Interview mit Sawsan Chebli

"Mein Deutschsein hat Kratzer erfahren"

Als sie im März 2010 ihre Stelle antrat, machte sie sogar im Nahen Osten damit Schlagzeilen. Sawsan Chebli, Grundsatzreferentin für interkulturelle Fragen bei Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Die Stelle der studierten Politikwissenschaftlerin wurde neu geschaffen, weil der Innensenator überzeugt ist, der Dialog der Kulturen sei essenziell für die innere Sicherheit Berlins.

Chebli berät, bereitet Projekte vor, pflegt den Kontakt zu Verbänden, betreut die Islamkonferenz. Ihre Biografie hilft ihr dabei. Geboren ist die 32-Jährige in Berlin, ihre älteren Geschwister kamen noch im Flüchtlingslager zur Welt, die Eltern stammen aus Palästina. Nun hat sie sich anderthalb Jahre bemüht, Brücken zwischen den Kulturen zu bauen. Christina Brüning hat sie von ihren Erfahrungen zwischen Sarrazin-Debatte und begeisterten Jugendlichen erzählt.

Berliner Morgenpost: Frau Chebli, der Wahlkampf ist vorüber. Das Thema Integration hat kaum eine Rolle gespielt. Wieso nicht?

Sawsan Chebli: Ich glaube, das hat einmal damit zu tun, dass wir monatelang so einen Hype um das Thema hatten. Außerdem hat das damit zu tun, dass alle Parteien wussten, Integration ist zwar ein wichtiges Thema, aber kein Gewinner-Thema. Die Debatte wurde immer hochemotional geführt, und das ist im Wahlkampf oft nicht hilfreich. Der Hype flachte mit Beginn des Wahlkampfes ab, und keiner hatte Interesse daran, das noch einmal aufzubauschen.

Berliner Morgenpost: Auffällig ist, dass Heinz Buschkowsky als Bürgermeister in Neukölln der große Wahlsieger war. Buschkowsky mit seiner robusten Auffassung von Integration und seiner Kritik am Berliner Integrationsgesetz. Geht die Berliner Integrationspolitik an den Vorstellungen der Leute vorbei?

Sawsan Chebli: Ich habe in den letzten anderthalb Jahren oft erlebt, wie negativ das Thema Integration besetzt ist. Das Positive, was stattfindet, wird oft kleingeredet. Buschkowsky schwimmt natürlich auf dieser Welle. Er verbreitet ganz einfach und strukturiert seine Thesen, malt ein schwarz-weißes Bild, und das bleibt hängen. Die Tatsache, dass Sarrazins Buch so ein Schlager ist, zeigt doch, wie negativ besetzt das Bild des Migranten in der Mehrheitsgesellschaft ist, trotz der Erfolge, die wir haben, und trotz der Tatsache, dass nur eine marginale Zahl der Migranten nicht integriert ist. Aber das kann man sagen, so oft man will, es geht bei den Leuten oft in ein Ohr rein und auf der anderen Seite direkt wieder raus. Ein Migrant ist für zu viele Menschen hierzulande jemand, der von Sozialhilfe lebt, dessen Kinder kriminell sind und, da der Migrant gleichgesetzt wird mit dem Muslim, will dieser mit seinem Islam Deutschland unterwandern. Von dem Bild kommen wir nur schwer weg.

Berliner Morgenpost: Klingt so, als müssten Sie sich ziemlich viel mit Vorurteilen auseinandersetzen. Sind Sie resigniert?

Sawsan Chebli: Überhaupt nicht. Die anderthalb Jahre haben mir ein klareres Bild von dem gegeben, wie Integration in Berlin gelebt wird. Ich hatte vorher mit dem Thema wenig zu tun, abgesehen davon, dass ich selber Migrantin und Muslima bin. Ich habe inzwischen eher eine nüchterne Einstellung gewonnen. Ich sehe, dass es noch viele Defizite aufseiten der Migranten gibt, und ich sehe, dass es Diskriminierung und Islamphobie gibt, und dass viele Menschen Vorurteile haben, weil es oft zu wenig Kontakt untereinander gibt. Ich habe viele ethnisch Deutsche getroffen, die ein negatives Migranten- und Islambild haben, aber keinen einzigen Migranten oder Muslim kennen. Das hat mich ziemlich erschüttert.

Berliner Morgenpost: Wo treffen Sie auf solche Vorurteile?

Sawsan Chebli: Ich war ja auf vielen Veranstaltungen zum Thema Integration eingeladen als sogenannte Vorzeige-Migrantin. Zu solchen Vorträgen oder Gesprächskreisen gehen meist entweder Leute, die sich positiv mit Integration beschäftigen, oder welche, die ihre Vorurteile bekräftigt sehen wollen. Und zwischen beiden fehlen oft die Brücken. Aber trotzdem habe ich bei meiner Arbeit auch gesehen: Vieles ist besser, als es in den Medien porträtiert wird.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Sawsan Chebli: Wir machen seit Dezember letzten Jahres ein großes Dialogprojekt JUMA mit muslimischen Jugendlichen. Wenn ich sehe, mit wie viel Elan und positivem Spirit sich diese Jugendlichen, von denen etwa 80 Prozent einen deutschen Pass haben, mit ihrer Identität beschäftigen, mit ihrer Rolle in der Gesellschaft - das ist ganz toll. Über Integration reden wir in dem Projekt explizit nicht, weil sie selbstverständlich ist. Diese dritte Generation, die Kindeskinder der sogenannten Gastarbeiter, identifiziert sich so selbstverständlich mit Deutschland und möchte Verantwortung übernehmen. Die verstehen sich als deutsche Muslime, nicht als Türken oder Araber, denn der Islam und Deutschland sind die Elemente, die sie verbinden. Diese Generation gibt Hoffnung und Zuversicht.

Berliner Morgenpost: Und warum setzt sich dieses Bild nicht durch?

Sawsan Chebli: Die Medien haben eine große Verantwortung. Für die beidseitige Wahrnehmung, also wie der Migrant die deutsche Mehrheitsgesellschaft sieht oder der ethnisch Deutsche den Migranten, spielt es eine Rolle, ob es nur negative Schlagzeilen zur Integration gibt oder ob auch positiv berichtet wird. Politiker und ihre Ausdrucksweise haben auch eine große Wirkung. Wenn die Kanzlerin zum Beispiel sagt, Multikulti sei gescheitert, dann bleibt das hängen. Und es herrscht oft einfach Sprachlosigkeit. Ein Beispiel: Mein Bruder und seine Familie haben einen Schrebergarten im Osten von Berlin. Die sind dort die einzigen Muslime. Meine Schwägerin trägt ein Kopftuch. Die Nachbarn haben sie erst vollkommen ignoriert. Mein Bruder hat die Nachbarn dann zum Kaffee eingeladen, mit ihnen gesprochen und von sich erzählt. Mittlerweile sind sie befreundet. Und die Nachbarn haben dann erzählt, sie hätten halt erst gedacht, da kommt jetzt so ein ganzer muslimischer Clan zu uns. Da kamen all diese Bilder von "den Muslimen" an diesem Kaffeetisch zum Tragen und konnten nur entkräftet werden, weil man miteinander gesprochen hat.

Berliner Morgenpost: Welche Erfahrungen haben sie denn mit der muslimischen Community in Sachen Dialogbereitschaft gemacht?

Sawsan Chebli: Ich habe in einem angespannten Klima rund um das Thema Integration hier angefangen. Sarrazin, Moschee-Anschläge, Äußerungen wie die von der Kanzlerin. Es war natürlich schwer, in dieser Atmosphäre die muslimische Community zu aktivieren, positives Marketing zu machen. Ständig waren sie ja durch die Debatten gezwungen, sich zu distanzieren, zu reagieren, in die Defensive zu gehen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie Sarrazin gelesen?

Sawsan Chebli: Ja, ich habe das Buch gelesen und selbst gedacht: Alles was ich mache, um zu zeigen, dass ich Deutsche bin, ist eigentlich Schwachsinn. Ich bin integriert, arbeite als Grundsatzreferentin einer staatlichen Behörde - und sogar mich hat dieser Mann und die Zustimmung für ihn dazu gebracht zu zweifeln, ob ich gewollt bin in diesem Staat. Mein Deutschsein hat Kratzer erfahren. Es ist mühsam, dagegen anzuarbeiten, das Bild geradezurücken, Sarrazin zu entkräften, zu sagen, ich bin keine Vorzeige-Migrantin, ich bin keine Ausnahme, ich bin eine von vielen. Aber ich spüre auch den Elan, das vorherrschende Bild der Muslime zu verändern. Die muslimische Community ist sehr lebendig und engagiert, sie wollen was verändern und Verantwortung übernehmen. Sie laden in die Moscheen ein, und immer mehr Menschen kommen, um zu schauen, was da passiert und was der Islam wirklich ist, sie gehen an Schulen und klären auf - in Berlin passiert sehr, sehr viel.