggert und ihre Oma persönlich befragt. Im Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen wird es so nicht stehen. Um ein lückenloses Bild zu bekommen, müsste sich jeder der 38 MDK-Prüfer wochenlang in einer Einrichtung einquartieren. In der Regel bleiben sie nur einige Tage. Die Prüfer haben als gelernte Pflegefachkräfte zwar einen Blick fürs Wesentliche, doch ihre subjektiven Eindrücke fließen nur am Rande mit ein.

An der Panke werden die Prüferinnen freundlich empfangen. Anfangs gab es Vorbehalte, einige Heime klagten gegen die Veröffentlichung der Prüfergebnisse. Inzwischen, sagt Prüferin Veronika Meier, reagierten zwar manche Heimleiter immer noch perplex. "Aber wer das Prozedere kennt, nimmt es locker."

Auf dem Schreibtisch der Leiterin des Hauses "An der Panke", Clarissa Meier, liegt ein Bergkristall, so groß wie ein Fußball. Sie sagt: "Der gibt positive Energie." Die braucht sie jetzt dringend. Phase eins des Prüfgesprächs beginnt mit Formalitäten. Die Qualitätsrichtlinien - 251 Seiten - kennt die Heimleiterin inzwischen fast auswendig. Ob Pflege, Fortbildung oder Raumgestaltung: Jedes Heim muss dokumentieren, dass es den gesetzlichen Anforderungen entspricht. Pflege bedeutet heutzutage auch Dokumentation, jeder Handgriff wird aufwendig in Patientenberichten vermerkt. Entsprechend dauert die Recherche für die Prüfung. Es ist eine kafkaeske Situation. Stundenlang quälen sich die Mitarbeiter durch einen Wust von Vorschriften. Doch die vielleicht wichtigste Frage wird später nur am Rande erörtert: Wie geht es Herrn M., dem Mann im Rollstuhl, den die Prüferinnen morgens getroffen haben?

Ergebnisse werden anonymisiert

Zwar gehört eine Umfrage unter zufällig ausgewählten Bewohnern dazu, die Prüfer kontrollieren ihren Hautzustand und studieren den Pflegebericht. Doch diese Ergebnisse werden nur anonymisiert unter der Überschrift "Befragung" erfasst. Dass es Herr M. mit seinem Mitbewohner nicht einfach hat, der erheblich jünger ist als er und raucht, fließt nicht in die Gesamtnote mit ein. Zweibettzimmer ist eben Zweibettzimmer.

Die Bundesinteressenvertretung der Nutzer von Wohn- und Betreuungseinrichtungen im Alter und bei Behinderung (BIVA) stellt genau diese Frage in den Fokus ihrer Umfragen unter Heimbewohnern. Lässt ihnen die Pflege ihre Würde? Bewahren sie sich die nötige Autonomie? Nehmen sie am gesellschaftlichen Leben teil? Das sind wissenschaftlich geprüfte Kriterien, nach denen ehrenamtliche und unabhängige Gutachter Heime bewerten. Wer den Verbrauchertest besteht, bekommt den "Grünen Haken". Bundesweit können sich inzwischen 960 Heime mit diesem Gütesiegel schmücken, einige Dutzend in Berlin.

Dagegen sagen die Pflegenoten nur bedingt etwas über das Befinden der 2,4 Millionen Menschen aus, die deutschlandweit stationär in Pflege sind. Die Noten geben Auskunft über medizinische und soziale Betreuung, Verpflegung und Hygiene. Die Gesamtnote errechnet eine Software. Danach erreichten deutschlandweit 70 Prozent aller stationären Einrichtungen die Noten "gut" oder "sehr gut". Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 1,9, in Berlin sogar bei 1,6. Kann das sein?

Der wichtigste Kritikpunkt: Da alle Bereiche gleich gewichtet werden, könnten gravierende Defizite in der Pflege mit weniger wichtigen Kriterien kompensiert werden. Thomas Klie, Professor für angewandte Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg, bemängelt zudem, die Prüfkriterien seien "in keiner Weise wissenschaftlich fundiert". Der Gerontologe und Jurist gilt als Kenner des deutschen Pflegesystems. Er hat ein Moratorium zur Abschaffung der Pflegenoten angestoßen und spricht von einer "bewussten Irreführung" der Verbraucher: "Die Noten sagen nur etwas darüber, was die Einrichtung theoretisch könnte, die Praxis sieht oft anders aus." 4000 Unterstützer hat Klie mittlerweile gefunden.

Auch die Politik rückt mittlerweile von dem Konzept ab. Philipp Rösler (FDP), Ex-Bundesgesundheitsminister, distanzierte sich von den Noten und stellte eine Reform der Pflegeversicherung in Aussicht. Sein Nachfolger Daniel Bahr (FDP) kündigte sie jetzt für nächstes Jahr an.

An Herrn M. läuft die politische Kontroverse vorbei. Auch dass die MDK-Prüferin einen Blick in den Medikamentenschrank wirft und die kaputten Bremsen an seinem Rollstuhl reklamiert, bekommt er nicht mit. Er sitzt noch immer da und wundert sich über die Fragen, die ihm Veronika Meier stellt. "Spreche ich zu laut, Herr M.?" "Geht schon." Nein, wiederholt er, er habe noch nie Besuch bekommen. Und ja, wenn er wolle, rollten ihn die Pfleger ins Freie. Man kann nur raten, ob ihn das stört oder freut.

Als ehemalige Krankenschwester trifft die MDK-Prüferin genau den richtigen Ton, aber spricht sie auch seine Sprache? In seiner Patientenakte hat sie gelesen, dass er früher bei der Post gearbeitet hat und an einem demenziellen Syndrom leide. Es gibt einen Hinweis darauf, dass er versucht hat, sich das Leben zu nehmen, bevor er in dieses Heim kam. Für sein Unbehagen lässt der Fragebogen jedoch keinen Platz. Er atmet auf, als ihm Veronika Meier beide Hände drückt. Es ist ein gutes Zeichen: Herr M. versteht, worum es geht. Davon kann die MDK-Prüferin nicht in jedem Fall ausgehen. "Besuchen Sie mich bald wieder", hat ihr eine demenzkranke Mitbewohnerin zum Abschied gesagt.

*Name von der Redaktion geändert