Fraunhofer-Institute

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Joachim Fahrun

Ein neues Fraunhofer-Institut für Informations- und Kommunikationstechnik soll der Berliner Wirtschaft und der Computerbranche neuen Schub geben. Die Fusion der in der Hauptstadt ansässigen Fraunhofer-Institute Fokus und First mit den Berliner Teilen des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik (ISST) bis zum Jahr 2013 ist beschlossene Sache.

In der Münchner Zentrale der Fraunhofer-Gesellschaft träumt man schon von einem "Fraunhofer-Tower" in zentraler Stadtlage, um die Sichtbarkeit in der Hauptstadt zu verbessern. TU-Präsident Jörg Steinbach hat eine enge Anbindung des Instituts an seine Technische Universität erreicht und strebt einen Neubau auf dem Charlottenburger Campus an.

Für die Stadt bietet sich mit dem Zusammengehen der stark anwendungsorientiert arbeitenden Software- und Computerforscher eine einmalige Chance, über die Forschung aktive Wirtschaftspolitik zu machen. Aber bisher hat sich die Landespolitik noch kaum in diesen Prozess eingemischt. So kommt es zu einem Gezerre um die neue Top-Einrichtung.

Die Fraunhofer-IT-Experten würden nach Adlershof passen, aber auch an die TU. Oder auf den Flughafen Tegel, den auch die neue SPD/CDU-Koalition zu einem Gewerbepark für sogenannte Urban Technologies ausbauen möchte.

Lösungen für die Stadt der Zukunft

"Informationstechnologien für die Stadt der Zukunft" sollen nach den Worten des Fraunhofer-Präsidenten Hans-Jörg Bullinger auch das Oberthema des neuen Fraunhofer-Instituts sein.

Wie wichtig es in Zukunft sein wird, Lösungen aus einer Hand anzubieten, erklärt Radu Popescu-Zeletin, Chef des Fokus-Instituts und federführend für die Fusion zuständig: "Es reicht beispielsweise oft nicht mehr aus, nur ein Softwaremodul zu entwickeln, das zwar die aktuellen Anforderungen erfüllt, aber nicht optimal mit den Softwarelösungen anderer Anbieter zusammenarbeitet." Prozesse, Kommunikationsinfrastrukturen, Systeme und Anwendungen müssten aufeinander abgestimmt sein. Vor allem die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben und die Integration in Verwaltungsprozesse erforderten häufig enormen Aufwand bei der Anpassung der IT. "Das Know-how der drei Fraunhofer-Einrichtungen ergänzt sich hier sehr gut", sagte Zeletin. Das neue Institut könne so noch besser auf die Bedürfnisse der Wirtschaft und der Verwaltung eingehen.

Aber die Berliner Politik hält sich bisher zurück. "Der Senat müsste die Gestaltung einer solchen Institution aufgreifen", hieß es vonseiten der Fraunhofer-Institute, die nur nach außen und offiziell die gute Kooperation mit dem Senat loben. "Wir vermissen, dass sich der Forschungssenat mal mit den inhaltlichen Fragen befasst", sagte Hardy Schmitz, Chef der Wista, die den Technologiepark Adlershof managt.

Die erfolgsverwöhnte Hightech-Zone im Berliner Südosten würde verlieren, wenn das Fraunhofer-Institut für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik First mit 140 Mitarbeitern und acht Millionen Euro Jahresbudget zwecks Fusion wegzöge. Darum haben Schmitz und Adlershofer Unternehmen ein offizielles Angebot vorgelegt. Sie wollen, dass nicht nur das First in Adlershof bleibt, sondern auch das an der Kaiserin-Augusta-Allee in Charlottenburg ansässige Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme (Fokus) mit 260 Mitarbeitern und das ISST mit etwa 70 Leuten vom Steinplatz nach Adlershof ziehen. Ein Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zum First könnte leer gezogen werden, sagte Schmitz. Die Miete wäre billiger als zurzeit.

Schmitz dringt auf eine schnelle Entscheidung: Forschungsinstitute seien ein "Konglomerat von Talenten. Die brauchen Perspektiven, sonst sind sie weg", warnte Schmitz. In seiner Brust schlagen in der Standortfrage zwei Herzen. Denn im Auftrag des Senats entwickelt Schmitz auch einen Plan, wie man am Tegeler Flughafen Forscher und Unternehmen ansiedeln kann, die sich mit den Bedürfnissen der Stadt von morgen befassen. Informations- und Kommunikationstechnologie, wie sie die drei Fraunhofer-Institute entwickeln, bilden die Basis für neue Energieversorgung, Gesundheitsdienste, Mobilität und Verwaltung. Insofern könnte er sich auch Tegel als Standort vorstellen. Nur entscheiden müsse sich die Politik eben. "Aber man kümmert sich einfach nicht darum", sagte Schmitz.

Die Perspektive einer Großinvestition in Tegel hätte eine hohe Anziehungskraft auf Unternehmen und andere Forscher, ein sogenanntes Cluster könnte entstehen. Berlin wird zwar Geld in die Hand nehmen müssen, denn in Fraunhofer-Instituten bezahlt der Bund zwar 90 Prozent des laufenden Budgets. Bei Bauinvestitionen trägt Berlin jedoch die Hälfte. Andererseits gehen Experten davon aus, dass ohnehin hohe zweistellige Millionenbeträge nötig sind, um das Terminalgebäude aus den 70er-Jahren herzurichten. Investieren muss Berlin also in Tegel, schon wenn der im Koalitionsvertrag vereinbarte Teil-Umzug der Beuth-Hochschule aus Wedding aufs Flughafengelände stattfinden soll.

Fokus-Direktor Popescu-Zeletin nannte Tegel eine "interessante Idee". Die Frage zum Standort des neuen Instituts sei jedoch noch offen. Denkbar sei, übergangsweise auch Räume zu mieten. Am liebsten wäre ihm aber ein eigenes Gebäude in unmittelbarer Nähe zur TU. "Entscheidend ist für uns am Ende die räumliche Nähe zu unseren Partnern aus der Forschungscommunity und der Industrie."