Heinz Buschkowsky

"Bushido eignet sich nur bedingt als Vorbild"

Ein Bambi für Bushido! Das bringt so manche Gefühlswelt in Wallung. Die einen klatschen sich die Hände wund und die Stimme wird heiser durch die Jubelgesänge, den anderen schwellen die Halsschlagadern und der Kopf droht vor Zornesröte des Entsetzens zu platzen.

Wer ist dieser Bushido? Er ist ein Gymnasiast mit Abschlussphobie, der als Skandal-Rapper zum Idol eines Teils unserer Jugend wurde. Er hat mit seinen Songs Millionen verdient. Für die Sprache seiner Werke gibt es kein Negativattribut, das nicht passen würde. Sexistisch, diskriminierend, brutal, menschenverachtend, frauenerniedrigend, schwulen- und lesbenfeindlich, gewaltverherrlichend, islamistisch, rechtsradikal, eklig, abstoßend und primitiv. Jeder findet in seinen Texten ein passendes Zitat. Richtig ist auch, dass er sich mit Leuten des Machomilieus umgibt, die ich sonntags nicht am Kaffeetisch zu Besuch haben möchte. Viele seiner Songs sind als jugendgefährdend indiziert.

All das ist ohne Zweifel eine Seite des bis etwa 2006 real existierenden Bushido als Ikone der sogenannten Ghetto-Kids. Also der Jugendlichen, die in den Stadtgebieten leben, die man soziale Brennpunkte nennt. Er textet in der vulgären Sprache der Straße so, dass die vorwiegend jungen Männer sich in den Wortpassagen mit all ihrem Frust wiedererkennen. Ja, so wollen sie auch sein. Bushido kanalisiert ihre Aggressionen, und das Hören seiner Songs gibt dem eigenen Komplex Raum für Fantasien. Er wird zu einer Figur, auf die Glaube und Hoffnung projiziert wird und hat damit nicht schlecht verdient.

Es gibt aber auch einen anderen Bushido. Den nachdenklichen und den, der da sagt, dass die Ghetto-Kids in unserem heutigen System der Ausgrenzung keine Chance haben. Dass wir mit ihnen anders, konsequenter umgehen müssen. "Wer die Regeln verletzt, muss sofort richtig Ärger kriegen", formulierte er in einem Streitinterview mit mir im Jahr 2009. Zur Integration junger Menschen lautete sein Credo: "Die Frage ist nicht, ob ich Ausländer oder Deutscher bin, sondern ob ich Kultur und Bildung habe". Das hört sich nicht mehr nach Brutalo-Fäkal-Sprache an.

Er ist ein hervorragendes Beispiel für eine gelungene Integration, sagt der Burda-Verlag. Ob das wirklich die richtige Bambisparte ist? Wieso muss man einen Menschen integrieren, der eine deutsche Mutter hat, in Bonn geboren, in Berlin aufgewachsen ist und seinen tunesischen Vater gar nicht kennt? Wenn er sich einen Bambi verdient hat, dann doch wohl für Cleverness, hervorragende Adaption unseres gesellschaftlichen Geldmachsystems und für das Erreichen von Jugendschichten in ihrer eigenen Kultur. Viele vermeintlich klügere Leute haben sich an dieser Aufgabe seit Jahrzehnten die Zähne ausgebissen.

Bleibt noch die Frage der Moral. Schauen wir uns einmal um. In den Gesellschaftskreisen der Abonnenten von Wirtschaftsblättern wird hin und wieder eine recht großzügige Elle angelegt. So manche Wirtschaftskoryphäe des Jahres war wenig später mit dem Staatsanwalt auf Du und Du oder für die Pleite vieler Handwerksbetriebe verantwortlich. Wieviele hasardierende Banker tragen ihre Orden noch heute stolz an der Brust?

Sicher, ein Bambi steht für Scheue, Reinheit und Hilflosigkeit. Ob Bushido diesem Wesen entspricht, wird in vielen Familien zwischen Mama, Papa und den Pubertierenden bestimmt zu leidenschaftlichen Diskussionen führen. Als Vorbild und zur Nachahmung empfohlen, eignet sich Bushido nur bedingt. Aber er ist auch älter geworden, seine Texte erwachsener und seine Auftritte reifer. Also stellen wir das Bambi gelassen in den Trophäenschrank. In einem Jahr gibt's neue.