Unfälle

Radfahrer leben gefährlich - besonders in Mitte

Ruhig, aber eindringlich versucht Pfarrer Jörg Gemkow von der Nikodemus-Gemeinde an der Nansenstraße, in Neukölln zwei Radfahrern zu erklären, warum sie nicht auf dem Gehweg fahren sollen.

"Es gab direkt vor unserer Kirche mehrere Unfälle mit Radfahrern", sagt Gemkow. "Bitte benutzen Sie in Zukunft doch die Straße", sagt er. Der Mann und die Frau wissen natürlich, dass sie auf der Straße fahren müssen. "Aber auf diesem Kopfsteinpflaster fährt es sich einfach schlecht", sagt die Frau. Gemkow lässt die Ausrede nicht gelten. Es sei einfach zu gefährlich. Die Frau zeigt sich einsichtig und will sich in Zukunft an den Rat des Pfarrers halten. Gemkow ist zufrieden. Von seiner Aktion "Sicherer Bürgersteig", die er bereits zum zweiten Mal durchführt, ist er überzeugt. "Ich kann in meiner Predigt nicht immer von mehr Rücksichtnahme sprechen und allgemein an das Verständnis der Menschen appellieren. Ich muss auch etwas dafür tun", sagt er. Dass es eigentlich mehr solcher Aktionen geben müsste, zeigt die steigende Zahl von Radfahrern, die bei Unfällen verletzt oder getötet werden.

Nach Angaben des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg ist allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres die Zahl der Verkehrsunfälle mit Radfahrern, bei denen Menschen verletzt wurden, gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent gestiegen. Wurden zwischen Januar und Juli des vergangenen Jahres 2609 Unfälle registriert, verzeichnen die Statistiker für 2011 bereits 2819 Unfälle. Insbesondere stieg die Zahl der Schwerverletzten; insgesamt liegt das Plus bei 14 Prozent (270 in 2010 gegenüber 309 in 2011). Bei den Leichtverletzten fällt die Steigerung mit rund sechs Prozent etwas geringer aus. Wurden in 2011 bereits 2424 Fahrradfahrer leicht verletzt, waren es im Vergleichszeitraum 2010 nur 2274. Besonders bedrückend ist die Zahl der Toten: Zwischen Januar und Juli starben vier Radfahrer (2010 waren es drei). Aktuell haben in diesem Jahr sogar schon sieben Radfahrer durch Verkehrsunfälle ihr Leben verloren - im gesamten vergangenen Jahr waren es nur sechs.

"Radfahrer werden einfach nicht richtig wahrgenommen", sagt Frank Berger, der am Sonnabend auf der Schönhauser Allee mit seinem Rad unterwegs ist. "Gefährlich sind sowohl Autofahrer als auch Fußgänger, die achtlos auf den Radweg gehen." "Wenn ich nicht so höllisch aufpassen würde, läge ich fast zweimal in der Woche unter einem Auto", sagt Radlerin Sandra Junglen in Prenzlauer Berg. "Am schlimmsten ist es in Prenzlauer Berg und auf der Seestraße."

Laut den Zahlen des Statistikamtes ist Mitte der gefährlichste Bezirk für Radfahrer. 553 Mal kam es dort in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres zu Unfällen, dabei wurden 53 Menschen schwer und 477 leicht verletzt. Laut Polizei bergen die Friedrichstraße in Mitte und die Müllerstraße in Wedding ein besonderes Risiko. Jeweils sieben Radfahrer verunglückten dort im vergangenen halben Jahr. Aber auch die Kreuzungen Torstraße, Alte Schönhauser Allee sowie Müllerstraße Ecke Seestraße sind mit fünf Unfällen pro Kreuzung für Radfahrer gefährlich.

Auf dem zweiten und dritten Platz der gefährlichsten Bezirke folgen wie 2010 auch Friedrichshain-Kreuzberg (375 Unfälle, plus neun Prozent) und Pankow (339 Unfälle, plus fünf Prozent). Auf den hinteren Plätzen rangieren verkehrsschwächere Bezirke wie Marzahn-Hellersdorf und Reinickendorf. In diesen Bezirken sinken die Unfallzahlen. In Marzahn-Hellersdorf gab es in diesem Jahr 23 Prozent weniger Unfälle, die Anzahl der Schwerverletzten sank sogar um über 30 Prozent. In Reinickendorf gingen die Unfälle um knapp 12 Prozent zurück. Besorgniserregend ist allerdings die Entwicklung in Treptow-Köpenick. Dort hat sich die Zahl der Schwerverletzten sogar verdoppelt. Wurden im vergangenen Jahr gerade einmal 16 Menschen schwer verletzt, waren es in diesem Jahr bereits 33. Auch in Steglitz-Zehlendorf sind in diesem Jahr 75 Prozent mehr Personen schwer verletzt worden als im vergangenen Jahr.

Unterm Strich sind die Zahlen auch die logische Konsequenz des gestiegenen Fahrradverkehrs in der Stadt. Denn seit 2001 hat sich die Anzahl der Radfahrer um 31 Prozent erhöht. Aber auch als Unfallverursacher spielen sie eine weit größere Rolle, als viele der Radler wahrhaben möchten. Die häufigsten Verkehrsverstöße sind das falsche oder verbotene Benutzen von Straßen sowie Rad- und Gehwegen und das Missachten roter Ampeln. Laut einer Statistik der Polizei waren Fahrradfahrer im vergangenen Jahr an fast jedem zweiten Verkehrsunfall mit Radfahrerbeteiligung Haupt- oder Mitverursacher. An zweiter Stelle sind die Autofahrer (40 Prozent). Es folgen mit weitem Abstand Lkw-Fahrer (vier Prozent) und Fußgänger mit drei Prozent. Busfahrer verhalten sich geradezu vorbildlich, obwohl sie jeden Tag unterwegs sind. Sie verursachten gerade einmal 0,55 Prozent aller Unfälle mit Radfahrern.

Für den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Berlin (ADFC) ist Berlin aber nach wie vor eine sichere Stadt für Radfahrer. "Allerdings ist natürlich jede Steigerung der Unfallzahlen ein Alarmsignal", sagt Bernd Zanke, Mitglied des ADFC-Landesvorstandes. Vor allem die steigende Zahl von tödlich verunglückten Radfahrern sei beunruhigend, so Zanke. Er appelliert deshalb an den neuen Senat, dass dieser weiterhin Fahrradstreifen auf den Fahrbahnen ausweist. "Sie erhöhen die Sicherheit für alle", sagt er. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sollen die Radwege der Stadt weiter ausgebaut und Lücken geschlossen werden. "Wir werden auch im kommenden Jahr das Ziel verfolgen, Radfahren in der Stadt sicher und komfortabel zu gestalten", sagte der Sprecher der Senatsverwaltung, Mathias Gille.

Laut ADFC liege die Verantwortung letztendlich aber immer noch bei den Verkehrsteilnehmern selbst. "Im gesamten System ist der Mensch die Schwachstelle", sagt Zanke. Sowohl Autofahrer als auch Radfahrer müssten sich an die Verkehrsregeln halten und rücksichtsvoll fahren. Dass dies aber besonders bei Fahrradfahrern nicht immer der Fall ist, zeigte jetzt eine Verkehrskontrolle an der Pannierstraße in Neukölln. Innerhalb weniger Stunden stellten die Beamten bei 60 Kontrollen 26 Bußgeldbescheide für Radfahrer aus, die rote Ampeln missachtet hatten.

"Die größte Gefahr sind entgegenkommende Radfahrer. Ein Problem, das ich nur aus Berlin kenne"

Christian Drosten, Wahlberliner aus Mitte und Radfahrer