Eberhard Diepgen

Der Rekord-Regierende

Noch hält er den Rekord: Eberhard Diepgen hat insgesamt 16 Jahre lang Berlin als Regierender Bürgermeister angeführt, so lange wie kein Bürgermeister vor und keiner nach ihm. Noch - denn Ende November wird Klaus Wowereit (SPD) zum vierten Mal in Folge vom Abgeordnetenhaus zum Regierenden Bürgermeister gewählt, seit zehn Jahren ist er jetzt im Amt, Wowereit steuert auf die Marke 15 Jahre zu.

Seinen Vorgänger kann er also einholen, zuvor aber wird er ihm gratulieren: Am heutigen Sonntag, ab 11.30 Uhr, wird Wowereit im Schloss Friedrichsfelde erwartet, um eine kleine Rede auf Diepgen zu halten. Denn dort feiert Diepgen seinen 70. Geburtstag. Und alle kommen zum Gratulieren, die Rückschau fällt milde und anerkennend aus.

"Diepgens Leistung war es, die Einheit zwischen West- und Ost-Berlin hergestellt zu haben, die Stadt unter dem Dach des sozialen Friedens zusammengeführt zu haben", sagt Klaus Böger. Der 66-Jährige ist heute Chef des Landessportbundes und kennt Diepgen bestens. Böger war SPD-Fraktionschef in den Zeiten der großen Koalition ab 1991, ab 1999 Schulsenator und hatte ein vertrauensvolles Verhältnis zu Diepgen und den CDU-Kollegen. Böger trug aber auch maßgeblich zum Bruch der großen Koalition im Jahr 2001 nach der CDU-Spendenaffäre und dem Banken-Skandal in Berlin bei, denn nur mit seiner Zustimmung konnte Diepgen am 16. Juni 2001 im Abgeordnetenhaus abgewählt und Wowereit mit den Stimmen von Rot-Rot zu dessen Nachfolger bestimmt werden. Bögers Blick zurück ist freundlich, über die Fehler im Jahr 2001, über CDU-Spendenaffäre und die Folgen mag er gar nicht reden. "Ich bin immer gut mit Diepgen klargekommen, er hat sehr ausgleichend geführt, ein fairer Kollege", sagt der SPD-Mann. Und Diepgen habe gekämpft, für die Einheit, gegen die damalige Bundesregierung, die Berlin nach dem Fall der Mauer so rasch die finanzielle Unterstützung zusammenstrich, für gleiche Löhne in beiden Teilen der Stadt.

Von Wahlsieg zu Wahlsieg

Das waren die guten Jahre für Eberhard Diepgen. Die Regierungszeit von 1991 bis 2001. Die Gestaltung der deutschen Einheit. Die Wahlsiege für die CDU im Jahr 1990, 1995, 1999 - als Diepgen zuletzt 40,8 Prozent holte - und das in einer Stadt, in der die linken Parteien eigentlich doch eine satte Mehrheit haben. Aber Diepgen war etwas gelungen - gemeinsam mit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Klaus Landowsky -, woran seine Nachfolger in der CDU viele Jahre lang scheiterten: Er einte die Partei und er formte die Berliner CDU zu einer sozialen, freiheitlichen Partei. Fast war er sozialdemokratischer als die Sozialdemokraten, auf jeden Fall ein sozialdemokratischer Christdemokrat. Das war wichtig in einer Stadt wie Berlin, wo es kaum Industrie, aber viel verlängerte Werkbänke gab, wo Zehntausende im öffentlichen Dienst beschäftigt und vom Staat abhängig waren. Landowsky wurde auf den Betriebsversammlungen bei den Wasserwerken, den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und der Berliner Stadtreinigung (BSR) gefeiert und sagt noch heute: "Die Kleenen hab'n uns jroß jemacht."

Der Aufstieg des Eberhard Diepgen war ein langer, ein geduldiger Weg. Mit Rückschlägen auch. Geboren in Berlin, studierte er an der Freien Universität Jura, engagierte sich schon früh in der Studentenpolitik und der CDU, 1971 wurde er zum ersten Mal ins Abgeordnetenhaus gewählt - 30 Jahre lang gehörte er dem Landesparlament letztlich an. In die Bundespolitik hat es ihn nie gezogen, hier, in Berlin, da fühlte er sich stets wohl. Als Richard von Weizsäcker in den 80er-Jahren nach Berlin kam und Regierender Bürgermeister wurde, da war Diepgen Fraktionschef der CDU - ein wichtiges Amt. 1984 verließ Weizsäcker die Stadt, um Bundespräsident zu werden, Diepgen wollte es wissen. Er, dem das Image "blasser Eberhard" anhing und der vom politischen Gegner mit diesem Begriff verspottet wurde, setzte sich gegen Hanna-Renate Laurien durch, die als resolute Schulsenatorin hohes Ansehen genoss. Die Abgeordnetenhauswahl 1985 gewann Diepgen mit heute fast unvorstellbaren 46,4 Prozent der Stimmen für die CDU. Alles klar für den Höhenflug? Nun, Diepgen und seine CDU verloren den Kontakt zu den Menschen, die Antes-Affäre - auch damals ging es einmal mehr um Immobilien - schadete der Union in Berlin massiv, trotz immer größer werdender Wohnungsnot wurde das Jubiläum "750 Jahre Berlin" pompös gefeiert. 1989, noch vor dem Fall der Mauer, dann die schlimme Niederlage: Diepgen und die CDU verloren bei der Abgeordnetenhauswahl deutlich, die SPD mit Walter Momper übernahm die Macht und bildete die erste - und bis heute einzige - rot-grüne Regierung in Berlin. Schlimm, weil nicht Diepgen, dem die Einheit Deutschlands so eine Herzensangelegenheit war, den Fall der Mauer feiern und die ersten Monate danach gestalten konnte, sondern Momper. Die Bilder vom Mann mit dem roten Schal gingen um die Welt, von Diepgen, wieder CDU-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, keine Spur. Er hat gelitten damals. In seinen Memoiren drückt er seine Rolle in den Jahren 1989/90, wie er das so häufig macht, verklausuliert aus: "Mittenmang? Nein, das wäre eine Übertreibung. Aber ein privilegierter Zaungast der Entwicklungen rund um den Fall der Mauer war ich doch."

Ohne Diepgens Zutun versinkt die rot-grüne Berliner Landesregierung im Chaos, Streit ohne Ende, der Widerstand in der Bevölkerung wächst, schließlich platzt die Koalition nach nicht einmal zwei Jahren. Vorzeitig gewählt wird im Dezember 1990, wieder stehen sich Diepgen und Momper gegenüber. Die CDU siegt mit 40,4 Prozent, Diepgen kehrt ins Amt zurück. Sein Triumph - und es folgt seine Zeit. Er, ein verlässlicher Typ, der zuhören kann, der gerne einmal mehr nachdenkt, der am liebsten jede Akte selbst bearbeiten würde, der die tägliche Arbeit liebt und sich in Berlin so gut auskennt, ist der richtige Mann für diese schwierige Zeit. Einer, der sozial denkt und handelt, der offen, ja liberal ist, aber gar kein Wirtschaftsliberaler. Diepgen ist kein Besser-Wessi und keiner, der abfällig über "Ossis" redet. Die Berliner spüren das. "Eberhard ist für die ganze Stadt da, ich für die Partei", sagt CDU-Fraktionschef Landowsky damals - wie heute. Landowsky findet schon mal die Worte, die so mancher Konservative in der CDU hören will - von den Obdachlosen vor dem Reichstag oder den eisernen Besen, mit denen die "Wärmestuben in Brandenburg" ausgefegt werden müssten -, das aber schadet Diepgen nicht. Im Gegenteil: Das Image vom "blassen Eberhard" verblasst, der Regierende Bürgermeister, der die Sorgen seiner Berliner kennt, gewinnt an Ansehen. Er steigt mit Berlin aus der Tarifgemeinschaft deutscher Länder aus, er stimmt der Steuerreform der rot-grünen Bundesregierung im Bundesrat zu - und bekommt dafür zwar mächtig Ärger mit Angela Merkel, aber von Bundeskanzler Schröder auch mehr Geld für die Polizei und die Sanierung des Olympiastadions. Er sorgt für Investitionen im Ostteil, lässt aber das alte West-Berlin nicht hängen. "Eberhard Diepgen ist der Regierende Bürgermeister der Herzen", wird Frank Steffel im Jahr 2001 sagen, kurz vor dessen Abwahl. Das war zwar, typisch Steffel, übertrieben - aber auch ein bisschen wahr.

"Diepgen ist immer geradlinig gewesen, er war nie ein Intrigant", sagt Landowsky. Der 69-Jährige, der 2001 die ganze Partei mit sich ins politische Aus zog, kommt am Sonntag auch zum Gratulieren. Er galt immer als enger Freund, was so gar nicht stimmt, aber er war der politische Vertraute, der engste politische Weggefährte. Die Arbeitsteilung funktionierte. "Eberhard Diepgen ist immer sehr sachlich gewesen, empfänglich für Ideen von Dritten, er ist unvoreingenommen an die Dinge herangegangen", sagt Landowsky. Und was war Diepgens größte Leistung? Landowsky ist sich mit vielen Weggefährten Diepgens einig: Da ist zum einen die Partei, die Diepgen - immerhin 19 Jahre lang CDU-Chef in Berlin - zu einer "sozialen und liberalen Großstadtpartei" geformt habe. Zum anderen ging es um die Stadt: "Er hat den sozialen Frieden in der Stadt gesichert und Berlin auf Weltstadtniveau geführt." Über Fehler will Landowsky lieber nicht reden - nicht vor einem 70. Geburtstag. Klaus Böger, der in der großen Koalition auf Augenhöhe mit Diepgen und Landowsky verhandelte, schon - wenn auch nicht über das unheilvolle Jahr 2001, durch das auch das Verhältnis zwischen Böger und Diepgen Schaden genommen hat. Zwei Fehler hat der SPD-Politiker ausgemacht: die Entscheidung gegen Sperenberg und für Schönefeld als Standort des künftigen Großflughafens und den Beschluss, über die Fusion von Berlin und Brandenburg nicht parallel zu einer Landtagswahl abstimmen zu lassen. "Die Region hätte so viel gewonnen, wenn die Entscheidungen anders getroffen worden wären", sagt Böger.

Ehrenvorsitzender seiner Partei

Das liegt lange zurück, im kommenden Jahr wird der Großflughafen BER in Schönefeld eröffnet und Diepgen sicherlich beim Festakt dabei sein. Über eine Länderfusion redet niemand mehr. Diepgen selbst hat sich nach seiner Abwahl aus der Politik zurückgezogen, als Anwalt gearbeitet, und er ist noch Ehrenvorsitzender der Berliner CDU und berät so manchen Politiker. Auch mit Frank Henkel, dem derzeitigen Landes- und Fraktionsvorsitzenden der CDU, hält er Kontakt. Man kennt sich gut, schließlich war Henkel im Jahr 2001 sein Büroleiter. Jetzt kann Diepgen Tipps für die Bildung einer neuen großen Koalition geben. "Ich werde ab und zu konsultiert, beraten wäre zu viel gesagt", erzählt er wenige Tage vor seinem Geburtstag. Dass es wieder eine große Koalition geben wird, das findet er erwartungsgemäß gut. In seinen Worten: "Die Gesamtbevölkerung wird einbezogen, das ist wichtig. Die kleinen Leute wurden in den letzten Jahren vernachlässigt." Aber nun müssten CDU und SPD darauf achten, dass diese neue große Koalition mehr sei als "nur pragmatische Zusammenarbeit", er wünsche sich "ein bisschen mehr moderne Großstadt, in der alle Bevölkerungsteile berücksichtigt werden". Der 70-jährige Diepgen hört sich an wie der 50-Jährige oder der 60-Jährige.

Mit sich ist der ehemalige Regierende Bürgermeister im Reinen, zum Geburtstag bittet er um eine Spende für Tierpark und Zoo, wo er sich seit Kurzem engagiert, oder für das Union-Hilfswerk. Fast alle CDU-Senatoren aus Diepgens Amtszeit wollen am heutigen Sonntag ins Schloss Friedrichsfelde kommen, auch Joachim Gauck. Am Abend feiert Diepgen im kleinsten Familienkreis, und dann geht es auf Reisen - eine Kreuzfahrt über den Atlantik hat sich Diepgen zum Geburtstag geschenkt. "Ich bin wunschlos glücklich", sagt er. Wie schön.

"Diepgen ist immer geradlinig gewesen, er war nie ein Intrigant"

Klaus Landowsky, Ex-Fraktionschef der Berliner CDU