Gewalt

Totes Baby: Jugendamt kennt Mutter seit Langem

Nach der Tötung eines Neugeborenen in Charlottenburg durch seine Mutter beschäftigt sich nun auch das Bezirksamt mit dem Fall. Die Jugendstadträtin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Elfi Jantzen (Grüne) kündigte an, zu untersuchen, ob es Versäumnisse gegeben hat. "Wir werden prüfen, ob alle beteiligten Stellen ihren Pflichten nachgekommen sind", sagte Jantzen, die erst vor drei Wochen das Amt der Stadträtin übernommen hat.

Insbesondere solle geprüft werden, ob der Austausch der relevanten Informationen mit dem Jugendamt reibungslos funktioniert habe. Derzeit gebe es aber keine Anzeichen dafür, dass es Versäumnisse gegeben habe, sagte Jantzen.

Hintergrund ist, dass die Familie bereits seit dem Jahr 2007 dem Jugendamt bekannt war und es mehrere Hinweise gegeben hatte, die möglicherweise ein Einschreiten der Mitarbeiter erfordert hätten. Wie berichtet, hatte die 40-Jährige gestanden, am vergangenen Sonntagmorgen ihr Neugeborenes kurz nach der Entbindung aus dem fünften Stock ihrer Wohnung am Spandauer Damm geworfen zu haben. Das genaue Motiv ist unklar. Ermittler vermuten, dass die Frau das Kind nicht gewollt und keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatte. In der Vernehmung habe sie betont, dass ihr Lebensgefährte Carl T. und ihre 15-jährige Tochter, die mit ihr am Spandauer Damm wohnten, nichts mit der Tat zu tun hätten. Am Montag erließ ein Richter Haftbefehl wegen Totschlags gegen die 40-Jährige. Sie sitzt nun in Untersuchungshaft.

Die Vergangenheit von Ines D. zeigt, dass die Familie schon seit längerem mit Problemen zu kämpfen hatte. Nach Informationen der Berliner Morgenpost kannte das Jugendamt die Familie seit rund vier Jahren. Ines D. hat bereits drei leibliche Kinder, von denen zuletzt allerdings nur noch eine 15-jährige Tochter bei ihr und ihrem Lebensgefährten Carl T. lebte. Vor zwei Jahren hatte Ines D. bereits ein Kind entbunden und es anschließend zur Adoption freigegeben. Darüber hinaus gibt es noch eine 17-jährige Tochter. Nach Problemen in der Familie zog sie Anfang 2010 auf eigenen Wunsch aus der Wohnung aus. Seitdem ist die Jugendliche in einer Jugendeinrichtung untergebracht. Das Jugendamt soll die Familie dabei unterstützt haben. Im vergangenen März wurde Ines D. wieder von Mitarbeitern des Jugendamtes in ihrer Wohnung besucht. Dieses Mal hatte die heute 15-jährige Tochter die Schule geschwänzt. Da Ines D. zu diesem Zeitpunkt erst seit Kurzem schwanger war, könnten die Mitarbeiter nichts davon mitbekommen haben. Zumal Ines D. selbst im Laufe der vergangenen Monate verschwiegen hatte, dass sie ein Kind erwartete. So habe sie Nachbarn stets den Rücken zugedreht, um ihren Bauch zu verstecken, erzählen diese. Im vergangenen September wurde Ines D. dann zum Jugendamt bestellt, um über die Verlängerung der Unterbringung ihrer Tochter zu sprechen. Auch da ist offenbar niemandem aufgefallen, dass sie schwanger war.

Über die kriminelle Vergangenheit von Carl T. wusste das Jugendamt laut Stadträtin Jantzen nicht Bescheid. Der 44-Jährige wurde bereits im Jahr 2004 wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt. Er hatte seine Freundin so heftig verprügelt, dass sie an den Folgen der Verletzungen gestorben war. Im Jahr 2008 wurde er auf Bewährung entlassen. Nur ein Jahr später wurde er gegenüber Ines D. gewalttätig und schlug sie mit der flachen Hand ins Gesicht. Dabei soll er die heute 15-Jährige Tochter zurückgestoßen haben, sodass das Mädchen gegen einen Tisch prallte und sich am Unterschenkel verletzte. Ein Gericht verurteilte ihn dafür im Jahr 2010 zu einer Geldstrafe.

Nach derzeitigen Ermittlungen deutet alles darauf hin, dass Ines D. alleine gehandelt hat. In der Nacht zu Sonntag hatte sie das Kind in der Badewanne zur Welt gebracht und anschließend aus dem Fenster geworfen. Ermittler berichten, dass die Frau in den Vernehmungen eher kühl gewirkt habe. Ihre Tochter wird nicht mehr in die gemeinsame Wohnung am Spandauer Damm zurückkehren. Die 15-Jährige wohnt jetzt in einer Jugendeinrichtung.